ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2015Preise von Praxissitzen: Ethisch nicht gerechtfertigt

EDITORIAL

Preise von Praxissitzen: Ethisch nicht gerechtfertigt

Bühring, Petra

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Der „massive Anstieg“ der Preise für psychotherapeutische Praxissitze, die aus Altersgründen abgegeben werden, veranlasste den Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten e.V. (bvvp) in einer Pressemitteilung „mehr Fairness“ zu fordern. In Großstädten würden inzwischen um die 100 000 Euro und mehr für einen ganzen Praxissitz gefordert. Aus Köln wurden der Redaktion Preise von 80 000 Euro für einen halben Sitz zugetragen. Zum Vergleich: vor sieben Jahren wurden in der Domstadt für einen ganzen Sitz noch 70 000 Euro verlangt. „Es muss mehr Verständnis für die jeweils andere Seite geben und dazu muss mehr Austausch stattfinden“, appelliert Ariadne Sartorius aus dem Vorstand des bvvp.

Auf der einen Seite stehen die Praxisabgeber, die sich für die hohen Forderungen mit fehlender Altersvorsorge rechtfertigen. Als Argument hierfür werden die niedrigen Honorare für psychotherapeutische Leistungen angeführt. Die Kassenzulassungen, die jetzt verkauft werden, haben die meisten Therapeuten aus dieser Generation allerdings noch umsonst bekommen. Auf der anderen Seite stehen niederlassungswillige frisch approbierte Psychotherapeuten, die sich bereits für das Studium und die teure Ausbildung hoch verschulden mussten. Der Einstieg in den selbstständigen Beruf geht für sie dann nur mit der Aufnahme eines erneuten Kredits einher.

In die Höhe getrieben wurden die Preise auch durch die Tatsache, dass inzwischen fast alle Bedarfsplanungsgebiete nominell als überversorgt gelten und für Neuzulassungen gesperrt sind. Der Kauf eines Praxissitzes ist somit häufig der einzige Weg in die kassenärztliche Versorgung. Wer die Preise nicht zahlen kann oder will, dem bleibt nur die Privatpraxis mit Patientenversorgung im Rahmen der Kostenerstattung. Dies bietet jedoch keine besonders sichere Perspektive, zumal die Krankenkassen, nach Informationen der Bundes­psycho­therapeuten­kammer, aktuell die bürokratischen Hürden für Patienten für eine Kostenübernahme erhöhen.

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Eine Psychotherapeutenpraxis hat im Gegensatz zu einer Arztpraxis keinen hohen Sachwertanteil. Ob der Therapieraum oder die Einrichtung weitergenutzt werden kann und ob der Patientenstamm mit dem neuen Therapeuten zusammenpasst, ist alles fraglich. Der immaterielle oder ideelle Wert der Praxis ist letztendlich das Verkaufsgut. Nach einem Urteil des Bundessozialgerichts vom 14. Dezember 2011 darf der immaterielle Wert im Verkaufspreis abgebildet werden, und alle gängigen Praxisbewertungsmodelle beziffern diesen Wert zudem recht überschaubar.

Preise, die diese seriöse Wertermittlung erheblich übersteigen, lassen sich nicht mit der mangelnden Altersvorsorge des Praxisabgebers rechtfertigen. Jeder Selbstständige sollte die Bedeutung einer rechtzeitigen und regelmäßigen Altersvorsorge vom Beginn des Berufslebens an kennen. Eine große Nachfrage an einem begehrten Standort macht überhöhte Verkaufspreise zwar möglich, rechtfertigt sie ethisch aber noch lange nicht. Praxisabgeber sollten Rücksicht auf die berechtigten Interessen ihrer jungen Kollegen nehmen. Die Möglichkeiten der freien Marktwirtschaft müssen nicht bis zum Äußersten ausgeschöpft werden.

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Avatar #621410
jsbielicki
am Samstag, 12. September 2015, 16:42

Sachlichkeit ist ein anderes Wort für Beziehungsunfähigkeit

Sachlichkeit ist ein anderes Wort für Beziehungsunfähigkeit
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Montag, 20. Juli 2015, 21:10

@ jsbieliki - inhaltlich und sachlich?

Könnten Sie auch inhaltlich und sachlich etwas beitragen? "Ich habe fertig" klingt wie "Flasche leer". Und russische Zitate sind ebenso wenig psychotherapeutisch relevant wie der Verweis auf "Nationalsozialistische Moral"
Avatar #621410
jsbielicki
am Montag, 20. Juli 2015, 16:00

Schuld und Sühne

Fjodor Michailowitsch Dostojewski hat seinen Roman nicht „Schuld und Sühne“, sondern „Prestuplenije i nakasanie“ (Преступление и наказание) genannt, was als „Verbrechen und Strafe“ bzw. „Übertretung und Zurechtweisung“ übersetzt werden kann. Auch in anderen Sprachen wurde der Titel des Romans als „Verbrechen und Strafe“ übersetzt (Crime and punishment, Crime et châtiment, Zbrodnia i kara).
Dostojewski war ein Meister der Sprache und überlegte genau, wie er seinen Roman nennt. Auch daß er den Helden seines Romans Raskolnikov nannte, war kein Zufall. Raskol (раскол) bedeutet nämlich entzweit, gespalten.
Der prosaische Titel war jedoch dem deutschen Verlag, der sein deutsches Publikum kannte, zu wenig. Zu wenig ethisch, zu wenig moralisch. Biblische „Schuld und Sühne“ mußten her, denn Deutsche sind seit eh und je Prediger, die der Welt Heil und dem Sünder, d.h. wer nicht Ja und Amen zu ihren Predigten sagt, ewige Verdammung, manchmal auch mediales oder physisches Ausmerzen mit Stumpf und Stiel angedeihen lassen. Alles schon dagewesen. Solche Prediger sind heute Psychotherapeuten als neue Nomenklatura der entstandenen Psychokratie.
Während der Aufmacher (Editorial) im Deutschen Ärzteblatt prosaisch „Aufkauf von Arztsitzen: Mehr Fragen, mehr Arbeit“ heißt, meldet sich das dazugehörige Teil des Blattes für Psychologische Psychotherapeuten in einer Art von Bergpredigt mit der Moralpauke „Preise von Praxissitzen: Ethisch nicht gerechtfertigt.“ Nur, wenn Deutsche von Moral reden, dann geht es immer ums Geld, denn man darf nicht einfach Geil auf das Geld eines anderen sein, oh nein, diese Geilheit muß unbedingt ein Ausdruck der moralischen, ethischen Überheblichkeit sein. Nach einer solchen Pol-Pot Ethik wäre auch jede Erbschaft unethisch, da unverdient.
Das Ärzteblatt und das dazugehörige Teil für Psychologische Psychotherapeuten werden aus meinen Beiträgen finanziert. Und ich bin nicht einer evangelikanischen Sekte beigetreten, die mir erzählt, was ethisch und was unethisch ist, sondern einem Berufsverband, einer Organisation, in der meine Arbeit organisiert wird. Organisiert, nicht kanonisiert! Nicht mehr und nicht weniger. Für die Ethik, für die Moral habe ich ein eigenes Gewissen, das an Niemand und Nichts abgetreten werden kann, an kein Psychotherapeutenblatt, an keine Psychotherapeutenkammer, an keine Ethikkommission oder Ähnliches. Ein Mensch darf nicht seiner Ethik, seiner Moral beraubt werden, niemand darf einem anderen Menschen eine Ethik, eine Moral aufoktroyieren. Die Ethik, die Moral eines Menschen gehört zu dessen Menschwürde und jeder Versuch diese Moral zu manipulieren, über diese individuelle Moral zu bestimmen, ist eine Verletzung des Artikel 1 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
Es war ein großer Fortschritt der menschlichen Kulturentwicklung, die endlose Tyrannei der Moral durch das Gesetz einzuschränken, denn das Gesetz ist immer eine Untermenge der Moral.
