ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2015Krankenhäuser: Den Kommunalen geht es schlecht

POLITIK

Krankenhäuser: Den Kommunalen geht es schlecht

Dtsch Arztebl 2015; 112(25): A-1122 / B-938 / C-910

Osterloh, Falk

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Die Unterschiede in der Solvenz deutscher Krankenhäuser sind hoch. Probleme haben vor allem kommunale Krankenhäuser in Westdeutschland, hat der Krankenhaus Rating Report identifiziert. Das liegt nicht zuletzt an der Einmischung durch die Politik.

Foto: WISO/Schmidt-Dominé
Foto: WISO/Schmidt-Dominé

Den deutschen Krankenhäusern geht es nicht gut. Diesen Satz hört man häufig in diesen Zeiten. Das verwundert nicht – schließlich bereitet die Politik eine Krankenhausreform vor. Man hört diesen Satz aber auch deshalb häufig, weil er stimmt (siehe DÄ 24/2015). Und doch gibt er den Sachstand ungenügend wieder. Denn die Probleme sind sowohl regional als auch zwischen den Krankenhausträgern höchst unterschiedlich verteilt. Zahlen dazu liefert der aktuelle Krankenhaus Rating Report 2015, der anhand der Jahresabschlüsse das Risiko für die Krankenhäuser errechnet, innerhalb eines Jahres ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen zu können.

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Die sogenannte Ausfallwahrscheinlichkeit eines Krankenhauses wird dann wie bei einer Ampel in einen roten Bereich (Ausfallwahrscheinlichkeit über 2,6 Prozent), einen gelben Bereich (Ausfallwahrscheinlichkeit zwischen einem und 2,6 Prozent) und einen grünen Bereich (Ausfallwahrscheinlichkeit unter einem Prozent) gegliedert. Ergebnis: Liegt die Ausfallwahrscheinlichkeit der Krankenhäuser in Ostdeutschland durchgängig unter 0,5 Prozent im grünen Bereich, ist sie vor allem in westdeutschen Flächenländern hoch (in Niedersachsen und Bremen liegt sie bei 2,4 Prozent, in Bayern und Baden-Württemberg bei zwei Prozent, in Hessen bei 1,8 Prozent). Vor allem in Bayern, Baden-Württemberg und Hessen hat sich die Situation im Vergleich zum Vorjahr noch deutlich verschlechtert. „Die Krankenhäuser in Ostdeutschland haben in den 1990er-Jahren strukturelle Anpassungen durchgeführt“, erklärte Dr. med. Sebastian Krolop von Philips Healthcare, einer der Autoren der Studie, bei der Vorstellung des Reports Mitte Juni auf dem Hauptstadtkongress. „Die Häuser im Westen haben dies noch vor sich.“ Die regionalen Differenzen lassen sich dabei auch an der Anzahl der Krankenhäuser ersehen, die im Jahr 2013 Verluste erwirtschaftet haben (siehe Grafik).

„Verschwendetes Geld“

Große Unterschiede gibt es auch zwischen den Krankenhausträgern. Liegen bei den privaten Trägern 87 Prozent der Krankenhäuser im grünen und fünf Prozent im roten Bereich, sind es bei den freigemeinnützigen 76 Prozent im grünen und 14 Prozent im roten Bereich sowie bei den kommunalen Krankenhäusern 49 Prozent im grünen und 29 Prozent im roten Bereich. „Auch hier gibt es eine klare Differenzierung zwischen Ost- und Westdeutschland“, sagte Krolop. So seien in Ostdeutschland 1,7 Prozent der kommunalen Häuser von einer Insolvenz bedroht, in Westdeutschland hingegen 36 Prozent.

„Je reicher die Kommune ist, desto unwirtschaftlicher ist oft das Krankenhaus“, so Krolop weiter. Denn die reichen Kommunen seien viel eher in der Lage, ein unwirtschaftliches Krankenhaus zu subventionieren, um es nicht schließen oder umstrukturieren zu müssen.

„Jeder Defizitausgleich durch die Kommunen ist verschwendetes Geld“, kritisierte der Bremer Gesundheitssenator Dr. med. Hermann Schulte-Sasse auf dem Hauptstadtkongress. „Alle Kommunen, die nicht in der Lage sind, ihre Krankenhäuser ohne Defizit zu führen, müssen das Krankenhaus entweder abgeben oder gucken, was sie falsch machen.“ Oft komme dann dabei heraus, dass sich Politiker im Aufsichtsrat zu kleinteilig und kiezbezogen in das operative Geschäft einmischten, meinte Schulte-Sasse.

„Wenn kommunale Krankenhäuser den Umbruch nicht bewältigen können, gibt es auch keine Begründung, dieses Defizit aus Steuermitteln abzumildern“, betonte auch Dr. rer. pol. Michael Philippi, Vorstandsvorsitzender der privaten Sana Kliniken AG. Und Joachim Bovelet, Hauptgeschäftsführer der Regiomed-Kliniken GmbH, einem kommunalen Krankenhausträger aus Franken, meinte: „Die Politik muss lernen loszulassen oder zumindest mehr zuzulassen, dass Geschäftsführer, die etwas können, einen größeren Handlungsrahmen bekommen, um erfolgreich sein zu können.“

Verteilung nach Höhe des Jahresüberschusses in %, 2013, N = 951
Verteilung nach Höhe des Jahresüberschusses in %, 2013, N = 951
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Verteilung nach Höhe des Jahresüberschusses in %, 2013, N = 951

Langsame Privatisierung

Schulte-Sasse zeigte sich überzeugt davon, dass die Zahl der kommunalen Krankenhäuser in den kommenden zehn Jahren abnehmen werde. Bovelet betonte hingegen die Bedeutung öffentlich-rechtlicher Häuser: „Ich bin grundsätzlich der Auffassung, dass es kommunale Krankenhäuser geben sollte – und zwar trotz der desaströsen politischen Begleitung.“ Ein Markt alleine in privater Hand funktioniere nicht, meinte er: „Wenn alles in privater Hand wäre, hätte ich die Angst, dass nur noch gemacht werden würde, was wirtschaftlich ist.“

Dem widersprach Philippi: „Der Staat hat zwar die Daseinsvorsorge. Aber es gibt keine Begründung dafür, dass er alles selbst machen muss.“ Apotheker, Ärzte und Industrieunternehmen seien schließlich auch nicht staatlich organisiert. Und wer halte denn vielfach die Versorgung in ländlichen Regionen aufrecht? Dies seien vor allem Krankenhäuser in privater Trägerschaft.

Der frühere Vorstandsvorsitzende der Rhön Klinikum AG, Wolfgang Pföhler, meinte, es gebe auch weiterhin eine Tendenz zur Privatisierung von Krankenhäusern. Aber die Privatisierung gehe nicht so schnell voran, wie noch vor zehn Jahren erwartet worden sei. „Wichtig für alle Krankenhäuser ist die Akzeptanz des ökonomischen Denkens“, sagte er. „Dabei geht es um das medizinische Ergebnis, die Patientenorientierung und die Effizienz. Private Träger haben hier eine stärkere Tendenz, diesen ökonomischen Gedanken zu akzeptieren.“

Bovelet betonte, dass es für kommunale Krankenhäuser sehr wichtig sei, sich stärker in Verbünden zu organisieren. Diese Meinung teilte auch Sebastian Krolop: „Krankenhausverbünde sind in der Regel wirtschaftlicher als Solisten.“ Enorme Schwierigkeiten hätten zudem Grundversorger – auch, weil sie die Notfallversorgung in den Regionen sicherstellen müssten.

„Wir sehen mit Sorgen, wenn kleinere Grundversorger sich auf komplexe Leistungen einlassen, bei denen sie den Eindruck haben, sie würden relativ gut vergütet“, sagte dazu die stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Universitätsklinikums Heidelberg, Irmtraut Gürkan. „Sie haben sich vielleicht einen tüchtigen Chefarzt eingekauft und meinen nun, sie könnten Transplantationen durchführen.“ Es komme aber nicht auf einen Arzt an, sondern auf die Leistungsfähigkeit des gesamten Teams.

„Mein Vorschlag ist: Große und kleine Häuser müssen besser zusammenarbeiten“, meinte sie und nannte ein Beispiel: „Das Universitätsklinikum Heidelberg hat mit zwölf umliegenden Krankenhäusern Kooperationsverträge abgeschlossen. Die beinhalten, dass unser Chefarzt zugleich Chefarzt in anderen Abteilungen ist und die Gesamtsteuerungskompetenz hat.“

Die Idee sei dabei, dass die kleineren Krankenhäuser Leistungen der Grundversorgung übernehmen, während die Uniklinik sich auf die Maximalversorgung konzentriert. „Unsere Infrastruktur ist zu teuer, um Blinddärme zu operieren“, sagte Gürkan. „Wir machen dafür Transplantationen und onkologische Chirurgie.“ Wichtig sei dabei, „dass wir uns auf Augenhöhe begegnen. Denn unsere Partnerkrankenhäuser sind genauso wichtig für die Versorgung wie wir“.

Mehr Ärzte im Krankenhaus

Ein großer Kostentreiber für die Krankenhäuser sei zudem das Personal, betonte Krolop. Der Pflegedienst werde seit 2006 kontinuierlich wieder aufgebaut. Und der ärztliche Dienst steige seit Jahren an, das treibe die Kosten nach oben.

„Beim Personal werden wir den aktuellen Trend, mehr Ärzte und Pflegekräfte einzustellen, nicht einfach fortschreiben können“, meinte Dr. rer. pol. Boris Augurzky vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung, ebenfalls Autor des Rating Reports. „Wir müssen überlegen, ob wir manche Tätigkeiten im medizinischen Bereich nicht delegieren oder substituieren.“ Dabei gehe es nicht allein um menschliche, sondern auch um digitale Assistenz. In Zeiten eines sich verschärfenden Ärztemangels sei dies auch für Ärzte von Vorteil.

Falk Osterloh

Verteilung nach Höhe des Jahresüberschusses in %, 2013, N = 951
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