ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2015Schule für Kranke: Mehr als Wissensvermittlung

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Schule für Kranke: Mehr als Wissensvermittlung

Dtsch Arztebl 2015; 112(26): A-1182 / B-984 / C-956

Klinkhammer, Gisela

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Wenn Kinder und Jugendliche langfristig erkrankt sind, ist ein normaler Schulalltag nicht mehr gewährleistet. Ein Schulleiter berichtet, wie Unterricht dennoch ermöglicht werden kann.

Foto: dpa
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Die erste Woche war der absolute Horror. In dieser Woche hatte ich schwere Depressionen. Dazu kam die Schule. Obwohl ich vorher auf einem Gymnasium war, hatte ich schon längere Zeit Probleme, überhaupt mit dem Unterrichtsstoff mitzukommen. Und dann die Schule für Kranke, eine Schule, wo Kinder und Jugendliche unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Schularten zusammen unterrichtet werden. Ich geriet in Panik, nie würde ich den ganzen Stoff aufholen können. Mittlerweile sehe ich den Besuch hier als Erfahrungswert an: Auch wenn ich viel verpasse, lerne ich mal eine ganz andere Art und Weise des Unterrichts kennen. Besonders gut finde ich, dass nur ein paar Schüler zusammen in einer Klasse sind, so ist das Lernen nicht so stressig.“ Das berichtet Sabrina K. in der Schülerzeitung der Michael-Ende-Schule – Städtische Schule für Kranke in Lüdenscheid.

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Das Lernen in Kleingruppen ist typisch für die Schulen für Kranke, die es nach Angaben der Verbandes Sonderpädagogik in allen Bundesländern gibt, 60 davon allein in Nordrhein-Westfalen. Die Johann-Christoph-Winters-Schule (JCW) in Köln ist eine von ihnen. Sie trägt ihrem Schulprogramm zufolge „dafür Sorge, dass Schülerinnen und Schüler auch bei langfristigen Krankheitsverläufen ihr Recht auf Unterricht einlösen können“. Zwischen 100 und 120 Kinder und Jugendliche aller Altersstufen und Schulformen werden täglich von Lehrkräften der JCW unterrichtet. „Das geschieht in einer Millionenstadt wie Köln natürlich nicht alles an einem Ort“, berichtet Schulleiter Dr. phil. Andreas Seiler-Kesselheim.

Eigenes Schulgebäude

Die Einsatzorte der JCW sind die Universitätskinderklinik Köln mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) und der Pädiatrie, die Tagesklinik Pionierstraße für Kinder- und Jugendpsychiatrie und das Städtische Kinderkrankenhaus Amsterdamer Straße. Die somatisch erkrankten Kinder werden einzeln am Krankenbett oder in Lerngruppen in Unterrichtsräumen der Kliniken gefördert. Schwerpunkte sind dabei die Stationen für Kinder-Onkologie und für chronische Erkrankungen.

Psychisch kranke Kinder und Jugendliche werden durch die JCW an drei Lernorten in Köln unterrichtet, unter anderem für die Grundschüler in der KJP in einem eigenen Schulgebäude auf dem Gelände der Uniklinik, der Villa Kunterbunt. Bei den meisten Lehrerinnen und Lehrern der Johann-Christoph-Winters-Schule liegt eine Qualifikation für das Lehramt für Sonderpädagogik vor. Der Schulleiter bedauert allerdings, „dass es keinen eigenständigen Studiengang Pädagogik bei Krankheit gibt“. Zahlreiche Lehrkräfte hätten allerdings Sonderpädagogik mit Schwerpunkt auf emotional-soziale Störungen studiert, so dass sie eine solide Kenntnis von psychischen Störungen hätten. Das sei auch notwendig, da zwei Drittel der circa 600 Schüler, die pro Jahr die Schule durchlaufen, aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie kämen. Aber wenn er sich die Krankheitsbilder anschaue, dann würde doch deutlich, dass die Arbeit mit Schülerinnen und Schülern aus der KJP „einfach mehr ist als der Unterricht für Kinder mit emotional-sozialen Störungen“, räumt Seiler-Kesselheim ein.

Er beschreibt den typischen Fall eines essgestörten Mädchens. „Die Verläufe sind dann oft so, wie man sie sich vorstellt. Sie ist übermäßig begabt, setzt sich massiv unter Leistungsdruck und verstärkt damit noch die Hauptsymptomatik, die Essstörung.“ In dem Zusammenhang übt der Schulleiter auch Kritik am Schulsystem. Viele Kinder und Jugendliche seien durch den enormen Schulstress einfach überfordert und erschöpft. Sollte man die auf acht Jahre verkürzte Gymnasialzeit (G8) deshalb insgesamt infrage stellen? „Bei unseren Schülern ist das tatsächlich oft eine Ursache ihrer Probleme“, meint Seiler-Kesselheim. „Deswegen ist ein großer Teil unserer Arbeit diagnostisch und schulbegleitend.“ Viele Kinder hätten auch Schwierigkeiten beim Übergang von der Grundschule zur Orientierungsstufe in der weiterführenden Schule. Diese Schüler entwickelten neben anderen Störungen dann oft eine soziale Phobie. „Die kommen bei uns in den kleinen Lerngruppen von fünf bis zehn Schülern natürlich viel besser zurecht.“

Regelmäßige Besprechungen

Die geborgene Atmosphäre der Schulen für Kranke könnten die allgemeinen Schulen in der Regel aber nicht schaffen. Und wenn die Kinder dann auch noch familiär belastet seien, sei das reguläre Schulsystem oft überfordert. „Wir haben zum Beispiel zurzeit hier an der Schule einen Jungen im sechsten Schuljahr, der beide Eltern durch einen Unfall verloren hat und der im Kinderheim lebt. Da kann man sich ja vorstellen, mit welchen Problemen so ein Kind durchs Leben geht.“