Der Mensch unterscheidet sich von einem Tier nicht dadurch, daß er denkt, das Tier denkt auch, nicht dadurch daß er fühlt, das Tier fühlt auch, nicht dadurch daß er begehrt, das Tier begehrt auch, sondern dadurch daß er frei sein kann, was das Tier nicht kann. Der Mensch kann frei sein, seine Pflicht selbst zu wählen, er kann seinem Gewissen gegenüber frei sein, seiner Moral, seiner Ethik, seiner Verantwortung. Seiner, nicht irgendwelcher Kommissionen für Ethik, Moral, Gewissen, usw. Wenn der Mensch sich äußeren Organen des Staates, der Verbände, der Berufskammern, der Firmen, hinsichtlich der Ethik, der Moral, des Gewissens unterwirft, dann wird er zum Tier, dann gibt er sein Menschsein auf. Ein Mensch hat die Fähigkeit zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, ein Mensch hat freien Willen. Wer ihm seinen freien Willen unter dem Vorwand es besser zu wissen, es besser zu können, unter dem Vorwand für die Menschheit, für den Menschen, dessen Willen, dessen Ethik, Moral, Gewissen bestimmen will, der entmündigt den Menschen, der entmündigt die Menschheit. Und was für einen sein höchstes Gut, seine Moral ist, das ist für einen anderen eine Aftermoral , eine im Kopf gefrorene Scheiße eigener triebhaften Ausscheidungen. Die größten Verbrechen der Menschheit wurden im Namen irgendwelcher Ethik, Moral begangen. Es sind Entmündigungsapparate am Werk, das rot-rot-grünen Top-Down-Gutmenschentum-Verordnungswesens (schwarz gibt’s ja nicht mehr) dringt bis in die letzte Ritze der Gesellschaf, die rot-rot-grünen und andere Menschheitsbeglücker aus Washington, Brüssel, Mekka oder Berlin, die großen und die kleinen Menschheitsretter, Friedensapostel, ungebetene Beschützer und Alleshelfer, die ewig Betroffenen, die stetig Empörten. Sie alle sind die größte Pest der Menschheit seit Menschengedenken. Alle Menschenschinder haben sich immer für Menschenretter gehalten, all die Tartüffes, die Moralisten der Revolutionen, die Stalinisten, die Hitleristen, früher die Christen, heute die Islamisten und wie sie alle scheinheiligen Hypokriten heißen, die sich immer für die allerbesten Menschen unter der Sonne gehalten haben und weiterhin halten. Am 4. Oktober 1943 hielt Heinrich Himmler vor den Gruppenführern der SS in Posen eine berüchtigte Rede. In dieser lobt er seine Mannschaften dafür, bei der „Ausrottung des jüdischen Volkes [...] anständig geblieben zu sein“
Moral, Ethik, wie jede Religion sind solange gut, solange sie mit gebrochenem Rückgrat im Rollstuhl sitzen. Sobald sie aufstehen, sind sie menschenfressende Monster. Das gleiche gilt für den Staat und für alle Formen der Unterdrückung der Freiheit im Namen der Moral, der Ethik, des Gewissens. Das Gesetz war und ist, und hoffentlich bleibt es, eine Einschränkung der blindwütigen Moral (nicht mehr Augen oder Zähne für ein Auge oder einen Zahn, sondern nur eins!), die immer weit über die Grenzen des Gesetzes um sich greifen will, die das Gesetz beugt und manipuliert, denn die Moralisten meinen immer im Recht zu sein, auch wenn sie Gesetze brechen. Die Freiheit fängt in der Achtung des Gesetzes an, nicht im Gesetzesbruch. Aufgezwungene Moral, Ethik, Gewissen, sind keine, sie sind dann nur blanker Terror. Also wenn es ums Geld geht, wie in diesem Fall, dann soll man nicht im Namen der Ethik das Geld der anderen beanspruchen, sondern den Interessenkonflikt im Rahmen der geltenden Gesetze regeln. Ich habe fertig!
Julian S. Bielicki


Dtsch Arztebl 2015; 112(27-28): A-1221 / B-1021 / C-993
PP 14, Ausgabe Juli, Freitag, 10. Juli 2015
Immanuel Kant's Sämmtliche Werke: Th. Geschichte der Kant'schen Philosophie
von Immanuel Kant, Karl Rosenkranz,Friedrich Wilhelm Schubert
Raphael Gross, Anständig geblieben. Nationalsozialistische Moral, Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2010, 278 S.



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