ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2015Erzählcafé: „Der Start ins Leben“
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Zuhören, voneinander lernen, sich austauschen – das sind die Prinzipien der deutschlandweiten Aktion.

Das moderierte Erzählcafé ist ein bewährtes Format der Sozialarbeit und eignet sich gut für den wertschätzenden Austausch von Erfahrungen. Foto: Frings-Ness
Das moderierte Erzählcafé ist ein bewährtes Format der Sozialarbeit und eignet sich gut für den wertschätzenden Austausch von Erfahrungen. Foto: Frings-Ness

Die Geburtshilfe in Deutschland befindet sich in einem Dilemma: Die medizinisch-technische Versorgung ist so gut wie nie, doch der Lebensbeginn ist mehr denn je von Angst und Sorge geprägt. Zwar fehlt es Schwangeren und Wöchnerinnen nicht an Fachwissen, wohl aber an der sozialen Einbindung dieses Wissens. Der mangelnde Austausch über das erworbene Wissen sowie über eigene Erfahrungen und Ängste sorgen dafür, dass die Flut an Informationen, die heute rund ums Kinderkriegen verfügbar ist, zu Verunsicherungen führt. Auf diese widersprüchliche Geburtskultur will die Erzählcafé-Aktion aufmerksam machen und einen deutlichen Impuls geben, sie nachhaltig zu verändern. Zuhören, voneinander lernen, sich austauschen – das sind die Prinzipien der Aktion.

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Das moderierte Erzählcafé ist ein bewährtes Format der Sozialarbeit und eignet sich gut für den wertschätzenden Austausch von Erfahrungen. Im Erzählcafé „Der Start ins Leben“ stehen Tische, die jeweils einem Jahrzehnt von den 1950er-Jahren bis heute zugeordnet sind. An jedem Cafétisch sitzt mindestens eine Zeitzeugin, eine Frau also, die im jeweiligen Jahrzehnt geboren hat. Diese Zeitzeuginnen berichten über ihre persönlichen Erlebnisse und stellen ihr „‚Fachwissen“ zur Verfügung. An jedem der Tische sitzt eine Moderatorin (beispielsweise eine Hebamme oder Ärztin) und kann bei Bedarf Expertenwissen beisteuern. So ergibt sich eine ausgewogene Erzählsituation.

Das erste Erzählcafé nach diesem Prinzip fand am 11. Mai 2014 in Bonn statt. Mehr als 90 Personen waren der Einladung zu dieser Veranstaltung gefolgt, darunter Frauen, die bereits in den 50er-Jahren geboren, aber noch nie darüber gesprochen hatten, interessierte Väter sowie Fachfrauen wie Ärztinnen, Hebammen oder Kinderkrankenschwestern. Da dieses erste Erzählcafé sehr gut angenommen worden war, stand es außer Frage, dass die Aktion Schule machen muss. Nun finden Erzählcafés in allen Regionen Deutschlands statt. Die Veranstaltungen sind öffentlich und unentgeltlich.

Die Erzählcafé-Aktion will ein positives Zeichen setzen. In den Gesprächen am Cafétisch, aber auch in Presseberichten und durch die Dokumentation auf der projekteigenen Webseite (www.erzaehlcafe.net) werden konkrete Inhalte und Wünsche an eine künftige Geburtskultur lebendig und attraktiv erlebbar gemacht. Mit jedem Erzählcafé soll im Sinne einer lebendigen Öffentlichkeitsarbeit vermittelt werden, was in der heutigen Geburtskultur anders werden kann und soll.

Drei Ziele stehen dabei im Vordergrund: Die Würdigung und Einbeziehung von Frauenkompetenz, das kritische Überdenken der aktuellen Geburtskultur und das Bewahren von vielseitigem geburtshilflichen Wissen. Es gilt, das „Fachwissen“ von Frauen, die bereits geboren haben, in einem geschützten Rahmen für diejenigen zugänglich zu machen, denen das Ereignis noch bevorsteht oder die einfach gerne wissen würden, was bei einer Geburt tatsächlich passiert.

Das Gebären in seiner historischen Situation

Entscheidend ist auch, das Gebären in seiner historischen Situation zu begreifen: Vieles, was vor 20 oder 30 Jahren noch selbstverständlich war, ist heute kaum mehr vorstellbar. Ältere Hebammen, Ärzte und Ärztinnen zeichnen in ihren Erzählbeiträgen ein eindrückliches Bild von den Veränderungen in ihren Arbeitsbedingungen über die vergangenen Jahrzehnte hinweg.

Die Erzählcafé-Aktion soll zunächst für ein Jahr laufen. Welches Fazit am Ende dieses Jahres gezogen wird, bleibt abzuwarten. Sicher ist jedoch: Die Nachfrage nach erzählendem Austausch ist groß.

Cecilia Colloseus, Dr. med. Stefanie Schmid-Altringer

Informationen

  • Die nächsten Erzählcafés finden am internationalen Hebammentag, den 5. Mai in Ingolstadt, Freiburg und Jena statt. Weitere Veranstaltungen, unter anderem in Berlin, Köln, Essen, Kiel und Weimar, sind in Planung.
  • Wer selbst aktiv werden und ein Erzählcafé bei sich vor Ort veranstalten möchte, erhält konkrete Unterstützung und findet auf der Veranstaltungswebsite Informationen dazu (www.erzaehlcafe.net/service-kontakt).

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