ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2015Kinder psychisch kranker Eltern: „Die Kinder fallen durch die Netze“

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Kinder psychisch kranker Eltern: „Die Kinder fallen durch die Netze“

Bühring, Petra

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Die psychische Erkrankung der Eltern ist für die Kinder mit einem hohen Risiko verbunden, selbst zu erkranken. Die Versorgung ist unbefriedigend. Gesundheitssystem und Jugendhilfe sind wenig vernetzt.

Von der psychischen Erkrankung eines Elternteils ist immer das ganze Familiensystem betroffen. Foto: dpa
Von der psychischen Erkrankung eines Elternteils ist immer das ganze Familiensystem betroffen. Foto: dpa

Rund drei Millionen Kinder leben mit einem psychisch kranken Elternteil zusammen. Ein Großteil dieser Kinder entwickelt selbst eine psychische Störung. Doch sowohl von der Erwachsenenpsychiatrie als auch von der Jugendhilfe werden Kinder als Angehörige oft übersehen. „Die Versorgung ist unbefriedigend und sehr heterogen – die Bedarfe komplex und spezifisch“, erklärte Prof. Dr. med. Michael Kölch beim Symposium der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer (OPK) Mitte Juni in Potsdam. Schwierig sei insbesondere die Zusammenarbeit der verschiedenen Hilfesystem: der Jugendhilfe und des Gesundheitssystems mit ihren unterschiedlichen Gesetzbüchern SGB VIII und SGB V, verdeutlichte die Präsidentin der OPK, Andrea Mrazek: „Die Kinder fallen auf verschiedene Weise durch die Netze.“

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Kinder psychisch kranker Eltern haben nach Angaben des Chefarztes der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Klinikum Neukölln in Berlin, Kölch, ein deutlich erhöhtes Risiko für Angststörungen, Suchterkrankungen und Depressionen. So entwickeln 40 bis 60 Prozent der Kinder unspezifische Verhaltensauffälligkeiten oder sozial-emotionale Störungen. Dafür sind eine Reihe von Faktoren verantwortlich: die genetische Vulnerabilität, eingeschränkte Erziehungs- und Beziehungskompetenz der Eltern, deren Schwierigkeit, Regeln und Struktur zu vermitteln, häufig langjährige Partnerschaftskonflikte oder Alleinleben mit dem Kind sowie entwicklungsinadäquate Selbstverantwortung (Parentifizierung).

Je jünger, desto risikoreicher

„Das Risiko für die betroffenen Kinder ist weniger von der spezifischen Diagnose abhängig als vom Verlauf, dem Schweregrad, der Chronizität und der individuellen Bewältigung der Erkrankung“, erläuterte Kölch. Generell gilt: Je jünger das Kind, desto stärker ist es betroffen. Bei Säuglingen und Kleinkindern können selbst kurze Episoden entwicklungskritisch sein.

Psychisch kranke Eltern sind sich der Probleme für ihre Kinder durchaus bewusst. Rund 80 Prozent sehen ihre Kinder als belastet an, berichtete Kölch. Häufig empfinden sie, dass ihre Kinder nicht ausreichend bei ihrer Behandlung berücksichtigt werden. Etwa 50 Prozent würden Klinikaufenthalte wegen ihrer Kinder nicht wahrnehmen. Es gebe in einigen psychiatrischen Kliniken spezielle Eltern-Kind-Stationen oder andere Angebote, doch die Regel sei das nicht.

Ebenso wenig regelhaft oder gar flächendeckend sind die Hilfs- und Beratungsangebote, die in den letzten Jahren entstanden sind. Das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit hat mehr als hundert Hilfsprojekte in Deutschland gezählt. Unterstützung für Familien bietet beispielsweise die Beratungsstelle „KiElt“ vom Psychosozialen Trägerverein in Dresden an, die die systemische Familientherapeutin Sirid Gursinsky bei dem Symposium der OPK vorstellte (www.ptv-sachsen.de/kielt/kielt.html). „Wir können sehr flexibel auf die Bedarfe der Familien reagieren und Lösungen erarbeiten“, sagte sie. Drei Viertel der Klienten werden durch das Jugendamt, die Erwachsenenpsychiatrie oder den Allgemeinen Sozialen Dienst vermittelt. Auch das Hilfsangebot „Sunny side up“ der GAMBE gGmbH, einem freien Träger der Jugendhilfe in Berlin (www.sunnysideup-berlin.de), ist ein Projekt, das vor allem Betreuungshilfen, sozialpädagogische Familienhilfen und Eingliederungshilfen organisiert.

Dass es notwendig ist, Familien mit psychisch erkrankten Eltern Hilfen anzubieten, ist unumstritten. Es gibt gute niedrigschwellige Hilfen, doch eher punktuell und nicht regelhaft finanziert. „Die Projekte müssen in die Regelversorgung aufgenommen und die Hilfesysteme miteinander vernetzt werden“, fordert daher die OPK-Präsidentin Mrazek.

Petra Bühring

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