ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2015Haftpflicht: Vorurteile überwinden
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. . . Die aktuelle Situation der freiberuflichen Hebammen wird nicht ganz richtig dargestellt: Es geht bei Weitem nicht nur um außerklinisch tätige Hebammen, sondern auch um Beleghebammen, die zum Beispiel in Bayern etwa 25 Prozent der Geburten (in Krankenhäusern!) begleiten. Es gibt ab Juli 2016 überhaupt keinen Versicherer mehr für diese Hebammen, egal ob für die Geburtshilfe oder für Vor- und Nachsorge. Das bedeutet, dass von da an keine freiberufliche Hebamme mehr tätig sein kann, denn ohne Versicherung darf sie nicht arbeiten. Wir versuchen uns das einmal vorzustellen: Alleine für Bayern hieße das, dass 25 Prozent der Hebammen fehlen würden, das heißt, die Krankenhäuser müssten so viele Hebammen einstellen. Die Krankenhäuser tendieren aber zum Beleghebammensystem, nicht selten in Schichtarbeit – dies darf getrost als „scheinselbstständig“ bezeichnet werden –, um ihrerseits die Kosten der Haftpflichtversicherung (!) zu sparen. Denn diese müssen dann von den Hebammen selbst getragen werden. Dass immer weniger Hebammen bereit sind, unter diesen Bedingungen zu arbeiten, wundert mich nicht . . .

Es ist unglaubwürdig, wenn Ärzte sich gegen Hebammen wenden, die ebenso ein Interesse an gesunden Müttern und Kindern haben. Es ist mehr als überheblich zu meinen, wir bräuchten die außerklinische Geburtshilfe nicht. Wenn wir ehrlich wären, müssten wir zugeben, dass gerade die außerklinische Geburtshilfe einen großen Einfluss auf die innerklinische Geburts-hilfe hatte in den letzten 20 Jahren. Viele verschüttete Erkenntnisse über die physiologische Geburt wurden wiederentdeckt. Ritualisierte, wenig sinnhafte Interventionen wie zum Beispiel die Episiotomie oder auch die Rückenlage konnten überdacht und neu bewertet werden. Davon haben Frauen auch in den Kliniken profitiert . . . Es hilft nichts, wir sitzen im selben Boot: Frauenärzte und Hebammen, ebenso wie Krankenhausträger, alle brauchen eine Haftpflichtversicherung, die bezahlbar ist. Beide Professionen brauchen einander und sind immer wieder aufeinander angewiesen. Wer dies in Abrede stellt, beschreitet einen gefährlichen Weg.

Die Geburtshilfe in Deutschland steht meiner Meinung nach an einem Scheideweg: entweder hin zur ökonomisierten Geburtsmedizin, wie sie in Amerika entstanden ist (nicht zuletzt durch das DRG-System), mit gravierenden Folgen für Mütter und Kinder: Die Müttersterblichkeit ist im Vergleich zu Deutschland fast viermal so hoch (2011: USA: 17,8/100 000 Lebendgeborenen, D: 5/100 000), und auch die Säuglingssterblichkeit ist fast doppelt so hoch. (2012: USA: 5,98/1 000 Lebendgeborenen im 1. LJ; D: 3,51/1 000 im 1. LJ).

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Oder hin zu einer evidenzbasierten, frauenzentrierten, hebammengeleiteten Geburtshilfe mit Eins-zu-eins-Betreuung unter Geburt, die als gesellschaftliche Verantwortung wahrgenommen wird. Großbritannien hat diesen Schwenk bereits begonnen.

Ich bin selbst Ärztin, und es ist mir ein großes Anliegen, dass die offensichtlich bestehenden Vorurteile zwischen Hebammen und Ärzten – übrigens in beide Richtungen – überwunden werden. Der oben genannte Artikel hat dazu leider nicht beigetragen.

Iris Appel, Ärztin, 41539 Dormagen

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Avatar #97143
michelvoss
am Donnerstag, 16. Juli 2015, 20:29

Hebammen-Mangel verursacht nicht die hohe USA-Müttersterblichkeit, sondern

13 Mill. gebärfähige Frauen haben keinerlei Kran­ken­ver­siche­rung:
http://www.amnesty.ch/de/laender/amerikas/usa/dok/2010/hohe-muettersterblichkeitsrate

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