THEMEN DER ZEIT

Wissenschaft: Plagiate in der Medizin

Dtsch Arztebl 2015; 112(25): A-1130 / B-947 / C-919

Oestmann, Jörg-Wilhelm

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Noch vor kurzem war ich – seit fast 20 Jahren mit Promotionsverfahren vertraut – der Ansicht, Plagiate seien kein Problem in der Medizin: „Wir fälschen Daten, Abschreiben spielt bei uns keine Rolle“. Die Entwicklung des letzten Jahres hat mich eines Besseren belehrt. An der Charité laufen derzeit 27 Verfahren zu Vorwürfen des Plagiats in Jahre zurückliegenden Doktorarbeiten. Andere medizinische Fakultäten sehen sich mit dem gleichen Problem konfrontiert. Etliche Ärzte werden vermutlich ihren akademischen Grad verlieren.

Der Sachverhalt ist juristisch ziemlich eindeutig. Jede Übernahme von Texten, Tabellen und Grafiken ohne saubere Referenzierung erfüllt die Kriterien eines Plagiats. Die verfügbaren Techniken zum Aufspüren von Plagiaten entwickeln sich stets weiter. Ausarbeitungen werden heute regelhaft digital vorgelegt. Die verdeckten Quellen sind ebenfalls digital verfügbar. Es ist technisch viel leichter geworden, mit „copy and paste“ zu plagiieren – und es ist unendlich viel leichter, die Plagiate zu entdecken. Spezielle Plattformen zur Aufdeckung des Missbrauchs – allen voran VroniPlag – sind gut organisiert und werden von einer großen Gruppe hochmotivierter und fachkundiger Mitarbeiter getragen.

Nun wird dieses Instrumentarium auch auf die Medizin übertragen. Und wir sehen uns plötzlich konfrontiert mit medizinischen Dissertationen, die im Extremfall bis zu 97 Prozent Plagiatsanteil haben. Auch kommt es vor, dass Arbeiten, deren Datenqualität außer Frage steht und deren wissenschaftlicher Wert hoch ist, durch fahrlässige Textübernahmen unter Verschweigen von Quellen entwertet werden. Karrieren verdienter Wissenschaftler sind gefährdet.

Die laufenden Stichproben sowohl von VroniPlag als auch von entsprechenden verfügbaren Programmen wie „Ithenticate“ werden immer wieder – und ungerechtfertigt – auf einfache Prozentzahlen reduziert. Auch wenn man das akzeptiert, stellt sich die Frage nach der Signifikanzschwelle: Ab wie viel Prozent ist ein Plagiatsvorwurf ernst zu nehmen, ab wann müssen akademische Aufsichtsgremien tätig werden?

Darauf wird es wahrscheinlich zwei Antworten geben: Im akademischen Bereich wird jede inkriminierte Arbeit individuell daraufhin überprüft werden müssen, in welchem Zusammenhang die Plagiate auftreten und inwieweit sie die wissenschaftliche Aussage der Arbeit kompromittieren. Bei häufig verwandten Methodiken etwa ist die Zahl der guten Beschreibungen endlich und auch unbeabsichtigt sind Textgleichheiten möglich. In der Einleitung und Diskussion ist ein Plagiat sicherlich anders zu werten. Nicht korrekt referenzierte Übernahmen von Tabellen und Grafiken überschreiten die Scheidelinie zur Datenfälschung, da sie eigene Daten vortäuschen, wo keine sind. 

Im juristischen Bereich werden die Verwaltungsgerichte eigene Bewertungen erarbeiten. Beim Entzug eines akademischen Grades wird der Gang vor das Verwaltungsgericht häufig dann erfolgen, wenn Grenzbereiche erreicht werden. Werden Plagiatsanteile von mehr als 70 Prozent entdeckt, werden nur wenige den Weg vor den Richter einschlagen. Wie sich die Rechtspraxis letztendlich entwickeln wird, ist nicht vorherzusagen.

Es ist ein häufiger Einwand, dass Plagiate den Gutachtern eigentlich aufgefallen sein müssten. Dem Vorwurf liegt die Annahme zugrunde, die Gutachter müssten die gesamte Literatur zum Thema in ihren einzelnen Formulierungen verinnerlicht haben. Davon kann aber nicht ausgegangen werden. Offensichtliche Stilbrüche im sprachlichen Duktus sind ohne den Rückgriff auf Plagiatssoftware häufig der einzige Anhaltspunkt für ein Plagiat.

