ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2015Literarische Orte: Viele stille Helden

KULTUR

Literarische Orte: Viele stille Helden

Jachertz, Norbert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Mit ihrem im Exil geschriebenen Roman „Das sieb- te Kreuz“ (1942), der die Flucht von sieben KZ-Häftlin- gen behandelt, erlangte Anna Seghers Weltruhm. Fotos: dpa
Mit ihrem im Exil geschriebenen Roman „Das sieb- te Kreuz“ (1942), der die Flucht von sieben KZ-Häftlin- gen behandelt, erlangte Anna Seghers Weltruhm. Fotos: dpa

Im „Siebten Kreuz“ erzählt Anna Seghers von einer Flucht aus dem KZ und von dem verlorenen Land ihrer Kindheit.

Fahrenbach, der Kommandant des Konzentrationslagers Westhofen, sitzt in seinem Büro, blickt umher und sinniert: „Zwischen den beiden Fenstern hing das Bild des Führers, von dem er, wie er sich das zusammengereimt hatte, zur Macht bestellt war. Fast, nicht ganz zur Allmacht, Herr über Menschen sein, Leib und Seele beherrschen. Macht haben über Leben und Tod, weniger tut´s nicht. Ausgewachsene starke Männer, die man vor sich hinstellen läßt, und man darf sie zerbrechen, rasch oder langsam, ihre eben noch aufrechten Körper werden vierbeinig, eben noch kühn und patzig, werden sie grau und stammeln vor Todesangst.“

Anzeige

In ihrem Roman „Das siebte Kreuz“, dem das Zitat entnommen ist, hat Anna Seghers die Psychologie der Macht erzählerisch hervorragend getroffen, und nicht nur die der Macht, auch die der Angst, der Feigheit und des Verrats, genauso wie die des Mutes. Der Roman handelt von der Flucht aus dem Konzentrationslager Westhofen bei Worms im Jahr 1937. Sieben Häftlinge brechen aus. Fahrenbach schwört sich, sie innerhalb von sieben Tagen einzufangen. Er lässt sieben Platanen auf dem Appellhof köpfen und in Schulterhöhe Querbretter annageln – die sieben Kreuze. Sechs der Flüchtlinge bezahlen mit dem Leben, dem siebten, Georg Heisler, gelingt nach sieben Tagen die Flucht nach Holland. Das siebte Kreuz bleibt somit leer.

Kein linkes Heldenlied

Viele, die Georg Heisler zu Hilfe kommen, sind Kommunisten. Anna Seghers war gleichfalls Kommunistin und mit einem ungarischen Revolutionär verheiratet. Der Versuchung, ein linkes Heldenlied anzustimmen, erliegt sie freilich nicht. Dann wäre das „Siebte Kreuz“ zum Propagandastück geraten und nicht zu dem großen literarischen Werk, das es tatsächlich ist. Seghers geht es um das menschliche Verhalten. Georg Heisler gelingt die Flucht dank der Hilfe vieler stiller Helden, denn, so die Botschaft der Seghers, in Nazideutschland gab es nicht nur die Mitmacher und Mitläufer, sondern auch den Widerstand im Alltag und die schlichte Barmherzigkeit.

Zu Hilfe kommen Georg Heisler Arbeiter und Bauern genauso wie der jüdische Arzt Dr. Löwenstein oder der Pfarrer Seitz vom Mainzer Diözesanmuseum. Löwenstein behandelt Georg, der sich an der Hand verletzt hat, Seitz verbrennt heimlich das blutige Kleidungsstück, das Georg im Mainzer Dom versteckt und der Küster aufgefunden hatte und zur Polizei bringen wollte. Die Helfer haben nicht weniger Angst als der Flüchtige. Dennoch handeln sie mutig. Dr. Löwenstein zum Beispiel. Der war „inzwischen an Patienten gewöhnt, die zu ihm liefen, ganz frühmorgens, damit es die Nachbarn nicht merkten, im allerletzten Moment, wie man früher zu einer Hexe lief“. Löwenstein, den jedes Schellen an der Tür zittern lässt, fragt sich verzweifelt, warum dieser ihm verdächtige Patient ausgerechnet zu ihm kommt. Er besinnt sich auf seinen Arztberuf: „Zu dir ist bloß eine Hand ins Sprechzimmer gekommen, eine kranke Hand. Ob die aus dem Ärmel eines Spitzbuben heraushängt oder unter dem Flügel eines Erzengels, das kann dir ganz egal sein.“