Und genau hier hat es die Johann-Christoph-Winters-Schule mit einem neuen Problem zu tun. „Die Kinder müssen ja irgendwann wieder zurückgeschult werden. Aber in Köln sind nahezu alle Schulen der Sekundarstufe 1 rappelvoll. Da telefoniert man sich dann die Finger wund“, berichtet Seiler-Kesselheim. Ursprünglich sei die Schule für Kranke für die Zeit des Kranken­haus­auf­enthaltes als subsidiäres System für die allgemeine Schule geplant gewesen. „Doch die Frage ist, wenn die Schüler nicht mehr zurück an ihre Heimatschule gehen, wie kann der Übergang dann sinnvoll gestaltet werden?“

Seiler-Kesselheim begrüßt die gute Kooperation mit der Uniklinik. „Wir haben wöchentlich sogenannte Stationsbesprechungen, abwechselnd auf der Kinder- und auf der Jugendstation.“ Daran nehmen außer ihm selber als Schulleiter die Kolleginnen und Kollegen aus den unterrichtenden Klassen sowie die Bezugstherapeuten teil. Dort wird dann etwa zwei Stunden lang über alle Schülerinnen und Schüler gesprochen. Außerdem gebe es eine gute Kooperation über Telefon und E-Mails, runde Tische, Fallbesprechungen und Hilfeplangespräche.

Bei den somatisch kranken Kindern finden ebenfalls regelmäßige Besprechungen statt, an denen in erster Linie die Ärzte, aber auch das Pflegepersonal, Sozialarbeiter, Musik- und Ergotherapeuten beteiligt seien. Und gerade auf den somatischen Stationen stellten sich dann auch wieder ganz andere Herausforderungen. „Bei Kindern mit Mukoviszidose muss beispielsweise in sterilen Räumen unterrichtet werden. Da können die Lehrer dann auch keinerlei Unterrichtsmaterial mitbringen. Sie müssen sich umkleiden und in ständigem Kontakt mit dem Klinikpersonal arbeiten, um die Sterilitätsverordnungen einzuhalten.“

Pädagogische Übersetzung

Die „Europäische Charta für Erziehung und Unterricht von kranken Kindern und Jugendlichen im Krankenhaus und zu Hause“ sieht die Lehrer kranker Kinder und Jugendlicher als vollwertige Mitglieder des multidisziplinären Pflegeteams (Kasten). „Gemäß den Veröffentlichungen einiger Kliniken und nahezu aller Schulen für Kranke hat interdisziplinäre Kooperation eine herausragende Bedeutung für die Qualität schulischer und medizinisch-therapeutischer Arbeit“, schreibt dazu der Düsseldorfer Diplom-Pädagoge Alexander Wertgen in der Zeitschrift für Heilpädagogik (2/2009). Dennoch sieht Wertgen Verbesserungsbedarf. Auch Seiler-Kesselheim würde gern „mehr am Wissen der Ärzte beteiligt werden. Wir brauchen letzten Endes schon ein Gefühl dafür, wo die Medizin sowohl in der Kinder- und Jugendpsychiatrie als auch in der Somatik hingeht, damit wir eine pädagogische Übersetzung leisten können.“ Insgesamt fällt sein Fazit aber dennoch positiv aus. „Alles in allem schätzen wir die Expertise der Klinik sehr. Und umgekehrt ist das auch der Fall“, fasst Seiler-Kesselheim seine Erfahrungen zusammen.

Gisela Klinkhammer

Europäische Charta

Foto: picture alliance
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Die Generalversammlung der Europäischen Vereinigung der Krankenhauslehrer, die „Hospital Organisation of Pedagogues in Europe“ hat im Jahr 2000 in Barcelona die „Europäische Charta für Erziehung und Unterricht von kranken Kindern und Jugendlichen im Krankenhaus und zu Hause“ verabschiedet. Diese enthält zehn Forderungen:

  • Jedes kranke Kind und jeder Jugendliche hat das Recht auf Unterricht im Krankenhaus oder zu Hause.
  • Ziel des Unterrichts für kranke Kinder und Jugendliche ist die Fortführung von Bildung und Erziehung und die Erhaltung ihrer Stellung als Schüler.
  • Die Krankenhausschule fördert die Gemeinschaft von Kindern und Jugendlichen und normalisiert den Alltag.
  • Krankenhaus- und Hausunterricht müssen den Bedürfnissen und Fähigkeiten kranker Kinder und Jugendlicher entsprechen.
  • Lernort, Lernumwelt und die Lernhilfen müssen den Bedürfnissen angepasst sein.
  • Der Inhalt des Unterrichts umfasst mehr als den formalen Stoffplan und enthält auch Themen, die aus besonderen Bedürfnissen durch Krankheit und Kranken­haus­auf­enthalt erwachsen.
  • Die Kliniklehrer und die Lehrer für Hausunterricht müssen voll qualifiziert sein und ständig Fortbildung erhalten.
  • Die Lehrer kranker Kinder und Jugendlicher sind als schulische Fachleute vollwertige Mitglieder des multidisziplinären Pflegeteams.
  • Die Eltern werden über das Recht ihres kranken Kindes auf Schulunterricht und über das Unterrichtsprogramm informiert..
  • Der Schüler wird als ganzheitliche Person betrachtet. Das schließt das Arztgeheimnis ein.

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