ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2015Not­fall­daten­satz: Nicht praxistauglich
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Man muss den Artikel mehrmals lesen, um es zu glauben: 13 Hausärzte haben für je fünf schwerkranke Patienten auf Papier vermutlich relevante Informationen zusammengestellt und fanden die Idee gut. Damit soll jetzt für den Not­fall­daten­satz geworben werden. Getestet wurden offensichtlich die Eindeutigkeit und Vollständigkeit der Datenzusammenstellung, und dieser Test misslag: In 70 Prozent fehlten wichtige Daten. Zum tatsächlichen Zeitaufwand für die Papierversion wurden keinerlei Angaben gemacht, außer dass 62 Prozent der Ärzte ihn zu hoch fanden.

Was zur Beurteilung der Praktikabilität eines Not­fall­daten­satzes auf einer eCard fehlt, sind aber:

  • eine Datenzusammenstellung und Speicherung auf der eCard selbst,
  • eine Beurteilung der Datenauslesung im Notfall etc.,
  • eine Erfassung des tatsächlichen Arbeitsaufwandes für Ärzte und Mitarbeiter,
  • eine Kostenschätzung für diesen Arbeitsaufwand oder ein realistischer Plan, wo diese Arbeitszeit eingespart werden soll: Akutversorgung, Prävention, Chronikerversorgung . . . ,
  • ein Vergleich Ist-Zustand und mit einer Papierversion (zum Beispiel erweiterter standardisierter Medikamentenplan),
  • eine Klärung der Frage, wie viele Notfalldatensätze auf eCards, Lesegeräte und HPC-Karten erforderlich sind, um einen Todesfall zu verhindern (IQWiG-Kriterium für Medikamente).

Meine Einschätzung: Für die individuelle Versorgung aller Multimorbiden und chronisch Kranken werden neben hohen Hardware-Kosten (Geräte für alle Ärzte, und Sanitäter . . .) etwa ein bis zwei zusätzliche hausärztliche Arbeitsstunden und ein bis zwei MFA-Arbeitsstunden pro Arbeitstag (!) erforderlich sein. Als Alternative eignet sich die automatische Übernahme der bekanntermaßen unvollständigen und fehlerhaften Datensätze aus der Praxis-EDV ohne Nachbearbeitung, die etwa eine zusätzliche Mitarbeiterstunde pro Tag kostet. Bei fraglichem Nutzen.

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Anders gefragt: Wer würde ein Medikament zulassen, dass

  • nur auf dem Papier existiert?
  • Milliarden kostet?
  • keinen bewiesenen Nutzen hat?
  • ein erhebliches Missbrauchspotenzial birgt?

Dr. med. Uwe Popert, 34119 Kassel

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