ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2015Hochschulambulanzen: „Es geht nur ums Geld“

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Hochschulambulanzen: „Es geht nur ums Geld“

Osterloh, Falk

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Mehr Patienten können künftig an Hochschulambulanzen behandelt werden. Niedergelassene halten diese Regelung für überflüssig.

Eine der umstritteneren Neuerungen des GKV-Versorgungsstärkungsgesetzes ist die Öffnung der Hochschulambulanzen für die ambulante Versorgung (siehe Kasten). Kritisiert wird dabei nicht, dass Menschen mit schweren Erkrankungen in den Ambulanzen versorgt werden, sondern dass auch andere Patienten kommen können. „Es ist genauso wenig unsere Aufgabe, hochkomplexe Therapien vorzunehmen, wie es die Aufgabe der Hochschulambulanzen ist, normale Patienten zu versorgen“, meint Dr. med. Ingo Schwaner, niedergelassener Onkologe aus Berlin. „Dadurch würde das Gleichgewicht in der Versorgung gestört.“

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Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) kritisiert die Regelung. „Es ist paradox, dass die gleichen Politiker, die einerseits eine angebliche Überversorgung in Städten beklagen, andererseits Hochschulambulanzen für die ambulante Versorgung öffnen wollen“, bemängelt KBV-Sprecher Dr. Roland Stahl. Denn diese hätten ihren Sitz in der Regel in Städten.

„In dem für Forschung und Lehre erforderlichen Umfang“ dürfen Hochschulambulanzen künftig Patienten versorgen, ohne dass sie dafür von den Zulassungsausschüssen ermächtigt wurden. Schwaner glaubt nicht, dass es den Ambulanzen tatsächlich um die Studierenden geht. „Die Charité hat vor einiger Zeit hervorgehoben, dass die Hochschulambulanzen aus ihrer Sicht eine Portalfunktion für das Krankenhaus haben“, sagt er. „Das ist wenigstens ehrlich. Und es zeigt: Es geht nur ums Geld.“

Nur für komplexe Fälle

Dass es ums Geld geht, stellt der Verband der Universitätsklinika Deutschlands (VUD) nicht in Abrede – jedoch in anderer Hinsicht. Denn die Hochschulambulanzen seien heute unzureichend finanziert, betont VUD-Generalsekretär Ralf Heyder. Ein Grund dafür seien „die teilweise viel zu gering bemessenen Quartalspauschalen“. Durch die Neuregelung erhofft er sich „die von der Politik in Aussicht gestellten zusätzlichen 265 Millionen Euro“.

Bei allem Zwist ums Geld bestreitet keiner der Beteiligten die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit. „Es geht um ein gutes Mitein-ander von Hochschulambulanzen und niedergelassenen Kollegen, von dem dann der Patient profitieren kann“, betont Prof. Dr. med. Thomas Reinhard, Ärztlicher Direktor der Klinik für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Freiburg. Um ein solches Miteinander zu gewährleisten, wurde in Baden-Württemberg vor sieben Jahr das „AugenNetz Südbaden“ gegründet, in dem 50 niedergelassene Augenärzte mit der Fachklinik kooperieren. „Es bestehen die Möglichkeiten eines computergestützten Informationsaustauschs, einer postoperativen Qualitätssicherung oder der gemeinsamen Erarbeitung von Behandlungsempfehlungen“, erzählt Reinhard. Auch mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) gebe es eine Kooperation: Seit vier Jahren ist die Augen-Notfallpraxis der KV an der Augenklinik ansässig.

Die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit hebt auch Schwaner hervor: „Ohne Hochschulambulanzen wäre eine niedergelassene onkologische Therapie nicht vorstellbar.“ Benötigt würden sie allerdings nur für die komplexen Fälle.

Falk Osterloh

@Die vollständigen Interviews im Internet: www.aerzteblatt.de/vsg2015

Das steht im Gesetz

  • Bislang waren die Zulassungsausschüsse dazu verpflichtet, Hochschulambulanzen zur ambulanten Versorgung in dem „für Forschung und Lehre erforderlichen Umfang“ zu ermächtigen. Mit dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz sind Hochschulambulanzen dafür nun per Gesetz ermächtigt.
  • Ermächtigt sind sie zudem für die Behandlung von Patienten, „die wegen Art, Schwere oder Komplexität ihrer Erkrankung einer Untersuchung oder Behandlung durch Hochschulambulanzen bedürfen“. Diese Patienten müssen allerdings von einem Facharzt in die Ambulanz überwiesen werden.
  • Um welche Patienten es sich konkret handelt, sollen GKV-Spitzenverband, Kassenärztliche Bundesvereinigung und Deutsche Krankenhausgesellschaft vereinbaren. Sie können dabei auch Ausnahmen von dem fachärztlichen Überweisungsgebot beschließen.

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