ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2015Die Anatomie des Dr. Tulp: Eine kleine anatomische Abweichung

KULTUR

Die Anatomie des Dr. Tulp: Eine kleine anatomische Abweichung

Donhuijsen, Konrad

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Seit dem späten 19. Jahrhundert wird darüber diskutiert, warum der rechte Arm des Leichnams in Rembrandts Gemälde zu kurz ist.

Foto: picture alliance
Foto: picture alliance

Die anatomische Vorlesung des Dr. Nicolaes Tulp“ (1632, Öl/Leinwand, 162 × 216 cm, Mauritshuis, Den Haag) gehört zu Rembrandts bekanntesten Gemälden. Es war sein erster Auftrag für ein Gruppenporträt und zeigt eine ausdrucksstarke Darstellung der Amsterdamer Chirurgengilde und ihres akademischen Praelektors Dr. Tulp. Dieser hat sich von dem Buch im Vordergrund gelöst und belehrt die wissbegierigen Handwerker über die Funktion der Hand. Tulps rechte Hand zieht mit einer Klemme an den linksseitigen Unterarmmuskeln des Leichnams, während seine linke Hand den Effekt der Muskelkontraktur – also die Fingerbeugung – vorwegnimmt. Tulp ist also gleichzeitig Praelektor, Demonstrator und Prosektor. Diese gestische Inszenierung wird als der Beginn einer funktionalen Medizin, oder gar durch das Simultane von Theorie und Praxis als Hinweis auf die beginnende Naturwissenschaft interpretiert. Rembrandts Bild nimmt Bezug auf einen Holzschnitt „Andreas Vesalius als Anatom von Arm und Hand“ von 1542, auf dessen Schule sich Tulp bezog.

Anzeige

Der Leichnam wurde 1881 identifiziert. Es handelt sich um den 28-jährigen Korbmacher Adriaan Adriaansz, der wegen eines versuchten Raubmordes am 27. Januar 1632 gehenkt wurde. Analysen des 21 Mal restaurierten Bildes zeigten, dass der Leichnam eine alte Unterarmamputation rechts aufwies, die von Rembrandt nachträglich übermalt wurde. Zum präparierten linken Unterarm gibt es mehr oder weniger ausführliche Analysen von Kunsthistorikern und Medizinern verschiedener Fachrichtungen mit unterschiedlicher Interpretation. Die jüngste ausführliche Analyse stammt von Handchirurgen der Groninger Universitätsklinik (Ilpma et al. 2006) anlässlich Rembrandts 400. Geburtstages. Sie sehen die anatomischen Gegebenheiten in Rembrandts Gemälde richtig wiedergegeben mit einer Ausnahme: Diese betrifft eine abweichende Zuordnung oberflächlicher und tiefer Schichten des Musculus flexor digitorum superficialis.

Hat sich hier Rembrandt doch vertan? Zweifellos hat Dr. Tulp als Auftraggeber seine Hand im Spiel und bringt seinen Sachverstand beim Malen des Bildes zur Geltung. Hieraus erklärt sich auch die aus heutiger Sicht kleine anatomische Abweichung. Man darf davon ausgehen, dass sich Tulp wie seine Zeitgenossen auf Zeichnungen des anerkannten Anatomen Julius Casserius (1552–1616) stützte. Dieser Vorlage, die sich auch im anatomischen Atlas von Govaert Bidloo, Amsterdam 1685, wiederfindet, entspricht Rembrandts anatomische Wiedergabe. Er hat sich also am Wissen seiner Zeit orientiert.

Darüber hinaus nimmt sich Rembrandt die Freiheit, wie bei anderen Sujets seines Werkes, Bildwirkung und Ausdruck durch Verdichtung zu gestalten, den Betrachter durch Reduktion oder Verstärkung von Einzelheiten anzusprechen, und die Bildaussagen durch Raumgestaltung, Perspektiven und Lichtführung zu verstärken. Die Annahme, Rembrandt habe keine Hände malen können, wie sie jüngst bei der Besprechung seines Braunschweiger Familienbildes in einer renommierten Hamburger Wochenzeitung geäußert wurde, ist absurd. Zudem: Über ein wirklichkeitsnahes Bild aus einem Anatomieatlas vor 400 Jahren würde heute wohl keiner mehr sprechen.            

Prof. Dr. med. Konrad Donhuijsen

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote