ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2015Ernährung und kardiovaskuläre Gesundheit: Daten zu Zielwerten von Natrium und Kalium kontrovers

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Ernährung und kardiovaskuläre Gesundheit: Daten zu Zielwerten von Natrium und Kalium kontrovers

Heinzl, Susanne

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Die Begrenzung der Kochsalz- und die Erhöhung der Kaliumaufnahme wird in vielen Leitlinien zur Therapie des Hypertonus und zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen als Allgemeinmaßnahme aufgeführt. Meist werden maximal 2 g Natrium täglich empfohlen (circa 5 g NaCl). In der in zwei Teilen publizierten PURE-Studie wurde Morgenurin von 102 216 Personen aus 18 Ländern untersucht (1, 2). Die 24-stündige Natrium- und Kaliumausscheidung wurden als Surrogat für die Aufnahme der beiden Elektrolyte berechnet. 43,5 % hatten eine hohe Natriumausscheidung (> 5,99 g/Tag), 45,9 % eine mäßig hohe (3,00–5,99 g/Tag), 10,6 % der Teilnehmer schieden < 3 g Na+ aus und nur bei 4 % lag die Natriumausscheidung unter 2,3 g/Tag. Nach Adjustierung an verschiedene Faktoren stieg pro zusätzlichem Gramm Natrium im Harn der systolische Blutdruck um 2,11 mmHg und der diastolische um 0,78 mmHg (p je < 0,001). Der Blutdruckanstieg war jedoch nicht linear. Bei mehr als 5 g Natrium im Urin war der Blutdruckanstieg mit 2,58 mmHg pro 1 g Natrium noch stärker, während er < 3 g Natrium im Urin mit 0,74 mmHg deutlich weniger stark stieg. Bei Hypertonikern war die Kurve ebenfalls steiler als bei Normotonikern, ebenso mit zunehmendem Lebensalter. Die Kaliumausscheidung korrelierte negativ mit dem systolischen Blutdruck: je mehr Kalium im Urin, desto niedriger der Blutdruck. Pro zusätzlichem Gramm Kalium im Harn sank der systolische Druck um 1,08 mmHg.

Nach median 3,7 Jahren war der kombinierte Endpunkt von Tod und schwerwiegenden kardiovaskulären Ereignissen bei 3,3 % (n = 3 317) Teilnehmern eingetreten. Eine hohe Natriumausscheidung von mehr als 7 g/Tag ging mit einem erhöhten Risiko für den kombinierten Endpunkt einher im Vergleich zu Personen, die 4–5,99 g Natrium täglich ausschieden (Odds-Ratio [OR]: 1,15). Diese Assoziation war bei Hypertonikern am stärksten. Im Vergleich zum Referenzbereich war das Risiko für den kombinierten Endpunkt bei einer Natriumausscheidung < 3 g/Tag ebenfalls erhöht (OR: 1,27; [2]).

In der NutriCode-Studie wurde der Natriumkonsum auf Basis von 107 Studien aus 66 Ländern (74 % der erwachsenen Weltbevölkerung) analysiert und der Effekt von Natrium auf den systolischen Blutdruck und die kardiovaskuläre Letalität errechnet (3). Die durchschnittliche tägliche Na-Aufnahme lag weltweit bei 3,95 g. Natriumaufnahme und Rate an kardiovaskulären Ereignissen waren eng assoziiert. Nach den Berechnungen waren 1,65 Millionen kardiovaskuläre Todesfälle auf exzessive Natriumzufuhr zurückzuführen. Jeder 10. kardiovaskuläre Tod wäre durch weniger Salz vermeidbar. „Das Ergebnis basiert auf einer biostatistischen Modellrechnung und der Annahme einer (mono)kausalen Beziehung von Natriumaufnahme, Blutdruck und hartem Endpunkt“, meint Dr. rer. nat. Alexander Ströhle, Institut für Lebensmittelwissenschaft und Humanernährung, Leibniz-Universität Hannover (4). Solche Extrapolationen seien skeptisch zu sehen.

Fazit: Die Daten der PURE-Studie deuten darauf hin, dass eine J- oder U-förmige Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen Natriumaufnahme und kardiovaskulären Ereignissen besteht. Dagegen stehen die Ergebnisse der NutriCode-Auswertung. „In der Gesamtheit der Studien gibt es keine überzeugende Evidenz, dass eine Reduktion der Natriumaufnahme auf unter 2 g täglich für die Allgemeinbevölkerung einen gesundheitlichen Benefit hat“, meint Ströhle. Bei vernünftigem Lebensstil mit gesunder Ernährung und mit körperlicher Aktivität dürfte für die meisten Menschen eine Salzaufnahme von 6–12 g täglich angemessen sein. In Deutschland liege sie bei 6–8 g (Frauen–Männer). Hypertoniker sollten maximal 6 g Na+/Tag aufnehmen.

Dr. rer. nat. Susanne Heinzl

  1. Mente A, et al.: Association of urinary sodium and potassium excretion with blood pressure. NEJM 2014; 371: 601–11.
  2. O’Donnell M, et al.: Urinary sodium and potassium excretion, mortality, and cardiovascular events. NEJM 2014; 371: 612–23.
  3. Mozaffarian D, et al.: Global sodium consumption and death from cardiovascular causes. NEJM 2014; 371: 624–34.
  4. Ströhle A: Natriumzufuhr, Blutdruck und kardiovaskuläre Ereignisse. Med Mo Pharm 2014; 37:434–40.

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