ArchivMedizin studieren2/2015Reform des Medizinstudiums: Studierende zwischen Wissenschaft und Praxis

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Reform des Medizinstudiums: Studierende zwischen Wissenschaft und Praxis

Hillienhof, Arne

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Das Medizinstudium ist ständig im Umbau. Eine neue Reform ist unter dem Stichwort „Masterplan Medizinstudium 2020“ bereits in Sicht. Sie muss für ein praxisnahes Studium sorgen, in dem auch die Wissenschaft nicht zu kurz kommt.

Foto: fotolia/everythingpossible
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Die wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften schlagen Alarm: Nur noch rund die Hälfte der angehenden Ärzte in Deutschland erwirbt einen Doktortitel. Überhaupt komme wissenschaftliches Arbeiten im Studium deutlich zu kurz, kritisiert die Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). „Angesichts des raschen Wissenszuwachses in der Medizin müssen Ärzte in der Lage sein, neue Entwicklungen kritisch zu beurteilen“, argumentiert dessen Präsident, Prof. Dr. Karl-Heinz Rahn. Dies sei aber nur möglich, wenn Ärzte über eine wissenschaftliche Grundausbildung verfügten. Dies gelte ausdrücklich auch für solche Ärzte, die später nicht in der Wissenschaft selbst arbeiten, sondern zum Beispiel eine Landarztpraxis übernehmen.

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Prominente Organisationen unterstützen die AWMF in ihrer Forderung, zum Beispiel der Wissenschaftsrat. Er fordert sogar, alle Medizinstudierenden sollten künftig im Rahmen einer verpflichtenden Forschungsarbeit ein Problem der medizinischen Wissenschaft selbstständig bearbeiten. „Verpflichtende“ oder wie es im Originaltext des Wissenschaftsrates heißt: „obligatorische Forschungsarbeit“.

Um die klinische Forschung in Deutschland sorgt sich unterdessen die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG): „Klinische Forschung benötigt zwingend Ärzte, die einerseits Erfahrung am Krankenbett, andererseits eine fundierte wissenschaftliche Ausbildung erfahren haben. Letzteres wird durch die derzeitige Organisation des Studiums der Medizin nicht gewährleistet – ein trauriger Befund!“, schrieb die DFG-Senatskommission für klinische Forschung schon 2010. „Wenn ein universitäres Grundstudium zwar berufsqualifizierende Kenntnisse vermittelt, jedoch keine wissenschaftliche Grundausbildung leistet, muss seine Organisation überdacht werden“, fordert die DFG.

Der Medizinische Fakultätentag (MFT) begrüßt insbesondere die vom Wissenschaftsrat geforderte wissenschaftliche Ausrichtung des Medizinstudiums als Basis für eine künftige ärztliche Tätigkeit. „Ferner interpretiere ich die Empfehlungen des Rates so, dass ein einheitlicher Standard der Ärzteausbildung gewünscht ist“, sagte MFT-Präsident Prof. Dr. rer. nat. Heyo Kroemer.

Doch wie stehen die Medizinstudierenden und deren Bundesvertretung, die bvmd, zum Thema? Sie sehen es – kurz gesagt – fast genauso: „Die von der AWMF genannten Kritikpunkte und Verbesserungsvorschläge hinsichtlich der im Medizinstudium vermittelten wissenschaftlichen Kompetenzen entsprechen weitestgehend den Positionen der bvmd“, heißt es in einem Positionspapier der Medizinstudierendenvertretung. Sie begrüßt, dass die Vermittlung von wissenschaftlichen Kompetenzen an einigen Fakultäten bereits einen hohen Stellenwert genieße, so gäbe es in Modellstudiengängen verschiedene Wissenschaftsmodule, Wahlfächer und Förderprogramme für wissenschaftliches Arbeiten. Es bestehe aber „weiterhin großer Bedarf nach Verbesserungen, vor allem in der qualitativen, aber auch in der quantitativen Ausgestaltung der Lehrangebote“, so die bvmd in ihrem Positionspapier. Die Medizinstudierenden unterstützen es, Wissenschaftskurse als Pflichtveranstaltungen in die Curricula aufzunehmen. Auch die vom Wissenschaftsrat angeregte „verpflichtende wissenschaftliche Arbeit klar definierten Umfangs“ sehen die Studierenden positiv.

„Angesichts des rasanten medizinischen Fortschritts werden Ärzte immer häufiger in die Situation kommen, für unsere Patienten Therapien zu erwägen, für die es noch keine endgültigen Wirkungsstudien gibt, die aber dennoch sehr sinnvoll sein können.“ Dafür sei ein wissenschaftliches Grundverständnis nötig, fasst der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, die verschiedenen Stimmen zum Thema zusammen. „Wir wollen schließlich keine Ärzte, die stur Leitlinien abarbeiten“, so Montgomery.

Mehr Wissenschaft im Studium – wie kann das konkret aussehen? Die AWMF macht vier Vorschläge:

Direkt umsetzbar wäre, in den Wahlpflichtfächern an den medizinischen Fakultäten ab sofort wissenschaftliche Methodenkursen – von der Grundlagenforschung über klinische Studien bis zur Versorgungsforschung – anzubieten.

Mittelfristig sollte zweitens der Anteil der Wahlpflichtfächer auf 20 bis 25 Prozent der Semesterwochenstunden steigen. Dafür sollten die Semesterwochenstunden für die Pflichtkurse sinken. Anders ausgedrückt: mehr Wahlfreiheit im Studium! Drittens sollte das Lernziel Wissenschaft ausdrücklich in die Approbationsordnung aufgenommen werden. Die AWMF schlägt viertens vor, eine Expertengruppe aus Vertretern verschiedener Fächer und der Medizinstudierenden einzurichten, um Bund und Länder bei der Änderung der Approbationsordnung zu beraten. Diese Veränderung steht unter dem Stichwort „Masterplan Medizinstudium 2020“ bereits im Koalitionsvertrag.

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