ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2015Aufkauf von Arztsitzen: Mehr Fragen, mehr Arbeit

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Aufkauf von Arztsitzen: Mehr Fragen, mehr Arbeit

Rieser, Sabine

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Welche Praxis ist überflüssig, welche noch „versorgungsrelevant“? Darauf müssen Zulassungsausschüsse neue Antworten finden.

Für Hermann Gröhe (CDU) scheint die Sache klar: „Kein Angebot, das wirklich nötig ist, wird gestrichen, sondern vor Ort wird entschieden“, erklärte der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter bei der Verabschiedung des GKV-Versorgungsstärkungsgesetzes (VSG). Praxisinhabern erscheinen die neuen Vorgaben zu Nachbesetzung und Aufkauf weniger eindeutig. „Wir werden geradezu überrannt von Anfragen“, berichtet Wolfgang Pütz, Hauptabteilungsleiter Bedarfsplanung und Zulassung bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin.

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Die Vorgaben: unbrauchbar

Kein Wunder. Wird die Aufkaufregelung konsequent umgesetzt, dann stehen etwa neun Prozent aller Arzt- und Psychotherapeutensitze bundesweit zur Disposition. Am stärksten betroffen wären Fachinternisten. Etwa ein Drittel ihrer Sitze könnte gestrichen werden. Dr. med. Wolf von Römer, hausärztlich tätiger Internist, bezweifelt, dass es so weit kommen wird. „Die Krankenkassen wissen genauso wie wir, dass die Bedarfszahlen nicht stimmen“, sagt von Römer, seit mehr als zehn Jahren Vorsitzender des Zulassungsausschusses der KV Bayerns. Bevor man Praxen wegen Überversorgung nicht nachbesetze, müsse, wie im VSG vorgesehen, die Bedarfsplanung überarbeitet werden.

Von Römer weiß, dass in München rein rechnerisch fast jedes Fachgebiet überversorgt ist und Ärzte in manchen Stadtteilen dennoch schwer zu finden sind. Doch die neuen Vorgaben würden dieses Problem nicht lösen, genauso wenig wie den Ärztemangel auf dem Land. Verdeckt würden andere Probleme: „Wir haben in vielen Fachgebieten eine starke Überalterung. In der angeblichen Überversorgung ist der Mangel von morgen schon erkennbar.“ Die Bedarfszahlen seien zudem auch unbrauchbar, „weil die Mitversorgereffekte in München riesengroß sind“. Wie es weitergeht? „Wir werden versuchen, einen vernünftigen Weg zu gehen.“

„Es wird mehr Arbeit geben“, prognostiziert Pütz für Berlin. „Wir sollen eine Versorgungssituation beurteilen, die wir im Grunde gar nicht beurteilen können.“ Denn nach welchen Kriterien die Versorgungslage genau zu analysieren ist, gibt das VSG nicht vor. Eine gut gehende Praxis nicht nachbesetzen, die in einem stark überversorgten Gebiet liegt? „Dass sie voll ausgelastet ist, beweist im Grunde doch, dass sie gebraucht wird“, sagt Pütz.

Ähnlich sieht es Prof. Dr. jur. Martin Stellpflug. Die Praxis eines Hals-Nasen-Ohren-Arztes mit nur 300 Scheinen ohne Nachfolger lassen, weil sie nicht versorgungsrelevant ist? „Sie liegt vielleicht in einer Gegend Berlins, wo HNO-Ärzte dünn gesät sind“, gibt der Fachmann für Kassenarztrecht zu bedenken. „Was, wenn man sie schließt, andere Praxen aber nicht alle Patienten aufnehmen wollen?“

Kassen wollen Reduzierung

Stellpflug ist wie Pütz überzeugt, dass auf die Zulassungsausschüsse viel Arbeit zukommt und sie erst einmal Zeit brauchen zu klären, wie sie ihre bisherige Entscheidungsfindung an die neuen Vorgaben anpassen wollen. „Es war aber ein großes Anliegen der Krankenkassen, zum Abschmelzen von Sitzen zu kommen“, erinnert er. Nur weil die KVen in den Zulassungsausschüssen weiterhin eine starke Position haben, „werden die Kassen dieses Anliegen nicht aufgeben“.

Sabine Rieser

@Welche Alternativen erwägen Ärzte? Welche Probleme sehen KVen? Mehr unter: www.aerzteblatt.de/n63294

DAS STEHT IM GESETZ

  • Ab einem Versorgungsgrad von 110 Prozent kann der Zulassungsausschuss die Nachbesetzung einer Praxis ablehnen, ab 140 Prozent soll sie aufgekauft werden – sofern keine Versorgungsgründe dagegen sprechen oder keine Ausnahmen zu beachten sind.
  • Dazu zählen: besonderer lokaler oder qualifikationsbezogener Versorgungsbedarf, Mitversorgeraspekte, die Bedürfnisse Behinderter, das besondere Angebot von Medizinischen Versorgungszentren und Berufsausübungsgemeinschaften, mehrjährige Tätigkeit in einem unterversorgten Gebiet.
  • Besetzt werden muss der Sitz wie bisher auch, wenn Ehepartner, Lebenspartner, Kinder und langjährige Praxispartner ihn übernehmen wollen.

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