ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2015Universität Leipzig: 600 Jahre Medizinische Fakultät

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Universität Leipzig: 600 Jahre Medizinische Fakultät

Riha, Ortrun

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Leipzig besitzt die zweitälteste medizinische Fakultät in Deutschland. Zeiten von Kontinuität, ja Stagnation, wechselten mit Umbruchphasen, wobei einschneidende Veränderungen nicht selten durch Ereignisse von außen angestoßen wurden.

Die Universität Leipzig verdankt ihre Gründung der zugespitzten Konfliktsituation in einer ganz anderen Stadt: 1348 hatte der böhmische König (und spätere deutsche Kaiser) Karl IV. in Prag die heutige Karls-Universität gegründet. Eingeteilt waren dort die Magister und Scholaren nach ihrer ungefähren geografischen Herkunft in vier „Nationen“ (Böhmen, Polen, Sachsen, Baiern), die untereinander in zunehmender Konkurrenz um Privilegien und lukrative Positionen standen. Als Anfang des 15. Jahrhunderts die Prager Universität zum geistigen Zentrum der Reformbewegung von Jan Hus zu werden begann, schloss sich die gesamte böhmische Nation der neuen Konfession an und konnte bei König Wenzel IV. im Januar 1409 das „Kuttenberger Dekret“ durchsetzen, durch das sie ebenso viele Stimmen erhielt wie die drei anderen Nationen zusammen, obwohl sie zahlenmäßig nur rund ein Fünftel ausmachte.

Aus Protest verließen fast alle altgläubigen und deutsch sprechenden Professoren und Studenten Prag, und einige von ihnen fanden in der aufstrebenden Handelsstadt Leipzig Aufnahme. Etwa 100 Studenten und 46 Magister aus Prag sind in den Matrikeln des Anfangsjahres eingetragen. Das an der Kreuzung zweier wichtiger Fernverbindungen – der in Ost-West-Richtung verlaufenden Via Regia und der nord-südlichen Via Imperii – gelegene Leipzig, das übrigens 2015 die tausendste Wiederkehr seiner schriftlichen Ersterwähnung feiert, hatte um 1400 etwa 5 000 Einwohner und gewährte den Neuankömmlingen großzügige Steuererleichterungen. Sowohl der Landesherr Markgraf Friedrich IV. der Streitbare als auch Papst Alexander V. bestätigten die Gründung einer neuen Universität und sorgten (wie dann auch ihre Nachfolger) für eine grundlegende bauliche und finanzielle Infrastruktur, so dass der erste Rektor am 2. Dezember 1409 gewählt werden konnte. Obwohl einige Mediziner unter den für die damalige Zeit stattlichen 369 Gründungsmitgliedern genannt sind, startete der Lehrbetrieb nur mit der Theologie sowie mit der sogenannten „Artistenfakultät“, die als Vermittlerin grundlegender Fähigkeiten (insbesondere von Lateinkenntnissen) und allgemeinen Wissens (zum Beispiel durch Lektüre bedeutender philosophischer Werke) von allen Studenten absolviert werden musste, bevor diese ein Fachstudium in Theologie, Medizin oder Rechtswissenschaften beginnen durften. Dies sollten in den folgenden beiden Jahrhunderten allerdings nur wenige tun; die meisten verließen die Universität ohne Abschluss (über 60 Prozent) oder – nach zwei bis drei Jahren – mit dem Baccalaureat (knapp ein Drittel).

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Unterricht in der Nicolaikirche

Die Geschichte der Medizinischen Fakultät begann 1415, als neun Magister eines „Collegium medicum“ eigene Statuten für eine „facultas medicine“ verabschiedeten und einen Dekan wählten. Die ersten medizinischen Promotionen sind für 1431 nachgewiesen, allerdings ist die Dokumentation lückenhaft; die Zahlen scheinen hinter denen der beiden anderen höheren Fakultäten zurückgeblieben zu sein, was angesichts der geringen Frequenz von überhaupt nur etwa 20 Medizinstudenten nicht verwunderlich ist. Wer trotz des aufwendigen Verfahrens und der hohen Kosten den Doktorgrad erworben hatte, konnte Mitglied der Fakultät werden, durfte sich an Prüfungen beteiligen und profitierte dann selbst von den anfallenden Gebühren und Bewirtungen. Der Unterricht fand zunächst in einem Raum der Nicolaikirche statt, allerdings nur gelegentlich, weil es nicht viele Hörer gab. Auch fehlten oft die Lehrer, denn für Ärzte waren Vorlesungen eine wenig lukrative Beschäftigung. Erst durch ein landesherrliches Statut von 1438 wurde die Finanzierung von zwei festen Professorenstellen gesichert – eine war für theoretische („Pathologie“) und eine für praktische Medizin („Therapie“) vorgesehen, wobei letztere bis 1796 mit dem Amt des Dekans auf Lebenszeit verbunden war. Die Mediziner waren bis zur Reformation die einzigen Personen des Lehrkörpers, die heiraten und außerhalb der Kollegienhäuser wohnen durften. Ihr Gehalt besserten sie als Stadt- oder Leibärzte auf, was, wie zahlreiche Beschwerden belegen, auf Kosten der Präsenz vor Ort und damit der Lehre ging.

Die Reformation in Leipzig

Die teilweise keineswegs unbedeutenden Leipziger Gelehrten der Spätscholastik und des Humanismus sind außerhalb von Spezialistenkreisen unbekannt, doch eine Persönlichkeit ist nach wie vor überregional, ja international präsent: Heinrich Stromer (1482– 1542) aus dem oberpfälzischen Auerbach hatte 1501 in Leipzig den Magistergrad an der Artistenfakultät erworben, studierte danach Medizin, erhielt 1516 die Professur für Pathologie, 1523 für Therapie und fungierte als Leibarzt mehrerer Adelsfamilien. Durch seine Heirat mit Anna Hummelshain (1519) stieg er in die Leipziger Oberschicht auf und wurde Ratsmitglied. Seinen Reichtum mehrte er als Weinhändler und besaß eine der für Leipzig typischen, als „Hof“ bezeichneten Ladenpassagen mit dem heute noch an gleicher Stelle befindlichen berühmten Kellerlokal. Stromer hatte europaweite Kontakte zu allen bedeutenden Humanisten und beherbergte Martin Luther unter anderem im Jahr 1539, als von Herzog Heinrich dem Frommen im albertinischen Sachsen und damit auch an der Universität Leipzig die Reformation eingeführt wurde.

Der Status als protestantische Hochschule hatte zur Folge, dass die bis dahin auf einem kirchlichen Pfründensystem beruhende Finanzierung zusammenbrach und neu gestaltet werden musste. Unter Herzog Moritz wurde die Universität in den Jahren 1541 bis 1544 komplett reorganisiert, mit Grundbesitz und staatlichen Zuschüssen ausgestattet und mit vielen körperschaftlichen Rechten und Privilegien versehen – Leipzig wurde so die reichste Universität im Alten Reich. Das bekannteste Geschenk des Landesherrn dürfte das aufgelassene Paulinerkloster der Dominikanermönche sein, dessen Liegenschaften bis ins 19. Jahrhundert auch von der Medizinischen Fakultät genutzt wurden; beispielsweise fanden die ersten anatomischen Sektionen in diesen Räumlichkeiten statt. Die Sprengung der Kirche am 30. Mai 1968 hat im kollektiven Gedächtnis der Leipziger Bevölkerung bis heute Spuren hinterlassen.

Die Ideen der Aufklärung gingen an der Leipziger Medizinischen Fakultät weitgehend unbeachtet vorbei, und der sich andernorts durchsetzende größere Praxisbezug in der ärztlichen Ausbildung ließ weiterhin zu wünschen übrig: Die Anatomie litt an Leichenmangel und wurde bis 1804 als Privatinstitut des jeweiligen Ordinarius geführt. Gegen die Einrichtung einer Entbindungsanstalt gab es jahrelang erhebliche Widerstände, obwohl durch testamentarische Stiftungen Grundstück und Geld dafür vorhanden waren. Der 1799 endlich eingeführte Unterricht am Krankenbett litt an chronischem Desinteresse seitens der Studenten, was wiederum aus der Inkompetenz der zuständigen Professoren resultierte, bis 1848 mit Johann von Oppolzer (1808–1871) einer der großen Kliniker des 19. Jahrhunderts berufen wurde (er blieb aber nur knapp zwei Jahre in Leipzig). Ideengeschichtlich am Puls der Zeit war dagegen Samuel Hahnemann (1755–1843), der auf der Basis des damals aktuellen Vitalismus seine Homöopathie entwickelte, von 1812 bis 1821 an der Universität lehrte, aber dann nach Konflikten mit Kollegen und Apothekern Leipzig im Zorn verließ.

Verzögert in die Moderne

Die Julirevolution in Frankreich 1830 führte in Sachsen zu Unruhen und ließ auch die Universität nicht unberührt. Die Universitätsreform 1831 folgte der neuen sächsischen Verfassung, die bis 1918 galt, und war begleitet von der Grundsteinlegung für ein neues funktionales Hauptgebäude am Augustusplatz. In der Medizin war der neue politische Wind, der zum Beispiel die Pflicht zur lateinischen Disputation und zu einem Philosophicum wegfegte, verbunden mit einer vollständigen inhaltlichen Umorientierung, die in ihrer Konkretion allerdings viele Jahrzehnte in Anspruch nahm: Einer der ersten Vertreter der modernen, experimentell fundierten Medizin und gleichzeitig ein weit über die nationalen Grenzen hinaus bekannter Forscher war der 1821 zum ordentlichen Professor berufene Anatom und Physiologe Ernst Heinrich Weber (1795–1878). Einer der letzten Anhänger traditioneller Methoden und ein Beispiel aus der Vor-Spezialisierungszeit war dagegen der bis zu seinem Tode für Pathologie, Hygiene und Pharmakologie zuständige Ordinarius Justus Radius (1797–1884), der auch auf dem Gebiet der Augenheilkunde und in der Psychiatrie tätig war.

Der Aufstieg der Leipziger Medizinischen Fakultät zu internationalem Rang in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war vor allem das Resultat einer gezielten sächsische Berufungspolitik, die auf der Erkenntnis beruhte, dass eine attraktive Landesuniversität einen wichtigen Wirtschaftsfaktor darstellt. Dafür war man bereit, auch in den Neubau des Klinikums sowie von theoretischen Instituten zu investieren. Genannt seien hier nur der Physiologe Carl Ludwig (1816– 1895), der Gynäkologe Carl Siegmund Franz Credé (1819–1892) und der Chirurg Carl Thiersch (1822–1895). Zur nächsten Generation gehörten der Hirnforscher Paul Flechsig (1847–1929), der Internist Adolf von Strümpell (1853–1925), der Pharmakologe Rudolf Boehm (1844–1926) und der Chirurg Friedrich Trendelenburg (1844–1924).

Spitzenstellung geht verloren

Der Erste Weltkrieg läutete den Abstieg der Medizinischen Fakultät ein, die nun kaum noch lehren und forschen konnte, sondern Bevölkerung und Soldaten medizinisch zu versorgen hatte – und das bei durch Kriegsdienst stark reduziertem Personal. Die sozialmedizinischen Anforderungen blieben auch nach 1918 bestehen und führten zur universitären Aufwertung von Fächern wie Kinderheilkunde, Dermatologie, Kieferchirurgie und Orthopädie. Durch die allgemeine wirtschaftliche Not ging jedoch in den 1920er Jahren die wissenschaftliche Spitzenstellung verloren, auch wenn bedeutende Einzelleistungen zustande kamen, zum Beispiel die Gelenkchirurgie des Chirurgen Erwin Payr (1871–1946), der Handatlas der Anatomie von Werner Spalteholz (1861–1940) und die Aufklärung der Blutgerinnung durch Paul Morawitz (1879–1936).

Die NS-Ideologie ließ auch die Leipziger Universitätsmedizin nicht unberührt: Es kam zu Zwangssterilisationen, zu Verwicklungen in verbrecherische Menschenversuche im KZ Buchenwald und insbesondere zu einer maßgeblichen Beteiligung an der Kinder-„Euthanasie“ (vgl. DÄBl. 95 [1998] 19). Nach dem verheerenden Bombenangriff vom 4. Dezember 1943 lag der Großteil des Medizinischen Viertels in Trümmern und es wurde sogar über die Schließung der ganzen Universität nachgedacht.

Wiederaufbau nach dem Krieg

Die ersten DDR-Jahre waren einerseits vom Wiederaufbau, zu dem auch die Fakultätsangehörigen und die Studierenden verpflichtet wurden, anderseits durch eine starke Politisierung der Ausbildung (zum Beispiel obligatorischer Unterricht in Marxismus-Leninismus und Russisch, Wehrsport) gekennzeichnet. Bis im Sommer 1961 die Grenzen geschlossen wurden, erfolgte ein kontinuierlicher Aderlass an Wissenschaftlern und Studierenden in Richtung Westen. Die Abschottung der DDR führte sowohl zu Unzufriedenheit an der Fakultät als auch zu jahrzehntelanger Mangelwirtschaft in allen Bereichen, deren Bewältigung im Alltag viel Kraft in Anspruch nahm. Kritik wurde nicht gern gehört: Der Orthopäde Peter Friedrich Matzen (1909–1986) beispielsweise, der Propagandalügen entlarvte und auch gegen die Sprengung der Paulinerkirche protestierte, wurde kurzfristig vom Dienst suspendiert und erhielt lebenslanges Vorlesungs- und Prüfungsverbot. Die permanenten Personalengpässe spitzten sich ab April 1989 dramatisch zu, als die Ausreise über Ungarn möglich wurde.

Seit der Wende hat sich viel getan im Medizinischen Viertel, das aufgrund der vielen Neubauten kaum mehr wiederzuerkennen ist. 1999 wurden die Universitätskliniken zu einer Anstalt öffentlichen Rechts umgewandelt. Die wirtschaftliche Konsolidierung geht einher mit international beachteter Forschung. Der Schwerpunkt Zivilisationskrankheiten widmet sich einem besonders aktuellen Problem. Jährlich werden 300 Studierende der Humanmedizin und 50 der Zahnmedizin aufgenommen.

Prof. Dr. med. Dr. phil. Ortrun Riha

Karl-Sudhoff-Institut für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften, Universität Leipzig

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