ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2015Arztgruppengleiche medizinische Versorgungszentren: Gute Chancen auf Nachwuchs

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Arztgruppengleiche medizinische Versorgungszentren: Gute Chancen auf Nachwuchs

Rieser, Sabine

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Der Trend zu immer größeren ambulanten Einrichtungen gefällt nicht jedem. Doch für die Nachwuchssuche gelten sie als unverzichtbar.

Dr. med. Jan-Peter Jansen hält viel von fachübergreifenden Medizinischen Versorgungszentren (MVZ). Sonst säße er auch an der falschen Stelle: Der Anästhesist ist Geschäftsführer der Schmerzzentrum Berlin GmbH. Dort versorgt er mit Ärzten und Kollegen aus mehreren Gesundheitsfachberufen rund 10 000 Patienten im Quartal. „Die Zusammenarbeit ist niedrigschwellig, man muss nur nach nebenan gehen oder kann einen Kollegen schnell hinzuholen“, erzählt Jansen. „Das ist nicht nur praktisch, sondern dadurch entsteht auch eine Art Hausmeinung. Alle beteiligten Kollegen nähern sich in ihrer Behandlung einander an und entwickeln gemeinsame Überzeugungen.“

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Keine Pseudo-Kooperationen

Ein Gegner arztgruppengleicher MVZ ist Jansen aber nicht: „Wir wissen doch, dass derzeit Zigtausend Ärztinnen und Ärzte Praxisnachfolger suchen und viele Jüngere lieber angestellt arbeiten wollen. Da sind arztgruppengleiche MVZ eine Chance.“ Hinzu komme, dass man in sämtlichen MVZ arztnahe Berufsgruppen gut integrieren könne. Das findet er sinnvoll. Denn man müsse „jegliche Hemmnisse abbauen, die Ärztinnen und Ärzte daran hindern, für und am Patienten zu arbeiten“.

Nach dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz (VSG) sind zukünftig auch arztgruppengleiche MVZ möglich. Viele erwarten nun einen Gründungsboom. Aufzuhalten sind MVZ sowieso nicht mehr: Gab es Ende 2004 erst 70, waren es Ende 2013 bereits 2 006. Zu diesem Zeitpunkt waren dort rund 11 000 Ärzte und Psychologische Psychotherapeuten angestellt.

Vorteile sieht auch Ulrich Blondin. Er ist Geschäftsführer der via medis Nierenzentrum GmbH, einem Unternehmen der B. Braun-Gruppe, das sich auf den Betrieb von MVZ mit dem Schwerpunkt Nephrologie/Innere Medizin spezialisiert hat. „Wir durften bisher schon MVZ gründen, aber nur, wenn wir neben Nephrologen noch einen Arzt einer anderen Fachrichtung fanden“, berichtet Blondin. „Wenn sich kein zum Krankheitsbild passender Facharztkollege fand, mussten wir einen anderen suchen. So wurden aber Disziplinen in das MVZ hineingenommen, die im Hinblick auf die zu versorgenden Patienten oftmals gar nicht sinnvoll kooperieren konnten.“

Damit ist nun Schluss. Fachübergreifende Kooperation ja – aber nur, wenn sie inhaltlich passt. Blondin glaubt, dass viele von der neuen Option Gebrauch machen werden. So könnten Allgemeinmediziner Hausarzt-MVZ gründen und sich spezialisieren: „Einer übernimmt vor allem präventionsmedizinische Leistungen, einer vor allem die palliativmedizinische Versorgung.“

Gemeindepraxis im Norden

Sehr umstritten ist allerdings ein Weg im Norden: In Büsum hat die Gemeinde eine kommunale Eigeneinrichtung gegründet und dort vier von fünf bisher niedergelassenen Ärzten angestellt. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Schleswig-Holstein unterstützt das Pilotprojekt, weil es aussichtslos schien, in Büsum genügend Nachfolger für die Praxen der alten Hausärzte zu finden. Dr. med. Thomas Sayer, einer der Hausärzte in Büsum, hat vor einem Jahr in der KV-Zeitschrift „Nordlicht“ erklärt, er hätte sich auch eine örtliche Gemeinschaftspraxis ohne kommunalen Überbau vorstellen können. Aber leider wolle der Nachwuchs nicht in solche Strukturen investieren.

Sabine Rieser

@Interviews mit Jansen und Blondin: www.aerzteblatt.de/vsg2015

DAS STEHT IM GESETZ

  • In Zukunft darf es auch arztgruppengleiche Medizinische Versorgungszentren (MVZ) geben.
  • Auch Kommunen können MVZ gründen. Bei Nachbesetzungen sind sie „gegenüber ärztlichen Bewerbern nachrangig zu berücksichtigen“.
  • Niedergelassene und angestellte Ärztinnen und Ärzte, also auch solche in MVZ, müssen bei den Plausibilitätsprüfungen gleich behandelt werden.
  • Für einen angestellten Arzt kann im Fall von Kündigung oder Freistellung für bis zu sechs Monate ein Vertreter beschäftigt werden.

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