SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Private Rechnung

Dtsch Arztebl 2015; 112(25): [72]

Böhmeke, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Moderne Medizin ist erklärungsbedürftig. Die inhaltlich korrekte Ansage „Sie haben eine hochgradige C-Läsion, die nun mit einem Drei-Null-Fünfzehn-Stent versorgt wird!“ lässt den Betreffenden mit vielerlei Vermutungen alleine. Diese reichen von der Frage, warum Drähte ins Herz vorgeschoben werden, wo doch der Zeh hochgradig lädiert ist, bis zur Sorge darüber, ob besagter Stent etwas mit 08/15 zu tun hat. Kein Wunder, dass wir unseren Schutzbefohlenen immer wieder hilfreich zur Seite stehen müssen, um mutmaßlich Missverständliches in einen klaren Kontext zu rücken. Wie auch heute.

„Herr Doktor Böhmeke, dass können Sie sich nicht vorstellen, was mir passiert ist!“ Ich bin gespannt wie ein Fixateur externe. „Ich war beim Metzger, und dort traf ich auf den Chefarzt, der mich mal vor einem Jahr behandelt hatte. Ich fand, das war doch eine gute Gelegenheit, ihn gleich mal zur Rede zu stellen!“ Warum? Auch Chefärzte müssen mal einkaufen gehen, und die Zeiten sind längst vorbei, wo sie alles Mögliche delegieren konnten. „Das meinte ich doch gar nicht. Ich habe ihm von meinen Beschwerden erzählt!“ Das ist aber kein gelungenes Ambiente für eine Sprechstunde. „Wie meinen Sie das?“ Na ja, so zwischen all den gesättigten Fettsäuren, die sich in der Auslage des feilbietenden Metzgers fläzen, könnte ein Vortrag über die koronarschädlichen Eigenschaften ebendieser Stoffe zum Hausverbot führen. „Ja und?! War doch eine günstige Gelegenheit!“ Vielleicht.

Es ist eine diskutable Eigenschaft des Menschen, bei Sonderangeboten immer zugreifen zu müssen. „Aber am nächsten Tag kam die Unverschämtheit!“ Tja. Vermeintliche Billigangebote haben meist einen Haken. „Und zwar in Form einer Honorarforderung! Per Post! Über eine Beratung! Was sagen Sie jetzt?!“ Wahnsinn! Der Kollege ist hervorragend organisiert, die Post überpünktlich! „Sie haben mich wohl nicht richtig verstanden! Ist das nicht eine Unverschämtheit?!“ Nein. „Was soll das dann sonst sein?“ Ein schönes Beispiel einer gezielten Desensibilisierung. „Einer WAS?!“ Einer lobenswerten Desensibilisierung bei dysplazierter Iatrophilie. „Herr Doktor Böhmeke! Das müssen Sie mir erklären!“ Gerne.

Wir Ärzte werden doch immer als Allgemeingut betrachtet, als wandelnde Berater, als allzeit verfügbare offene Ohren, als grenzenlose Spender von Mitleid, als Füllhorn der Empathie, das zu jeder Tages- und Nachtzeit, überall und immerfort zur Verfügung steht. Dabei sind wir auch nur Menschen, die mal ungestört ihren Obliegenheiten nachgehen wollen. Aber das ist wohl schwer zu akzeptieren. Ich finde es mehr als richtig, dass der Kollege ihm seine Leistung in Rechnung gestellt hat. „Ihre Betrachtungsweise ist obskur!“ Finde ich nicht. Ich finde es eher obskur, wenn wir Ärzte beim Metzger zu Muskelzerrungen und Leberversagen, im Theater zu Tinnitus und Taubheit, im Schwimmbad zum superinfizierten Intertrigo befragt werden. „Mit Ihrer Sicht der Dinge stehen sie aber alleine!“ Da wäre ich mir nicht so sicher. „Gott sei Dank kriegt niemand etwas von Ihren schrägen Ansichten mit!“ Da wäre ich mir noch weniger sicher. „Warum?“ Wir beide stehen bereits im Deutschen Ärzteblatt.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige