ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2015Ärztliche Psychotherapie: Biopsychosoziale Einheit im Fokus

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Ärztliche Psychotherapie: Biopsychosoziale Einheit im Fokus

Bühring, Petra

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Die meisten psychisch kranken Patienten werden von Ärzten behandelt. Doch angesichts der zahlenmäßigen Übermacht der Psychologen befürchtet die Bundes­ärzte­kammer, dass die ärztliche Psychotherapie an Bedeutung verliert.

Ärztinnen und Ärzte sind die zentrale Säule in der Versorgung von Patienten mit psychischen und psychosomatischen Erkrankungen. Darauf weist die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) in einem Positionspapier hin, das vom 118. Deutschen Ärztetag in Frankfurt/Main im vergangenen Mai begrüßt wurde. Rund 35 000 Hausärzte behandeln eine große Anzahl von Patienten im Rahmen der psychosomatischen Grundversorgung, heißt es darin. In der ambulanten fachärztlichen Versorgung werden pro Quartal mehr als 1,7 Millionen psychisch kranke Patienten von 5 630 ärztlichen Psychotherapeuten, davon 2 570 Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, von 5 760 Psychiatern, Nervenärzten und Neurologen, 1 050 Kinder- und Jugendpsychiatern und rund 3 000 Fachärzten anderer Gebiete mit Zusatzbezeichnung Psychotherapie versorgt. Weitere 800 000 Patienten werden pro Quartal von 15 670 Psychologischen Psychotherapeuten und 4 320 Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten versorgt (Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Stand 12/2013).

Versorgt werden Patienten auch stationär und teilstationär in 410 psychiatrischen Kliniken und Suchtkliniken, in 207 psychosomatischen Einrichtungen sowie in 143 Kinder- und Jugendpsychiatrischen Kliniken (Statistisches Bundesamt 2012). 164 psychosomatische und 229 psychiatrische Rehabilitationseinrichtungen mit Schwerpunkt Suchterkrankungen kommen hinzu. Außerdem ergänzen psychiatrische Institutsambulanzen an Kliniken das Angebot.

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Die weit überwiegende Zahl der Patienten mit psychischen und psychosomatischen Störungen wird also im Rahmen des ärztlichen Versorgungssystems behandelt, betont die BÄK. Dies entspreche auch den Präferenzen der Patienten: Eine repräsentative Befragung der Bevölkerung zeigt, dass Hausärzte, Psychosomatiker und Psychiater als zentrale Ansprechpartner für psychische Störungen gesehen werden (Larisch et al, 2013).

Psychotherapie im Gesamtbehandlungsplan

Das psychotherapeutische Behandlungsangebot habe sich in den letzten Jahren zunehmend weiterentwickelt. So forderten die Behandlungsleitlinien bei vielen mittelschweren bis schweren Verlaufsformen psychischer Erkrankungen Psychotherapie als notwendigen Bestandteil eines Gesamtbehandlungsplans. Trotz der Wertschätzung der psychosozialen Dimension innerhalb der Ärzteschaft, rückten die somatisch-technischen Leistungen unter gesundheitspolitischen Zwängen zu sehr in den Vordergrund. Patienten sollten in ihrer „untrennbaren biopsychosozialen Einheit“ betrachtet werden.

Besorgt ist die Bundes­ärzte­kammer, dass die ärztliche Psychotherapie gegenüber der psychologischen Psychotherapie an Bedeutung verliere. Der Slogan „der Körper den Ärzten und die Seele den Psychologen“ sei in vielen Köpfen in der Gesundheitspolitik verankert und bestimme zurzeit die Diskussionen um eine Direktausbildung für Psychologische Psychotherapeuten (PP) und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP). Statt der bisherigen postgradualen Ausbildung soll die Ausbildung nach Vorstellungen des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums und der Psychotherapeutenschaft künftig ähnlich der Strukturen der ärztlichen Aus- und Weiterbildung organisiert werden: „Direkt“-Studium der Psychotherapie mit Approbation und Weiterbildung zum Fachpsychotherapeuten.

Positionierung gegen die Direktausbildung

Die BÄK positioniert sich entschieden gegen eine solche Direktausbildung: „Sie würde die ärztliche psychotherapeutische Versorgung mit ihrem Gesamtbehandlungskonzept aus der Versorgung verdrängen sowie die körperlich und psychische Behandlung unangemessen trennen“. Psychologische Psychotherapeuten müssten auch weiterhin zu einer ärztlichen Konsultation verpflichtet sein.

Schließlich hat die Bundes­ärzte­kammer den Eindruck, dass in der aktuellen gesundheitspolitischen Diskussion die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK), die ausschließlich PP und KJP vertritt, als Ansprechpartner für die Weiterentwicklung des psychotherapeutischen Versorgungssystems wahrgenommen wird. Die Kammer werde von Politikern auch als Ansprechpartner für Fragen der ärztlichen Psychotherapie angesehen. „Dieses Ungleichgewicht entspricht nicht dem Versorgungsbedarf und der realen Versorgungssituation“, heißt es in dem Positionspapier.

Petra Bühring

3 Fragen an . . .

Dr. med. Cornelia Goesmann, Vorstandsbeauftragte der Bundes­ärzte­kammer

für die ärztliche Psychotherapie

Die meisten psychisch Kranken werden von Ärzten versorgt. Warum wird das in der gesundheitspolitischen Öffentlichkeit anscheinend so wenig wahrgenommen?

Cornelia Goesmann: Traditionell werden Ärztinnen und Ärzte eher mit der Psychiatrie und schweren psychiatrischen Störungen wie Psychosen, Suizidalität und Sucht, also weitgehend tabuisierten Krankheitsbildern in Verbindung gebracht. Daher möchte man nicht gerne von dieser Fachrichtung, sondern doch lieber vom „Psychologen“ behandelt werden, denn diesem wird in der Öffentlichkeit wohl vornehmlich die Betreuung von „gesellschaftsfähigen“ Störungen und Neurosen zugeschrieben.

Warum stellt die Direktausbildung für Psychotherapeuten eine Gefahr für die ärztliche Psychotherapie dar?

Goesmann: Sobald es via Direktstudium und Weiterbildung den Beruf des „Psychotherapeuten“ geben wird, der deutlich früher in den Beruf gehen könnte als ärztliche Psychotherapeuten und der sich nicht zusätzlich durch eine komplette somatische Ausbildung mühen müsste, werden interessierte junge Menschen vermutlich diesen neuen Studiengang wählen. Die ärztliche Psychotherapie wird ausbluten, weil es länger dauert, teurer und mühevoller wird, diese Kompetenzen zu erwerben.

Mit welchen Maßnahmen will die Bundes­ärzte­kammer künftig die ärztliche Psychotherapie stärken?

Goesmann: Seit etlichen Jahren pflegen wir eine enge Zusammenarbeit mit den Vertretern aller ärztlichen psychotherapeutischen Verbände und Fachgruppen. Geplant sind ein weiterhin regelmäßiger Austausch über eine sinnvolle Strukturierung der verschiedenen Weiterbildungsgänge, wissenschaftliche und berufspolitische Statements und Veranstaltungen, politische Interventionen und viel Nachwuchsförderung für die „Psych.-Fächer“. In der Öffentlichkeit muss intensiv für den ganzheitlichen Ansatz der ärztlichen Psychotherapie und die dafür notwendige, wenn auch langwierige, Aus- und Weiterbildung geworben werden.

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