ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2015Von schräg unten: Zahlenspiele

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Zahlenspiele

Böhmeke, Thomas

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Ich liebe Zahlen, sei es in Form unbeugsamer Prozente oder glasklarer Korrelationskoeffizienten, am liebsten in mathematischen Gleichungen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, empfinden Sie nicht auch ein Gefühl der Glückseligkeit, wenn Sie – gebeutelt von den alltäglichen Unwägbarkeiten und Ungenauigkeiten – einen Kaliumspiegel vom Labor bekommen, der zwei Stellen hinter dem Komma ausweist? Ja, das ist diese gnadenlose Genauigkeit, diese punktgenaue Präzision, nach der ich lechze. Und die Unbestechlichkeit beispielsweise des Energie-Erhaltungssatzes T1+V1=T2+V2 ist von unbeschreiblicher Schönheit. Leider will dieses Glücksgefühl kaum einer meiner Schutzbefohlenen mit mir teilen, aber vielleicht heute?

Ein Kollege kommt vorbei, ein gestandener Allgemeinmediziner, der mir schon daher tief verbunden ist, weil er zugibt, dass mein verordnetes Retardnitrat besser wirksam ist als seines. Er schildert eine typische Angina pectoris und möchte eigentlich nur eine Bestätigung, dass er einer Herzkatheteruntersuchung bedarf. Aber nicht mit mir. Endlich habe ich einen Sachverständigen vor mir, an dem ich meine Kenntnisse, meine Kunst ausbreiten darf, meine Energien nicht mehr zurückhalten brauche!

Lieber Kollege, in 2004 wurden 22,22 Prozent unauffällige Koronarangiographien durchgeführt, dies belegt die zu großzügige Indikationsstellung! Patienten profitieren prognostisch nur dann von einer Myokard-revaskularisation, wenn das ischämische Areal mindestens zehn Prozent der linksventrikulären Muskelmasse ausmacht! Die mittlere Prätestwahrscheinlichkeit für eine symptomatische KHK wird mit zehn bis 90 Prozent beziffert! Die erweiterte nicht-invasive Koronardiagnostik sollte genutzt werden, da für die CTA in den neuesten Ausführungen Sensitivitätswerte in Höhe von 80 bis 94 Prozent bei einer Spezifität von 95 bis 98 Prozent für den Nachweis einer mehr als 50-prozentigen Koronarstenose ermittelt wurden! Und der negative prädiktive Wert ist mit über 95 Prozent besonders hoch! Rechnet er allerdings die Risiken der Strahlenbelastung ein, die im Mittel mit zwölf bis 15 Millisievert angegeben wird, so bietet sich als Alternative eine Cardio-MRT-Diagnostik an, deren Sensitivität und Spezifität in der Ischämiediagnostik über 85 Prozent liegt!

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Er hört mir zunächst stumm zu. Zum Schluss meint er, dass er sich alles überlegen wolle. Zwei Tage später ruft der Oberarzt einer kardiologischen Klinik an und teilt mir mit, dass er gerade bei besagtem Kollegen eine kritische Koronarstenose dilatiert habe. Er könne mir gerne den Hörer weiter reichen. Ich bin platt, ich bin schockiert, ich bin außer mir! Mein Kollege meint nur trocken: Ach, Herr Böhmeke, ich darf das mal mit der von Ihnen so geliebten Mathematik ausdrücken: Der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten ist die Gerade.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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