Betreuer der Arbeit sind insofern aus der Verantwortung nicht vollkommen zu entlassen, als dass sie den Autoren die Grundsätze des guten wissenschaftlichen Arbeitens nahebringen müssten. Die Folgen eingeleiteter Plagiatsverfahren für Arbeitsgruppenleitungen mögen wegen der persönlichen Verantwortlichkeit der Autoren formal gering sein – sie sind im wissenschaftlichen und kollegialen Diskurs gleichwohl fühlbar. Die Medizin muss sich eingestehen, dass die Maßstäbe der korrekten Referenzierung zwar formal schon seit Jahrzehnten gültig sind, der Umgang mit ihnen aber in vielen Arbeitsgruppen zu wünschen übrig ließ und noch lässt. Dass als „Kavaliersdelikt“ gewertet wurde, was es nach den heutigen Maßstäben nicht mehr ist und auch früher eigentlich nicht war.

Für die Zukunft bedeutet das: Neben die Maßnahmen zur Sicherung der Datenqualität müssen Mechanismen zur Sicherung der korrekten Referenzierung gestellt werden. Den jungen Wissenschaftlern muss in ihrer Ausbildung die korrekte Referenzierung als wesentlicher Teil der guten wissenschaftlichen Praxis verdeutlicht werden. Den bereits länger tätigen Wissenschaftlern muss klar gemacht werden, dass es ein Zurück hinter die derzeitige Lage nicht geben wird und dass ihr Status ernsthaft gefährdet ist, sollten sie entsprechende Praktiken weiter pflegen oder sogar an ihre jüngeren Kollegen weitergeben. 

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Prof. Dr. med. Jörg-Wilhelm Oestmann, Vorsitzender der Promotionskommission der Charité, Berlin

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    klausenwächter
    am Sonntag, 21. Juni 2015, 23:24

    Lektorat vor Begutachtung

    Gerichtsgutachten durchlaufen in qualitativ anspruchsvollen Einrichtungen ein Lektorat, bevor die Gutachten eingereicht werden. Die Qualität der Ausfertigung von Dissertationen ließe sich durch ein Lektorat ebenfalls verbessern. Die Lektoren nutzen Instrumente, wie den Textvergleich um die korrekte Anwendunge von Referenzen zu garantieren. Den Gutachten einer Disseration würde durch ein Lektorat die Beurteilung der Originalität und der Zitiertechnik erleichtert werden.
    Hindemith
    am Sonntag, 21. Juni 2015, 11:45

    Ein guter Kommentar,

    dem ich in Wesentlichen zustimmen kann.

    Wichtig wäre allerdings noch hinzuzufügen, dass auf Vroniplag nicht nur in 27 an der Charité eingereichten Dissertationen Plagiate dokumentiert wurden, sondern auch in 6 Habilitationsschriften. Diese Plagiate mag mancher als noch schwerwiegender und besorgniserregender ansehen als Plagiate in Dissertationen.

    Ein anderer Punkt, der mir wichtig ist: Obwohl auf Vroniplag im Wesentlichen nur Plagiate dokumentiert werden und es natürlich durchaus sein kann, dass mit Plagiaten eingeleitete experimentelle Ergebnisse selbst sauber entstanden sind, so ist diese Annahme nicht immer berechtigt. Unwissenschaftlichkeit im Einleitungs- oder Diskussionsteil der Arbeit gehen oft Hand in Hand mit Unwissenschaftlichkeit im Ergebnisteil. Darauf gibt es bisweilen Hinweise in der untersuchten Arbeit, aber der Nachweis lässt sich nun mal nicht anhand der untersuchten Arbeit allein erbringen, so dass der oft fälschliche Eindruck entsteht: "der Ergebnisteil ist sauber". Besser müsste es heissen, "zum Ergebnisteil kann man nichts sagen".

    Ein Beispiel von der Charité, bei dem Plagiate mit zweifelhaften Ergebnissen Hand in Hand gehen: https://pubpeer.com/publications/DC5ADF1A5B3CF823A0EFF8DF38B887 bzw. http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/Cep/Befunde

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