Das NS-Dokumentationszentrum in Osthofen ist überschaubar, nicht spektakulär wie die in Dachau, Buchenwald oder Sachsenhausen.
Das NS-Dokumentationszentrum in Osthofen ist überschaubar, nicht spektakulär wie die in Dachau, Buchenwald oder Sachsenhausen.

Seghers Quellen

In der Nähe von Worms gibt es zwar den Ort Westhofen, doch gab es dort nie ein KZ. Das lag nahebei, in Osthofen, heute eine Gedenkstätte (www.gedenkstaette-osthofen-rlp.de), überschaubar, nicht spektakulär wie die in Dachau, Buchenwald oder Sachsenhausen. Ein KZ auf dem Lande, mitten im Weinbaugebiet des Wonnegau. Schon nach 16 Monaten wurde das KZ Osthofen aufgelöst. Zu Tode kam kein Häftling, doch mancher wurde zusammengeschlagen. Auch standen im Innenhof keine Platanen, aus den sieben Kreuze hätten gefertigt werden können, und von sieben Flüchtlingen wurde auch nichts überliefert. Wohl aber von einem, Max Tschornicki aus Mainz, einem bekannten Rechtsanwalt, der Angehörige von Linksparteien vor Gericht vertrat. Er konnte 1933 über die Mauer des KZ entkommen. Tschornicki gelangte nach Südfrankreich, wurde 1944 von der Gestapo aufgespürt und starb kurz vor Kriegsende in einem Außenlager des KZ Dachau. Er dürfte eine der Quellen für das „siebte Kreuz“ gewesen sein. Er traf nämlich im Exil, wahrscheinlich in Paris, auf Anna Seghers, die nach der „Machtergreifung“ Deutschland verlassen hatte. In Paris schrieb sie zwischen 1937 und 1939 an dem Roman. Das Manuskript nahm sie mit nach Mexiko. Dort erschien der Roman 1942 in deutscher Sprache, parallel dazu kam er in Boston auf englisch heraus.

Seghers muss aber eine Vielzahl weiterer Quellen gehabt haben, vermutlich Flüchtlinge, die sich nach Frankreich durchgeschlagen hatten. Ihre Beschreibung der inneren Verhältnisse in Deutschland wirkt zutreffend und dicht. Wichtiger aber scheint es, dass sie wusste, wie Menschen sind und sein können. Die Idee der sieben Kreuze scheint aus dem KZ Sachsenhausen bei Berlin gekommen zu sein, jedenfalls legt das die neue Dauerausstellung in Sachsenhausen nahe, die im März eröffnet
wurde (www.stiftung-bg.de/gums/). Aus diesem KZ brachen tatsächlich 1936 sieben Häftlinge aus, sechs wurden bald wieder eingefangen und an Pfählen auf dem Appellplatz aufgehängt. Ein Pfahl blieb leer. Der siebte Flüchtling, Karl Göntges, wurde 1940 in Belgien gefasst und nach Sachsen-hausen zurückgebracht. Göntges sprang 1941 in den elektrisch geladenen Zaun. Auf Konzentrationslager wie Sachsenhausen treffen auch die grausamen Praktiken der SS-Wachmannschaften zu, die
Anna Seghers so beklemmend
beschreibt und in „Westhofen“ verortet. Westhofen hat sie wohl deshalb gewählt, weil ihr die Gegend vertraut war. Seghers, die 1900 in Mainz als Netty Reiling geboren wurde, kannte die Menschen, ihren Dialekt, ihre Arbeit auf dem Feld und in der Fabrik, wusste, wie in den Fachwerkdörfchen und in Mainz gelebt wurde.

Seghers kehrt 1946, in der Erzählung „Der Ausflug der toten Mädchen“, einem kleinen Meisterwerk, nochmals in die verlorene Heimat zurück. Ein Ausflug in Mexiko versetzt Anna Seghers, die hier als Netty auftritt, wie in einem Zauber in ihre Schulzeit. Sie entsinnt sich eines Schiffsausflugs mit ihrer Klasse. Mitschülerinnen und Lehrer, die freundschaftliche Stimmung werden wieder lebendig – und insbesondere ihre beiden besten Freundinnen, Leni und jene Marianne, die von den anderen Mädchen „durch ihre fast überirdische Schönheit“ abstach.

Die „toten Mädchen“

Anna Seghers weiß aber 1946 auch, was aus den Schulfreundinnen geworden ist, und verwebt die Erinnerung an den Ausflug auf dem Rhein mit dem späteren Geschick der „toten Mädchen“ zusammen. Manche wurden zu überzeugten Nazis, andere wurden ausgestoßen. Gehörten sie aber nicht alle zu ein und derselben Heimat? Netty alias Anna Seghers weiß keine Antwort: „Marianne und Leni und ich, wir hatten alle drei unsere Arme ineinander verschränkt in einer Verbundenheit, die einfach zu der großen Verbundenheit alles Irdischen unter der Sonne gehörte. Marianne hatte noch immer den Kopf an Lenis Kopf gelehnt. Wie konnte dann später ein Betrug, ein Wahn in ihre Gedanken eindringen, daß sie und ihr Mann allein die Liebe zu diesem Land gepachtet hätten und deshalb mit gutem Recht das Mädchen, an das sie sich jetzt lehnte, verachteten und anzeigten. Nie hat uns jemand, als noch die Zeit dazu war, an diese gemeinsame Fahrt erinnert. Wie viele Aufsätze auch noch geschrieben wurden über die Heimat und die Geschichte der Heimat und die Liebe zur Heimat, nie wurde erwähnt, daß vornehmlich unser Schwarm aneinandergelehnter Mädchen, stromaufwärts im schrägen Nachmittagslicht, zur Heimat gehörte.“

Marianne wurde nach einem Bombenangriff mit halbverkohltem Körper in der Asche ihres Mainzer Elternhauses aufgefunden. „Sie hatte keinen leichteren Tod als die von ihr verleugnete Leni, die von Hunger und Krankheiten im Konzentrationslager abstarb.“

Norbert Jachertz

Informationen

Foto: H.-P. Haack
Foto: H.-P. Haack
  • Anna Seghers, Das siebte Kreuz, 416 Seiten, Aufbau-Taschenbuch, 8,50 Euro
  • Anna Seghers, Der Ausflug der toten Mädchen und andere Erzählungen, 140 Seiten, Aufbau-Taschenbuch, 7,99 Euro
  • Biografisches und Aktuelles bei der Anna-Seghers-Gesellschaft (www.anna-seghers.de)

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Samstag, 18. Juli 2015, 09:20

@ michel voss-Kommentar oberpeinlich!

Schon ihr Titel belegt, dass sie literarische Intentionen, erzählerisches Gedankengut, Ideenbildung und sozialpolitische bzw. sozialpsychologische Hintergründe von Anna Seghers nicht mal ansatzweise begriffen haben.
Ihre vequaste Aufrechnungstheorie ist nur allzuleicht zu verorten.
Mf+ kG
Avatar #97143
michelvoss
am Donnerstag, 16. Juli 2015, 19:58

Anna Seghers Vergleich verharmlost KZ.

"Sie hatte keinen leichteren Tod als die von ihr verleugnete Leni, die von Hunger und Krankheiten im Konzentrationslager abstarb.“ Über Monate zu Tode gequält zu werden dürfte mehr Leid verursachen als der schnelle Bomben-Tod. Außerdem gab es 13 Millionen Opfer deutscher Massenverbrechen, aber "nur" 1 Mill. deutsche Zivil-Tote.
Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote