ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2015Familie als Patient: Emotionale Grenzen nicht meiden
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Es gehört einfach zur amerikanischen Kultur, alle Dinge systematisch und uniform, am Ende verbindlich zu regeln, und zwar auch das, was sich von allein regelt. Das sollte man verstanden haben, bevor man isolierte Phänomene „von drüben“ auf hiesige Verhältnisse überträgt. Mit dem „AMA-Code“ ist es dasselbe. Emotionale Grenzen muss man nicht meiden wie der Teufel das Weihwasser, sondern man kann sie erfahren und damit leben lernen. Sich hinter einem „Code“ zu verstecken, finde ich unprofessionell und unmenschlich.

Anfragen aus der Familie kommen meistens erst dann, wenn externe Kollegen keine Hilfe leisten konnten. Der Frust ist besonders groß, wenn Angehörige als normale Kassenpatienten abgefertigt wurden. Dann wird erst mal auf „die Ärzte“ geschimpft, bevor man sich besinnt, dass man gerade mit einem redet und diesen einfach fragen könnte. Die eigenen Ratschläge werden aber auch anschließend mit dem Hausarzt oder Spezialisten diskutiert, um zu erfahren, was denn der dazu meint. Auch das muss man wissen und aushalten.

Was spricht denn ernsthaft dagegen, gelegentlich einen Rat zu geben oder mit einem Rezept auszuhelfen, wenn man darum gebeten wird? Mit Zurückweisung und Abwehr zu reagieren, wie vorgeschrieben wird, würde als Mangel an Interesse und/oder Herzlosigkeit empfunden werden, bestimmt nicht als „Professionalität“. Sollte man wirklich in einen Konflikt geraten oder sich überfordert fühlen, wird sicher ein offenes Wort am ehesten verstanden. Wenn der Fall schwieriger wird, wird man doch von selbst einen kompetenten Kollegen zu Rate ziehen. Bei invasiven Maßnahmen empfindet das wohl jeder anders. Es hängt auch von Alter und Erfahrung ab, ob man sich dabei wohlfühlt, jemanden zu operieren oder zu anästhesieren, den man gut kennt. Am Anfang meiner Laufbahn hätte mich das noch sehr gestresst, aber inzwischen kann ich mit der höheren Belastung umgehen. Das gute Gefühl, das Bestmögliche für den Angehörigen als Patienten getan zu haben, gleicht das am Ende aus . . .

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Dr. med. Volker Dorß, 22307 Hamburg

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