ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2015Hämangiome bei Kindern: Rückbildungen durch systemische Therapie mit Propranolol

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Hämangiome bei Kindern: Rückbildungen durch systemische Therapie mit Propranolol

Siegmund-Schultze, Nicola

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Bis zu 10 % aller Säuglinge entwickeln Blutschwämme, die meisten (> 85 %) bilden sich spontan zurück. Wachsen sie rasch oder sind an kritischen Stellen wie Augen, Lippen oder After, müssen sie mit Laser, Kryotherapie oder Skalpell entfernt werden (ca. 12 % der Hämangiome). Dies gelingt nicht immer komplett und es können Narben bleiben. Der Betarezeptorenblocker Propranolol hat sich in kleineren Studien als wirksam gegen Hämangiome erwiesen und ist seit April 2014 für diese Indikation in Deutschland zugelassen. Daten aus qualitativ hochwertigen klinischen Studien fehlten aber bislang.

Nun ist eine multizentrische, randomisierte, doppelblinde Studie publiziert worden, an der 456 Säuglinge mit proliferierenden Hämangiomen (≥ 1,5 cm) teilnahmen. Es gab 5 Studienarme: entweder Propranolol (pädiatrische orale Zubereitung in Dosierungen von 1–3 mg Propranolol/kg KG täglich für 3–6 Monate) oder Placebo (Randomisierung: 2 : 2 : 2 : 2 : 1). Primärer Endpunkt war eine komplette oder fast komplette Rückbildung der Hämangiome oder ein Therapieversagen. Auf Basis einer Interimsanalyse von 188 Patienten wurde für den Wirksamkeitsvergleich der Endauswertung die Dosierung 3 mg/kg KG für 6 Monate gewählt. Bei 60 % bildeten sich die Hämangiome unter Propranolol vollständig oder nahezu vollständig zurück (Placebo: 4 %; p < 0,001). In Woche 5 lagen die Ansprechraten unter Verum bei 88 % (Placebo: 5 %). Bei 10 % der zunächst erfolgreich behandelten Kinder traten die Hämangiome bis 72 Wochen nach Therapieende wieder auf. Nebenwirkungen wie Hypoglykämie, Hypotonie, Bradykardie oder Bronchospasmen wurden nicht signifikant häufiger unter Propranolol als bei Placebo beobachtet.

Wirksamkeit von Propranolol und Placebo bei Hämangiomen im Kindesalter
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Wirksamkeit von Propranolol und Placebo bei Hämangiomen im Kindesalter

Fazit: Propranolol ist zur Therapie von infantilen Hämangiomen wirksam und sicher. „Es ist eine wichtige systemische Behandlungsoption, wenn es sich um komplikationsträchtige Hämangiome handelt“, sagt Dr. med. Tobias Schuster, Chefarzt der Klinik für Kinderchirurgie am Klinikum Augsburg. „Aber auch lokale Therapien sollten diskutiert werden. Es geht darum, Wachstum zu stoppen, eine Rückbildung zu beschleunigen, funktionelle Beeinträchtigungen zum Beispiel des Visus und ästhetische Probleme zu verhindern oder Abheilungen zum Beispiel einer anogenitalen Ulzeration zu begünstigen“, so Schuster, der mit dieser Meinung auch die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie vertritt. „Propranolol sollte also nicht angewandt werden bei unproblematischer Lokalisation am Oberarm etwa oder am Stamm oder wenn es keine Funktionsbeeinträchtigung gibt.“ Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Léauté-Labrèze C, Mazereeuw-Hautier J, Guibad L, et al.: A randomized, controlled trial of oral propranolol in infantile hemangioma. New Engl J Med 2015; 372: 735–46.

Wirksamkeit von Propranolol und Placebo bei Hämangiomen im Kindesalter
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Wirksamkeit von Propranolol und Placebo bei Hämangiomen im Kindesalter

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