ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2015Psychoanalyse: Erweiterung des Instrumentariums

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Psychoanalyse: Erweiterung des Instrumentariums

Moser, Tilmann

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Entgegen der immer wieder gehörten Annahme, die Psychoanalyse verliere ob ihrem Verharren in der Orthodoxie an Bedeutung, zeichnen sich an vielen Stellen Erweiterungen der Theorie wie der Praxis ab, die zu einer Ausweitung des Instrumentariums führen. So schreibt der Autor zwar leicht betreten: „Nicht selten beobachte ich aber in vielen psychoanalytischen Behandlungen Konstellationen, in denen Patienten Einsichten gewinnen, die keine Wirkung erzielen.“ Er kommt aber in dem Vorwort zu seiner weit gespannten Aufsatzsammlung doch zu den „körpernahen Gefühlen“, von denen der Analytiker angerührt wird, und die er in sich entschlüsseln muss, bevor er sie aus der Gegenübertragung seiner Patienten deuten kann.

Ohne den Pionier der „Sprachhandlungen statt Worte“, Rolf Klüver, zu zitieren, übernimmt der Autor Josef Dantlgraber von diesem doch die wuchtigen averbalen Einwirkungen des Patienten auf den Therapeuten. Er erweitert das Instrumentarium der Deutungen aber um zwei Aspekte, die erst allmählich auch von anderen Analytikern aufgegriffen werden: „musikalisches und bildliches Hören“. Sie bedeuten, dass dieser andere Verständnismittel für sein Verstehen anwendet: Der Musikliebhaber Dantlgraber vertraut seinen musikalischen Assoziationen, deren „Fülle der Stimmungen“ ihn auf neue Spuren bringen, ja ihn sogar plötzlich Melodien summen lassen, bevor die verbale Kompetenz ins Spiel kommt.

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Ähnlich ergeht es anderen Therapeuten mit evozierten inneren Bildern oder mitgebrachten Darstellungen der Patienten. Ein anderer Ausdruck lautet deshalb: „Affekt hören und Affekt sehen.“ So kommt er auch auf die kühne, aber partiell sicher stimmende Deutung, dass eine „hocherotisierte Übertragung“, mit der viele Therapeuten in der Form von Verliebtheit des Patienten in sie ihre Mühe haben, oft eine Abwehr auch „tödlicher Aggression“ sein kann. Deshalb kann er auch fordern, dass die Anpassungsleistungen an den Patienten bereits im Erstinterview denen der Mutter auf das Baby gleichen sollten, die ja auch über innere Bilder, Sprachlaute, optische Ausdrücke und die Wahrnehmungen ihrer „Reverie“ über das Kind entstammen.

Aber das erfordert eine neue Wachsamkeit auch gegenüber den „körperlichen Übertragungsformen“, die ihn sogar regelrecht heimsuchen können. Die Pionierarbeit von Jörg M. Scharff über „Die leibliche Dimension in der Psychoanalyse“ zeigt hier bereits ihre Wirkungen. Allerdings ist Dantlgraber von einer realen Berührung noch meilenweit entfernt, ebenso wie er von einer Überschätzung der Bedeutung einer „emotionalen korrigierenden Erfahrung“ ziemlich streng warnt. Tilmann Moser

Josef Dantlgraber: Unbewusste Kommunikation in der psychoanalytischen Situation. Psychosozial-Verlag, Gießen 2015, 250 Seiten, kartoniert, 22,90 Euro

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