ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2015Schicksal einer „Anstalt“: Historischer Dreisprung

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Schicksal einer „Anstalt“: Historischer Dreisprung

Jachertz, Norbert

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Herbert G. Loos: Herzberge. Die Geschichte des psychiatrischen Krankenhauses Berlin-Herzberge von 1893 bis 1993. be.bra wissenschaft verlag, Berlin 2014, 254 Seiten, gebunden, 30 Euro
Herbert G. Loos: Herzberge. Die Geschichte des psychiatrischen Krankenhauses Berlin-Herzberge von 1893 bis 1993. be.bra wissenschaft verlag, Berlin 2014, 254 Seiten, gebunden, 30 Euro

In der Berliner Krankenhauspolitik vermischen sich bis heute städtische und staatliche Interessen. Das ist schwer durchschaubar. Anhand der Geschichte der „Irrenanstalt Herzberge“ wird das Mit- und Gegeneinander indes recht deutlich erkennbar. Die Geschichte ist zudem allgemein interessant, weil sich die (unheilvolle) Verquickung von Politik und Medizin, hier der Psychiatrie, am Objekt studieren lässt. Besonders aufschlussreich sind die Passagen zur DDR-Vergangenheit und zur kurzen Nachwendezeit, die der Autor, Dr. med. Herbert Loos, noch selbst miterlebte. Er arbeitete fast 30 Jahre als Arzt in Herzberge und scheint dabei nicht betriebsblind geworden zu sein. Loos, der auch als Medizinhistoriker tätig ist, berichtet vielmehr aus intimer Kenntnis und im Bemühen um die historische Wahrheit, wohl wissend, dass die Aufarbeitung von totalitären Systemen in einem historischen Dreisprung erfolgt: Auf die Suche nach Schuldigen folge, so der Autor, „die Suche nach den Gründen des Verhaltens von aktiven Streitern für eine schlechte Sache“. Erst später komme es zur „Beschäftigung mit den historisch relevanten strukturellen Besonderheiten jener Zeit“. Demnach steckt Loos mit seiner Aufarbeitung der jüngeren Geschichte von Herzberge mitten in Phase zwei.

Herzberge, eröffnet 1893, war die zweite Berliner städtische Irrenanstalt, nach Dallberg (Wittenau), eröffnet 1880. Beide pflegten einen Dauerstreit um Patienten mit der Königlichen Charité. Diese sollte sich um die heilbaren Patienten kümmern, Dallberg die unheilbaren Kranken verwahren. Die Unterscheidung erwies sich als unzweckmäßig. Mit der Eröffnung von Herzberge wurde sie deshalb aufgehoben. Dallberg wie Herzberge fungierten fortan als Heil- und Pflegeanstalten. In Herzberge wurde erstmals in Berlin auch die getrennte Unterbringung von Männern und Frauen eingeführt. Die damals hochmoderne Pavillon-Architektur kam dem entgegen. Eine eigene Landwirtschaft diente der Aktivierung der Patienten wie auch der Mitfinanzierung der Anstalt.

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Einen tiefen Einschnitt brachte der Erste Weltkrieg – Personalmangel und dramatisch erhöhte Sterblichkeit vor allem in den Hungerwintern 1916/17 und 1917/18. In der NS-Zeit wurden auch in Herzberge Patienten „verkartet“ und „ausgesondert“. Auch an der sogenannten wilden „Euthanasie“ war man beteiligt, insbesondere durch einen mit dem Hirnforscher Hallervorden zusammenarbeitenden Arzt, Karl Balthasar, der sich mit „Besessenheit“ (Loos) hirnpathologischen Studien widmete. Auch Herzberge ereilte schließlich das gleiche Geschick wie viele andere Heil- und Pflegeanstalten. Nachdem durch „Aussonderung“ der psychiatrischen Patienten die Betten frei wurden, wurde die Anstalt „somatisch“ belegt und unter anderem als Lazarett genutzt. Die NS-Zeit wurde nach dem Krieg in Herzberge lange ausgeblendet.

Das „Fachkrankenhaus für Neurologie und Psychiatrie Herzberge“ arbeitete in der DDR-Zeit eng mit der Staatssicherheit zusammen; der Autor spricht sogar davon, es sei fest in deren Griff gewesen. Die Stasi unterhielt innerhalb des Hauses eine eigene Abteilung, besetzt mit drei offiziellen Mitarbeitern. Dazu kamen ein ganze Reihe von IM im übrigen Krankenhaus, darunter einige Ärzte, unter diesen wiederum ein Chefarzt und ein Ärztlicher Direktor, Herbert Richter und Klaus Bach. Der eine handelte aus politischer Überzeugung, der andere, um Vorteile für seine Klinik und sich selbst zu erlangen. Beide begingen unter nicht ganz geklärten Umständen Suizid. „Sie starben, als sie aussteigen wollten“, vermutete der Stern 1991. Loos, der das Blatt zitiert, hat freilich keine eindeutigen Hinweise für die Vermutung finden können.

Wurde in der DDR und damit vielleicht auch in Herzberge die Psychiatrie politisch missbraucht? Loos zitiert zustimmend diverse Kommissionen, die nach der Wende eingerichtet wurden und zu dem Ergebnis kamen, „dass ein politischer Missbrauch in ähnlicher Form, wie er in der Sowjetunion beschrieben wurde, glücklicherweise nicht nachweisbar war“ (Loos). Er gesteht aber „Einzelfälle und die mitunter kontroverse Einordnung von Grenzfällen“ zu und verweist generell auf „die paranoiden Strukturen der DDR-Gesellschaft“, die „wahnhafte Entwicklungen“ gefördert hätten. Norbert Jachertz

Herbert G. Loos: Herzberge. Die Geschichte des psychiatrischen Krankenhauses Berlin-Herzberge von 1893 bis 1993. be.bra wissenschaft verlag, Berlin 2014, 254 Seiten, gebunden, 30 Euro

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