ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2015Psychoanalyse: Die Welt mit den Augen der Liebe sehen

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Psychoanalyse: Die Welt mit den Augen der Liebe sehen

Koch, Joachim

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Dieses Märchen, das vielleicht zu den schönsten des 20. Jahrhunderts gehört, hat schon für viele Menschen eine große Bedeutung gehabt. Der „Kleine Prinz“ wurde als Gegenentwurf zur unmenschlichen Welt der Erwachsenen verstanden.

Eugen Drewermann merkt in seiner Analyse des Buches an, dass „Kind“ das Symbol für ein Leben ist, das von einem unbeirrbaren Vertrauen getragen ist und deshalb der ängstlichen Absicherungen nicht bedarf, die das Leben von Erwachsenen formen und deformieren. Angst bedingt den Aufbau von Als-ob-Fassaden, von Scheinfertigkeiten und Scheinfähigkeiten. In der Angst bleiben die Wahrheiten des Lebens auf der Strecke. Kindern mit einem Gefühl für Vertrauen ist dagegen eine grenzenlose Offenheit möglich.

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Drewermann beschreibt die Himmelsreise des Kleinen Prinzen als eine Tour d’horizon der Unmenschlichkeit. Er begegnet absonderlichen und negativen erwachsenen Menschen (dem Eitlen, dem Säufer, dem „Geschäftsmann“, dem Laternenanzünder, dem Geografen). Der Kleine Prinz verkörpert idealtypisch die sehnsuchtsvollen Inhalte eines nie gelebten Lebens.

Im Märchen vom Kleinen Prinzen breitet sich vor allem am Ende eine Melancholie und Todessehnsucht aus, die Drewermann mit dem Thema und der Entschlüsselung der Rose in Verbindung bringt. Das führt zum eigentlichen (verborgenen) Thema des „Kleinen Prinzen“, und zwar zum Geheimnis der Mutter, für die die Rose steht. Dieses Geheimnis ist unter einer Decke aus Schuldgefühlen und Ängsten verborgen. Exupéry befand sich zeitlebens in einer kindlich anmutenden Abhängigkeit von seiner Mutter. Drewermann bringt dazu Belege aus anderen Schriften und Briefen Exupérys.

Drewermann kritisiert Exupéry grundlegend und schreibt, dass diesem tiefere Einsichten nicht möglich waren, weil sein Erleben und Denken von Angst verzerrt gewesen seien. Stattdessen bestanden profunde Lebensprobleme und Abhängigkeiten, die Exupéry versuchte, durch seine Tätigkeit als Flieger zu kompensieren.

So kritisiert Eugen Drewermann Exupérys Konzept der Liebe. Liebe entstehe nicht durch die Bewältigung gemeinsamer Aufgaben, nicht die „Zeit, die du für deine Rose verloren hast, macht sie so wichtig“. Wenn man einen Menschen wirklich liebt, erscheine kein Opfer zu groß und keine Mühe zu schwer. Was auf ewig miteinander verbindet, sei der „Gleichklang der Seele, diese bebende Welle des Glücks, diese zitternde Woge der Freude, die sie gemeinsam emporträgt zum Himmel“.

Tiefe Einsichten und Perspektiven für Veränderungen kommen nicht von Exupéry, sondern von Drewermann, der auch Psychotherapeut ist. Die Welt mit den Augen der Liebe zu sehen, ist seine Botschaft für die wesentliche Sinnbegründung des Lebens. Diese Botschaft lässt Gefühle der tiefen Dankbarkeit entstehen. Joachim Koch

Eugen Drewermann: Das Eigentliche ist unsichtbar. Der Kleine Prinz tiefenpsychologisch gedeutet. Herder, Freiburg 2015, 208 Seiten, gebunden, 16,99 Euro

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