ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2015Kinder und Jugendliche: Mobbing häufige Ursache von Depressionen

Referiert

Kinder und Jugendliche: Mobbing häufige Ursache von Depressionen

Meyer, Rüdiger

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Teenager, die regelmäßig von Mitschülern gemobbt werden, erkranken im frühen Erwachsenenalter häufiger an Depressionen. Nach den Ergebnissen einer prospektiven Beobachtungsstudie im British Medical Journal könnte das Mobbing auf dem Schulhof und in der Freizeit für fast ein Drittel aller Depressionen bei jungen Heranwachsenden verantwortlich sein.

Viele Teenager haben in der Schule nicht nur mit schlechten Noten durch die Lehrer zu kämpfen. Sie sind auch Angriffen von ihren Mitschülern ausgesetzt. Dazu gehören nicht nur Hänseleien, auch Diebstähle, Erpressungen und körperliche Attacken gehören zu den Erfahrungen, die das spätere Leben prägen können.
Eine mögliche Folge sind Depressionen.

Wie groß das Problem ist, hat die Psychologin Lucy Bowes mit ihren Mitarbeitern der Universität Oxford an der Avon Longitudinal Study of Parents and Children (ALSPAC) untersucht. Es handelt sich um eine Kohorte von mehr als 10 000 Kindern, die seit der Schwangerschaft ihrer Mütter Anfang der 1990er Jahre regelmäßig untersucht wurden.

Anzeige

Im Alter von 13 Jahren hatten die damaligen Teenager einen Fragebogen zum Mobbing in der Schule und Freizeit ausgefüllt. Jeder dritte berichtete damals über Hänseleien, jeder vierte hatten einen Diebstahl durch Mitschüler erlebt. Andere berichten über Lügengeschichten, auch Drohungen/Erpressungen, Betrügereien, Nötigungen oder Ausgrenzungen waren keinesfalls selten.

Bowes setzte das Mobbing mit den Antworten in einem zweiten Fragebogen in Beziehung, in dem die jetzt 18 Jahre alten Heranwachsenden Auskunft über ihren Gemütszustand gaben. Insgesamt wurden die Daten von 3 898 ALSPAC-Teilnehmern ausgewertet. Von den 683 Jugendlichen, die im Alter von 13 Jahren mehrmals in der Woche das Opfer von Mobbing-Attacken gewesen waren, zeigten 14,8 Prozent Zeichen einer klinisch relevanten Depression im Sinne der ICD10. Unter den 1 446 Jugendlichen, die nur gelegentlich gemobbt wurden, betrug die Rate 7,1 Prozent und bei den Kindern ohne Mobbing kannten nur 5,5 Prozent depressive Verstimmungen. Damit hatten Opfer häufiger Mobbing-Attacken ein fast dreifach erhöhtes Risiko auf eine spätere Depressionen als nicht gemobbte Kinder. Die Assoziation blieb weiter signifikant. Sollte ihr eine Kausalität zugrunde liegen, was sich in einer Beobachtungsstudie niemals mit letzter Sicherheit beweisen lässt, dann könnten nach weiteren Berechnungen von Bowes 29 Prozent aller Depressionen im Alter von 18 Jahren die Folge eines Mobbings durch Mitschüler sein.

Die Editorialistin Maria Ttofi von der Universität Cambridge fordert angesichts dieser Zahlen Gegenmaßnahmen, um eine langfristige psychische Beschädigung von Schülern zu verhindern. Diese Forderung könnte allerdings daran scheitern, dass die meisten Schüler erst Alarm schlugen, wenn sie nicht nur psychisch, sondern auch körperlich traktiert wurden. rme

Bowes L, Joinson C, Wolke D, Lewis G: Peer victimisation during adolescence and its impact on depression in early adulthood: prospective
cohort study in the United Kingdom. BMJ 2015; 350: h2469. doi: http://dx.doi.org/10.1136/bmj.h2469.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote