ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2015Prävention: Mit gutem Beispiel vorangehen

SEITE EINS

Prävention: Mit gutem Beispiel vorangehen

Dtsch Arztebl 2015; 112(26): A-1153 / B-965 / C-937

Gerst, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Thomas Gerst, Politische Redaktion
Thomas Gerst, Politische Redaktion

Was lange währt, wird endlich gut. Ob diese Volksweisheit auch für das am 18. Juni vom Deutschen Bundestag nach mehreren gescheiterten Anläufen beschlossene Präventionsgesetz gilt – darüber gehen die Meinungen auseinander. Die einen sprechen von einer „Symbolpolitik auf Kosten der Beitragszahler“, andere bezeichnen das Gesetz als eine „brauchbare Arbeitsgrundlage“. Tatsache ist, dass demnächst jährlich eine halbe Milliarde Euro mehr für Präventionsleistungen zur Verfügung gestellt werden muss – , deutlich mehr als bisher, aber eine relativ bescheidene Summe angesichts von GKV-Leistungsausgaben in Höhe von rund 200 Milliarden Euro.

Rund 300 Millionen Euro jährlich sollen für gesundheitliche Prävention in den „Lebenswelten“, in Kindertagesstätten, Schulen und Betrieben ausgegeben werden – man darf gespannt sein, wie es gelingen wird, einheitliche Präventionsziele in dem Kompetenzwirrwarr von Kommunen, Ländern und Bundeseinrichtungen umzusetzen. Hier steht die Befürchtung im Raum, dass Länder und Kommunen künftig geneigt sein werden, sich aus der finanziellen Verantwortung für die Gesund­heits­förder­ung zu stehlen, so dass es am Ende auf ein Nullsummenspiel hinausläuft. Auch die Finanzierung durch die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung sehen viele als falsch an, handelt es sich bei der Prävention doch um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nun von den Versicherten allein getragen werden muss. Dass mit deren Beitragsgeldern nun auch noch der Haushalt einer Bundesunterbehörde, nämlich der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), verdoppelt wird, ruft viele Kritiker auf den Plan; denn noch ist relativ vage, wie sich die BZgA in die avisierte Förderung der „Lebenswelten“ einbringen kann.

Anzeige

Aus ärztlicher Perspektive lässt das Präventionsgesetz einiges zu wünschen übrig. Dass Ärzte in der Nationalen Präventionskonferenz, in der eine einheitliche Präventionsstrategie entwickelt werden soll, nicht vertreten sein werden, mutet schon fast skurril an, gehören doch die Ärzte zweifellos zu den wichtigsten Akteuren im Präventionsgeschehen. Ärztinnen und Ärzte haben über ihre Patientinnen und Patienten einen unmittelbaren Zugang zu Menschen aus allen Bevölkerungsschichten. Insofern erscheint es etwas mager, wenn man Ärzten im Präventionsgesetz die Funktion zuweist, Empfehlungen für bestimmte Präventionsmaßnahmen auszustellen, die von Krankenkassen berücksichtigt werden sollen. Über die Ausgestaltung der von den Ärzten durchzuführenden Kinder- und Jugenduntersuchungen und Erwachsenen-Checkups soll künftig der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) befinden; mehr Geld als bisher sollen diese Untersuchungen aber nicht kosten.

Nach einer guten Basis für ein wirksames ärztliches Präventionsmanagement sieht das nicht aus. Dabei kann ärztliches Engagement in der Prävention viel bewirken. Eine sprechende Medizin, die zur Lebensstiländerung rät, um chronische Erkrankungen zu vermeiden, und die den Chroniker zu einem lebenswerten Umgang mit seiner Krankheit führt, ist auch ohne Präventionsgesetz möglich. Wer hier mit gutem Beispiel vorangeht, hat später gute Argumente in der Hand, wenn es um die Überarbeitung der gesetzlichen Vorgaben geht.

Thomas Gerst
Politische Redaktion

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Samstag, 4. Juli 2015, 09:36

Prävention - "Und täglich grüßt das Murmeltier"

Eine medizinisch fundierte, ärztlich begründete Prävention gibt's nicht zum Nulltarif! Es ist und bleibt Stümperei: Während wir als Hausärzte/-innen vor Ort m i t dem Patienten sprechen und im Rahmen unserer Möglichkeiten begrenzt durch Non-Ädhärenz und Non-Compliance handeln, parliert die Große Koalition (GroKo) aus Schwarz-Rot, aber auch die Opposition nur allgemein-unverbindlich ü b e r Prävention und damit ü b e r die Köpfe unserer Patientinnen und Patienten hinweg.

Gegenüber s p e z i f i s c h ärztlicher Präventionsarbeit fehlt es an Sachverstand, Respekt, Anerkennung bzw. Selbstkritik. Es gibt parteiübergreifend im deutschen Bundestag und in der Bundesregierung nicht wenige präventiologisch äußerst suspekte, offenkundig beratungsresistente Subspezies der Gattung Homo sapiens vulgo Homo erectus. Deren Rückgrat ist beim e i g e n e n Risiko-, Gesundheits- und Krankheitsverhalten so gering entwickelt, dass sie als wandelnde Morbiditätsrisiken eigentlich eher eine Selbsthilfegruppe besuchen müssten.

Die GroKo weiß noch nicht einmal genau, was Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention eigentlich sind. Sie unterscheidet nicht zwischen Krankheits-Prävention (lat. praevenire; "einer Krankheit zuvorkommen"), Vorsorgeuntersuchung und Früherkennung, weil sie sich von einer rein fiktiven "Gesundheits"-Thematik ("Gesundheit für Alle bis zum Jahr 2000" - WHO) wie hypnotisiert blenden lässt.

Denn bereits unser humanmedizinisches "Kerngeschäft" mit Anamnese, Untersuchung, Differenzial-Diagnose, Beratung, multidimensionale Therapie u n d Palliation in der vertragsärztlichen Praxis wurde und wird von allen Bundesregierungen unter dem alleinigen Aspekt "Gesundheit" falsch eingeschätzt.

Das DIMDI (Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information) beschreibt einige zehntausend Krankheitsentitäten nach der Internationalen ICD-10-GM-Nomenklatur: Nach ICD-Diagnosen-Thesaurus, Version 4.0, wurden ca. 31.200 beschrieben.Die aktuelle Version der ICD-10 GM 2014 listet in seiner Systematik ca. 13.400 endständige Kodes auf und verfügt in seinem ICD-10 Alphabet über ca. 76.900 Einträge in der EDV-Fassung. https://www.dimdi.de/static/de/klassi/faq/icd-10/allgemein/faq_0008.htm_319159480.htm

Für alle diese denkbaren und möglichen Krankheiten gibt es keine gezielten Präventions-Programme. Die überwältigende Zahl von Krankheitsbildern lässt sich à priori gar nicht primärpräventiv begrenzen, weil sie altersabhängig ubiquitär irgendwann doch unvermeidbar auftauchen, weil sie genetisch-hereditär, idiopathisch, essenziell, exogen oder endogen bzw. nur zu einem verschwindend geringen Anteil iatrogen bedingt sind.

Bereits im Entwurf eines Gesetzes "zur Stärkung der Gesundheitsförderung und der Prävention" klang es wie glatter Hohn gegenüber uns Ärztinnen und Ärzten, dass 550 Millionen Euro jährlich verteilt werden sollten, o h n e ein angemessenes Arzthonorar für diese so wichtige z u s ä t z l i c h ärztliche Präventionsarbeit abzubilden.

Mit frappierender Chuzpe hieß es im Entwurf des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG): "Die ärztliche Präventionsempfehlung ... stellt für die Krankenkassen eine wichtige Grundlage für die Entscheidung über die Gewährung von Leistungen zur primären Prävention im Individualfall dar". Und weiter: "Dafür erhalten die Ärzte kein zusätzliches Honorar – ihnen entstehe als vertraglichen Leistungserbringern kein zusätzlicher Erfüllungsaufwand".

Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass dies zusätzliche Mehrarbeit mit bedarfs-, krankheits- und versorgungs-adaptierten ä r z t l i c h e n Untersuchungs- und Diagnosemaßnahmen bedeutet.

Die KVen, Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Bundes- und Landesärztekammern bzw. einige Ärzteverbände sind an diesem Ärzte-Präventions-Desaster nicht ganz unschuldig und schlafen weiterhin den "Schlaf des Gerechten". Jahrzehntelang hatten sie in billigen Sonntagsreden die Prävention der Krankheitsfolgen von Rauchen, Saufen, Risikosportarten, Fehlernährung, Bewegungsmangel und bio-psycho-sozialer Inaktivität beschworen, o h n e jemals notwendige Leistungs- und Abrechnungsziffern in den Hausarzt-Praxen implementieren zu wollen.

Im Gegenteil: Leistungsinhalte der "Gesundheitsuntersuchung" GESU mit dem 2-jährlichen Check-Up 35 wurden um das fakultative EKG und die Nierenfunktionsbestimmung abgespeckt. Die GESU-Dokumentationen blieben ebenso wie die Krebsvorsorgeuntersuchungen bis heute als milliardenfacher Daten-"Schrott" o h n e jegliche Evaluation. Selbst beim teuren, aufwendigen, risiko- und nebenwirkungs-trächtigen Mammografie-Screening gibt es nicht die Spur einer validen wissenschaftlichen Aufarbeitung in Deutschland.

Tagtäglich praktizieren wir Ärzte e n t g e g e n der Ansicht medizin-bildungsferner Schichten Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention. Achtsamkeit, Respekt und Anerkennung gegenüber diesen Bemühungen lassen Krankenkassen, Politik, Medien und Öffentlichkeit schmerzlich vermissen. Es gibt aber keine ärztliche begründete Prävention zum Nulltarif!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Themen:

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige