THEMEN DER ZEIT

Studierendeninitiative: Sozial verantwortlich forschen

Dtsch Arztebl 2015; 112(26): A-1174 / B-982 / C-952

Brauner, Maximilian; Fendel, Lukas; Jaehn, Philipp; Wagner-Ahlfs, Christian

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Die Organisation „Universities Allied for Essential Medicines“ macht das geltende Patentsystem für überhöhte Preise und damit für Zugangshürden zu medizinischen Innovationen verantwortlich. Sie plädiert für alternative Forschungsanreize.

Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten – dafür setzen sich die Studierenden der Universities Allied for Essential Medicines ein, wie hier 2014 in Basel (www.uaem-europe.org). Foto: UAEM
Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten – dafür setzen sich die Studierenden der Universities Allied for Essential Medicines ein, wie hier 2014 in Basel (www.uaem-europe.org). Foto: UAEM

Patente gelten vielen Kritikern als eine Ursache dafür, dass lebenswichtige medizinische Innovationen für viele Patientinnen und Patienten unbezahlbar bleiben. Denn die meist hohen Preise von Medikamenten, die unter Patentschutz stehen, werden nicht durch den Wettbewerb reguliert (1). Aktuelle Beispiele sind hämatologisch-onkologische Präparate sowie die neuen Hepatitis-C-Medikamente (2, 3). Besonders betroffen von dieser Hochpreispolitik sind Patienten in ärmeren Ländern, für die patentgeschützte Arzneimittel – gerade auch im Bereich der chronischen Krankheiten – aufgrund eines hohen privaten Anteils an der Finanzierung medizinischer Versorgung oft unerschwinglich bleiben (4, 5).

Innovationen für alle

Nach Ansicht der studentischen Initiative „Universities Allied for Essential Medicines“ (UAEM) gilt es, medizinische Innovationen allen Menschen weltweit zu erschwinglichen Preisen zugänglich zu machen. Die Situation kann sich nach Ansicht der UAEM verbessern, wenn an Universitäten und öffentlichen Forschungseinrichtungen ein Umdenken stattfindet, denn diese sind ein unverzichtbarer Grundstein der medizinischen Forschung und Entwicklung (6). Öffentlich finanzierte Einrichtungen führen häufig die ersten Schritte in der risikoreichen Grundlagenforschung durch, so dass sie bei mehr als 45 Prozent aller hochinnovativen Erfindungen entscheidende Beiträge leisten (7, 8). Aufgrund dessen haben sie vielfältige Einflussmöglichkeiten auf die spätere Preisgestaltung und Verfügbarkeit biomedizinischer Produkte. Universitäre Forschung ist nach Auffassung von UAEM dem Allgemeinwohl verpflichtet und sollte nicht einem rein wirtschaftspolitischen Kalkül unterworfen sein.

Dementsprechend sollten Forschungsergebnisse in Open Access Journals kostenfrei und ohne Zugangsbeschränkungen verfügbar sein. UAEM vertritt darüber hinaus die Auffassung, dass auch die Weitergabe öffentlicher Forschungsergebnisse an privatwirtschaftliche Akteure nach Maßgabe der universitären Allgemeinwohlverpflichtung ausgestaltet werden sollte. Bei der wirtschaftlichen Verwertung von Forschungsergebnissen wird jedoch bisher anders vorgegangen. Hier ist die exklusive Lizenzvergabe Standard: meistens erhält nur ein Unternehmen das ausschließliche Nutzungsrecht für eine universitäre Erfindung – und damit einen Freifahrtschein für monopolistische Preisgestaltung.

Weg von exklusiven Lizenzen

Dabei gibt es vielfältige Lösungsansätze, um aus der öffentlichen Forschung resultierende Produkte möglichst umfassend verfügbar zu machen (9). Nichtexklusive Lizenzen erweitern beispielsweise den Handlungsspielraum. Es können für reichere und ärmere Länder unterschiedliche Lizenzen an unterschiedliche Unternehmen vergeben werden, um günstigere Preise zu erzielen. Diese Art der Lizenzpolitik wird in Deutschland mit dem Sammelbegriff „Equitable Licensing“ bezeichnet. Eine Lizenz soll hier so ausgestaltet werden, dass der weltweit größtmögliche gesellschaftliche Nutzen resultiert (10).

Verluste für Universitäten sind nach Ansicht von UAEM nicht zu erwarten. Immerhin hat die exklusive Lizenzvergabe in den USA nicht zu den erwarteten Mehreinnahmen für Universitäten geführt (11). Wenn die Finanzierung von Zulassungsstudien sichergestellt wird, kann sogar unmittelbar nach der Zulassung eines Medikaments die Produktion von Generika beginnen, was erfahrungsgemäß den Preis deutlich senkt (12).

Kürzlich erklärte die Bundesregierung, dass sie Equitable Licensing positiv bewerte und es den Universitäten freistelle, entsprechende Maßnahmen umzusetzen (13). Bisher hat das Modell allerdings nur an den Universitäten Tübingen und Münster Eingang in die Richtlinien zum Umgang mit geistigem Eigentum gefunden (14, 15). UAEM fordert deshalb, dass sämtliche öffentliche Forschungseinrichtungen effektive Maßnahmen zum sozial verantwortlichen Umgang mit geistigem Eigentum ausarbeiten und ihre von der Solidargemeinschaft finanzierten Forschungsergebnisse nicht weiterhin bedingungslos an die pharmazeutische Industrie abtreten.

Auf lange Sicht bedarf es nach Ansicht von UAEM einer grundlegenden Änderung der Anreiz- und Finanzierungsstrukturen biomedizinischer Forschung jenseits der Vergabe gesundheitsschädlicher Monopole. Insbesondere müssen die finanziellen Anreize für Forschung vom Preis der daraus resultierenden Produkte abgekoppelt werden. Das kann durch innovative Finanzierungsmechanismen wie Prämienmodelle, Patent Pools oder Open Source Drug Development gelingen (16). Neben einer insgesamt kostengünstigeren Medikamentenversorgung könnte eine vom Verkaufspreis entkoppelte Anreizstruktur auch eine adäquatere Forschung an minder beachteten Krankheiten bewirken. Die Beispiele Ebola und Tuberkulose sowie das Problem der vernachlässigten Tropenkrankheiten zeigen deutlich, dass das konventionelle Patentsystem als Anreizmechanismus versagt.

Maximilian Brauner, Lukas Fendel, Philipp Jaehn, UAEM

Christian Wagner-Ahlfs, BUKO Pharmakampagne

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit2615
oder über QR-Code.

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1.
Korzilius H: Zugang zu lebensnotwendigen Arzneimitteln: Patente verhindern die Therapie. Dtsch Arztebl International 2007; 104: 1552 VOLLTEXT
2.
Abboud C, Berman E, Cohen A, et al.: The price of drugs for chronic myeloid leukemia (CML) is a reflection of the unsustain-able prices of cancer drugs: from the perspective of a large group of CML experts http://www.bloodjournal.org/content/bloodjournal/121/22/4439.full.pdf, http://www.bloodjournal.org/content/121/22/4439?sso-checked=true
(zitiert am 26.3.2015).
3.
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Mills A: Health care systems in low- and middle-income countries. The New England journal of medicine 2014; 370: 552–7 CrossRef MEDLINE
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Wagner-Ahlfs C: Öffentliche Forschung für Entwicklungsländer: Zwischen Markt und sozialer Verantwortung. Dtsch Arztebl International 2010; 107: 1155–8 VOLLTEXT
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Kneller R: The importance of new companies for drug discovery: origins of a decade of new drugs. Nature reviews Drug discovery 2010; 9: 867–82 CrossRef MEDLINE
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Chin-Dusting J, Mizrahi J, Jennings G, Fitzgerald D: Outlook: finding improved medicines: the role of academic-industrial collaboration. Nature reviews Drug discovery 2005; 4: 891–7 CrossRef MEDLINE
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Wagner-Ahlfs C: Öffentliche Gesundheitsforschung – kommt gut an. PHARMA-BRIEF SPEZIAL. Bielefeld: BUKO Pharma-Kampagne/Gesundheit und Dritte Welt e.V. 2013.
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Godt C, Marschall T: Equitable Licensing – Lizenzpolitik und Vertragsbausteine. Oldenburg: Institut für Rechtswissenschaften, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg 2010 PubMed Central
11.
Valdivia WD: University Start-Ups: Critical for Improving Technology Transfer http://www.brookings.edu/~/media/research/files/papers/2013/11/start-ups-tech-transfer-valdivia/valdivia_tech-transfer_v29_no-embargo.pdf (zitiert am 23.3.2015).
12.
Fischer C, Wagner-Ahlfs C: Arzneimittel als Allgemeingut. Berlin: Rosa Luxemburg Stiftung 2013.
13.
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6. Wagner-Ahlfs C: Öffentliche Forschung für Entwicklungsländer: Zwischen Markt und sozialer Verantwortung. Dtsch Arztebl International 2010; 107: 1155–8 VOLLTEXT
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8. Chin-Dusting J, Mizrahi J, Jennings G, Fitzgerald D: Outlook: finding improved medicines: the role of academic-industrial collaboration. Nature reviews Drug discovery 2005; 4: 891–7 CrossRef MEDLINE
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10. Godt C, Marschall T: Equitable Licensing – Lizenzpolitik und Vertragsbausteine. Oldenburg: Institut für Rechtswissenschaften, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg 2010 PubMed Central
11.Valdivia WD: University Start-Ups: Critical for Improving Technology Transfer http://www.brookings.edu/~/media/research/files/papers/2013/11/start-ups-tech-transfer-valdivia/valdivia_tech-transfer_v29_no-embargo.pdf (zitiert am 23.3.2015).
12.Fischer C, Wagner-Ahlfs C: Arzneimittel als Allgemeingut. Berlin: Rosa Luxemburg Stiftung 2013.
13. Bundesregierung: Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Uwe Kekeritz, Annalena Baerbock, Marieluise Beck (Bremen), weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Drucksache 18/1784. Berlin: 19.6.2014.
14. Universität Münster: Patentstrategie der Westfälischen Wilhelms-Universität https://www.uni-muenster.de/AFO/patente/aussendarstellungderpatentstrategie.html (zitiert am 15.3.2015).
15. Universität Tübingen: Leitlinien zum Umgang mit geistigem Eigentum (IPR-Policy) http://www.uni-tuebingen.de/einrichtungen/verwaltung-dezernate/i-forschungstrategie-und-recht/abteilung-1-forschungsfoerderung-und-technologietransfer/technologietransfer/hintergrundinformationen/ipr-policy.htm (zitiert am 15.3.2015).
16. Love J: De-linking R&D costs from product prices http://www.who.int/phi/news/phi_cewg_1stmeet_10_KEI_submission_en.pdf (zitiert am 15.3.2015).

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