ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2015Public Health: Die unterschätzte Disziplin

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Public Health: Die unterschätzte Disziplin

Dtsch Arztebl 2015; 112(26): A-1172 / B-979 / C-951

Richter-Kuhlmann, Eva

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Diagnose der Wissenschaftsakademien: Um die Potenziale von Public Health auszuschöpfen, braucht es in Deutschland mehr politische Unterstützung und neue Strukturen. Foto: Fotolia/beermedia
Diagnose der Wissenschaftsakademien: Um die Potenziale von Public Health auszuschöpfen, braucht es in Deutschland mehr politische Unterstützung und neue Strukturen. Foto: Fotolia/beermedia

Die deutschen Wissenschaftsakademien kritisieren unterentwickelte Strukturen in Forschung, Lehre und Praxis von Public Health. Gleichzeitig geben sie Empfehlungen, wie das Fachgebiet künftig koordinierter und interdisziplinärer aufgestellt werden könnte.

Fast Food, Bewegungsmangel, Leistungsdruck – immer mehr Menschen leiden an sogenannten Volkskrankheiten. Hinzu kommen neue Gesundheitsgefahren durch globale Vernetzung und Klimawandel. Lösen lassen sich viele dieser Gesundheitsprobleme nur durch eine Zusammenarbeit auf internationaler Ebene und durch Maßnahmen, die alle Sektoren des Gesundheitssystems, die Bildungs- und Sozialsysteme sowie Bereiche der Wirtschaft betreffen.

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Doch genau hier liegt nach Ansicht der deutschen Wissenschaftsakademien die Diskrepanz: Dem Bedarf an interdisziplinärer Forschung und sektorübergreifender Planung von Maßnahmen werde in Deutschland noch nicht ausreichend Rechnung getragen, bemängeln die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, die acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften in ihrer jüngsten Stellungnahme „Public Health in Deutschland“. Für sie liegt auf der Hand: Public Health und Global Health müssen in Deutschland aufgebaut und gestärkt sowie bestehende Programme gebündelt und koordiniert werden.

„Die akademischen Strukturen in Deutschland im Bereich Public Health sind nicht schlecht, aber sehr zersplittert“, sagte Prof. Dr. med. Detlev Ganten, Mitglied der Leopoldina und Sprecher der internationalen Arbeitsgruppe Public Health, die in den vergangenen zwei Jahren die Stellungnahme erarbeitete. Zwar gäbe es im Bereich Public Health durchaus hervorragende Einzelpersonen und Forschungsinstitutionen. Doch diese benötigten mehr politische Unterstützung, bessere Strukturen und mehr Investitionen. „Gesundheit in allen Politikbereichen“ (Health in all Policies) müsse zur Priorität in Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft werden. „Dies ist ein Prozess, der international von uns erwartet wird“, betonte Ganten bei der Präsentation der Stellungnahme am 16. Juni in Berlin.

Global Health startet zu Hause

Auf die enge Verbindung von Public Health auf nationaler Ebene und den Herausforderungen im Bereich Global Health, wie beispielsweise bei der Ebola-Epidemie, wies Prof. Dr. h.c. Ilona Kickbusch vom Hochschulinstitut für internationale Studien und Entwicklung in Genf hin. Hier könne sich Deutschland noch stärker in die internationale Zusammenarbeit einbringen. Lücken sehen die Akademien bei der Gesund­heits­förder­ung und Krankheitsprävention, dem Umgang mit Ausbrüchen von Infektionskrankheiten und der Auswertung umfangreicher Gesundheitsdatensätze. Auch die Kommunikation zwischen Politik und Wissenschaft sei verbesserungswürdig. Hier gäbe es zusätzliche Möglichkeiten, gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse auch für die politische Entscheidungsfindung heranzuziehen. „Das Papier ist sicher keine Blaupause“, sagte Prof. Dr. med. Günter Stock, Präsident der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften. „Wir wollen aber für Kooperation und einen mentalen Wandel werben: Gesundheit ist mehr als Medizin.“

Neue Strukturen angemahnt

Konkret empfehlen die Akademien im Bereich der Aus- und Weiterbildung eine bessere Zusammenarbeit von Public-Health-Forschung, dem öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD), Public-Health-Praktikern und der Öffentlichkeit, eine bundesweite Koordination von Berufsbildungszielen, interdisziplinäre Ausbildungen sowie die Aufnahme von Elementen aus Public Health in die Curricula aller medizinischer Berufe. Zudem müsste das Fach mehr akademische Wertschätzung erhalten. Von besonderer Bedeutung sei ein starker ÖGD, betonte Ganten. Derzeit sei er in der Realität jedoch wenig attraktiv und in vielen Regionen Deutschlands „komplett in der Defensive“.

Für strukturelle Reformen unterbreiten die Akademien vier Vorschläge: Ein Netzwerk mit wettbewerbsorientierter Finanzierung, eine virtuelle Koordinierungsstelle, ein Public-Health-Institut oder die Steuerung aller Aktivitäten in diesem Bereich durch ein Zentrum für Public und Global Health.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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