ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2015Gesundheitsreformen: Nachhaltig bauen

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Gesundheitsreformen: Nachhaltig bauen

Dtsch Arztebl 2015; 112(25): A-1107 / B-927 / C-899

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe (CDU) geht Deutschlands Gesundheitswesen nicht wie seine Vorgänger als „Haifischbecken“, sondern eher als „Großbaustelle“ an. Prinzipiell ist es gut, wenn aus Jägern und Gejagten Baumeister werden. Das zeugt von veränderter politischer Kultur, vom anderen Umgang mit den Kontrahenten.

Aber zu meinen, das sei dann auch das Ende aller Kontroversen, geht an der Sachlage vollkommen vorbei. Die letzten Monate im Vorfeld von E-Health- oder Versorgungsstärkungsgesetz, die anhaltende Palliativdiskussion, aber auch die Pflegedebatte versprechen da durchaus anderes.

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Unbenommen: Gröhes Ministerium wird vor der parlamentarischen Sommerpause einiges geschafft haben. Aber noch steht vieles im Auftragsbuch. Geplant wird, so der erklärte Wille, maßstabsgetreu nach Koalitionsprogramm. Dass die politische Architektur sich dabei nicht gerade streng an Vorgaben der systemischen Statik orientiert, sondern – zum Beispiel im Terminservice oder beim Zwangsaufkauf von Praxen – sich eher mit Fassade und Makulatur befasst, haben die betroffenen Leistungsträger durch ausdrückliche Stellungnahmen und Gespräche, aber auch in öffentlichen Diskussionen immer wieder betont. Änderungen, wie beispielsweise die Heraufsetzung der Überversorgungsgrenze, ab der Kassenärztlichen Vereinigungen Praxen aufkaufen sollen, haben nur nachgebessert. Gebaut wurde trotzdem.

Ob man es wünscht oder nicht: Hermann Gröhe wird in diesem Sommer in den Medien der erfolgreiche Bauleiter. Seine Geschäftigkeit spricht für sich – und die politische Bewertung ist schon durch die koalitionäre Regierungsmehrheit gewährleistet. Wer wie Bündnis 90/Die Grünen beim Versorgungsstärkungsgesetz dann in der Sache opponiert, dem unterstellt man Mäkelei, oder, wie wie der Gesundheitspolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Jens Spahn, anmerkte, mit Gewalt nach einem „Haar in der Suppe“ zu suchen. An der Zustimmung für das Gesetz konnten sie nichts ändern: Keine Mehrheiten? Also, weiter geht’s.

Dass der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter mit aufgekrempelten Ärmeln am Gesundheitswesen baut, schafft in diesem Sommer den Eindruck, als gäbe es ein Richtfest nach dem anderen. Letztlich haben auch die Ärzte in Teilen mit dem Minister zusammen – beispielsweise in der Positionierung zur Palliativdiskussion – manche Fundamente mit vorbereiten können. Ob sie zum Tragen kommen, werden die kommenden Monate zeigen.

Außer Zweifel steht: Im Gesundheitswesen muss jetzt eine stabile Vorsorge für die kommenden Jahrzehnte getroffen werden – Demografie und die Weiterentwicklung des medizinischen Fortschritts lassen keine Alternative. Aber Vorhaben wie die, Krankenhäuser für die ambulante Versorgung zu öffnen, sind für so etwas schon im Ansatz schlecht geplant. Auch anderes, wie beispielsweise die bedingte finanzielle Unterstützung des Bundes für die Innovationsförderung der Kliniken in den Ländern, bleibt ein Luftschloss, solange die Länder nicht ihren Teil dazu tun. Gut gemeint ist nicht zwangsläufig auch nachhaltig gebaut.

Aufmerksamen Beobachtern wird ohnehin nicht entgangen sein: Der Gesetzgeber baut an vielen Stellen, die die Statik des Gesundheitswesen im Ganzen verändern können. Es geht um mehr als nur „Haare in der Suppe“. Die Politik brockt etwas ein – und, wie immer, auslöffeln müssen es die Patienten und ihre Ärzte.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 25. Juni 2015, 20:26

In diesem Leit(d)artikel auf SEITE EINS...

kommt der Begriff "Gesundheit" achtmal vor - der Begriff "Krankheit" findet kein einziges Mal Erwähnung. Das ist der springende Punkt!

Während Politik, Medien, Krankenkassen und Öffentlichkeit gerne gesund vom digitalen "Gesundbeten" im "Gesundheitswesen" träumen, während demnächst alle Krankenwagen in "Gesundheitswagen" umgetauft werden sollen, weil das so herrlich harmlos klingt, beschäftigen sich Ärztinnen und Ärzte in Klinik und Praxis nahezu ausschließlich mit K r a n k h e i t e n, U n f ä l l e n und L e i d e n ihrer Patientinnen und Patienten.

Aber ärztliche Anamnese, Untersuchung, Differenzialdiagnose, gemeinsam abwägende Entscheidungsfindung, Therapie, Intervention, Reflexion und Palliation verkommen zur angreifbarsten Nebensache der Welt.

Wesentlich entscheidender sind Prozess- und Ablauforganisation, Dokumentation, juristische Absicherung, Vernetzung, EDV-Kompatibilität, Textbausteine, Formularwesen, Clouds, Bürokratie und Verwaltung geworden. Da würden echt Kranke und ihre analogen Krankheiten eher nur stören.

Es ist paradox: Die medizinisch-ärztliche Welt der Krankheiten, der Anamnese, Untersuchung, Beratung, Differenzialdiagnostik und multidimensionaler Therapien ist nun mal n i c h t digital, sondern analog. Selbst die digitale vaginale oder rektale Tastuntersuchung bedeutet ein rein analoges Procedere. Unsere Kernkompetenz sind Zehntausende von Krankheitsentitäten, ambulante/stationäre Pharmako- und Physiotherapien, Heilbehandlung, REHA, Operationen, radiologische Diagnostik mit Intervention und Strahlentherapie, Injektionen/Infusionen, Kuren, Minimalinterventionen oder Hybrid-OPs: Bei Herz- und Hirn-Infarkten, ACS, Herzfehlern, Aneurysma, Miss- und Fehlbildungen, Lungenembolien, akutem Abdomen, eingeklemmten Hernien, KHK, systolischen/diastolischen/pulmonalen Hypertonien, Hyperlipidämien, PAVK, Mesenterialinfarkten, Tumorkrankheiten, Kachexie und Marasmus, zerebralen Krampfanfällen, Gallenstein- und Nierensteinkoliken, entgleisten Typ-1 und 2-Diabetes Krankheiten und Komplikationen, rheumatischen oder endokrinen Systemkrankheiten, Kollagenosen, Addison-Krisen, Thyreotoxikosen, Nierenversagen, dekompensierter Herzinsuffizienz, Infektionen mit Viren/Bakterien/Pilzen/Parasiten, chronischen Schmerzen usw usf.

Während der medizinisch-industrielle Komplex immer größer, die Pharmaindustrie immer stärker, Forschung und Wissenschaft immer differenzierter und die Gesundheitsökonomie immer breiter aufgestellt werden, sind die eigentlichen Akteure in den unterschiedlichen Bewältigungsstrategien ("coping") von Krankheiten, Ärzte u n d Patienten, scheinbar zur Bedeutungslosigkeit unter dem Druck von "Gesundheitsaposteln" und ihren globalen "Gesundheitsstrategien" verkommen. Am Kranksein sollte schließlich jeder selbst schuld sein - oder hat er nur nicht gesund genug gelebt bzw. aufgepasst?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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