ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2015Thrombozytentransfusion und Blutungen
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In zwei prospektiven randomisierten multizentrischen Studien zur hypoproliferativen Thrombozytopenie wurde jüngst die prophylaktische Gabe von Thrombozytenkonzentraten beim Unterschreiten eines Thrombozytenwerts von 10 000/μL mit der nur noch therapeutischen Gabe erst bei Auftreten anderer als mukokutaner Blutungen verglichen (1, 2). In der Patientengruppe mit nur therapeutischer Thrombozytengabe traten deutlich vermehrt Blutungen der WHO-Schweregrade 2, 3 oder 4 auf. Dies betraf Patienten mit akuter myeloischer Leukämie (AML) ebenso wie Patienten nach autologer Stammzelltransplantation. Weil aber die allerschwerste Form der Blutungskomplikation, die intrazerebrale Blutung, nur bei AML-Patienten auftrat, halten Wandt et al. (1) die Datenlage für ausreichend, um bei erwachsenen, klinisch stabilen Patienten nach autologer Stammzelltransplantation unter stationärer Überwachung eine therapeutische Thrombozytentransfusionsstrategie zu verfolgen.

Die bei dieser Strategie notwendige engmaschige Untersuchung auf Blutungszeichen lässt sich aber im klinischen Alltag außerhalb von Studien nicht gewährleisten. Auch die unverzichtbare sofortige Verfügbarkeit von Thrombozytenkonzentraten im Blutungsfall ist selbst in Häusern der Maximalversorgung nicht jederzeit gegeben. Außerdem sind im deutschsprachigen Raum Thrombozytenkonzentrate mit reduziertem Thrombozytengehalt und pathogeninaktivierte Thrombozytenkonzentrate im Verkehr. In prospektiven Studien zu solchen Thrombozytenkonzentraten traten in Einzelfällen sogar bei deren prophylaktischer Verwendung intrakranielle Blutungen auf. Würde man die therapeutische Transfusionsstrategie mit solchen Thrombozytenkonzentraten verfolgen, wären die Risiken für die Patienten völlig unkalkulierbar.

Im Interesse der Patientensicherheit widersprechen wir Wandt et al. daher vehement (3) und schließen uns Frau Professor Slichter aus Seattle an, die 2013 in einem Editorial im New England Journal of Medicine schrieb (4): „Nach meiner Meinung berechtigt die Reduktion von Thrombozytentransfusionen nicht, Patienten mit irgendeiner Form der hypoproliferativen Thrombozytopenie den erhöhten Blutungsrisiken einer ausschließlich therapeutischen Thrombozytentransfusionsstrategie auszusetzen“.

DOI: 10.3238/arztebl.2015.0505a

Prof. Dr. med. Robert Zimmermann

PD Dr. med. Jürgen Zingsem

Prof. Dr. med. Reinhold Eckstein

Transfusionsmedizinische
und Hämostaseologische Abteilung

Universitätsklinikum Erlangen

robert.zimmermann@uk-erlangen.de

1.
Wandt H, Schaefer-Eckart K, Wendelin K, et al.: Therapeutic platelet transfusion versus routine prophylactic transfusion in patients with haematological malignancies: an open-label, multicentre, randomised study. Lancet 2012; 380: 1309–16 CrossRef
2.
Stanworth SJ, Estcourt LJ, Powter G, et al.: A no-prophylaxis platelet-transfusion strategy for hematologic cancers. N Engl J Med 2013; 368: 1771–80 CrossRef MEDLINE
3.
Wandt H, Schäfer-Eckart K, Greinacher A: Platelet transfusion in hematology, oncology and surgery. Dtsch Arztebl Int 2014; 111: 809–15 VOLLTEXT
4.
Slichter SJ: Eliminate prophylactic platelet transfusions? N Engl J Med 2013; 368: 1837–8 CrossRef MEDLINE
1.Wandt H, Schaefer-Eckart K, Wendelin K, et al.: Therapeutic platelet transfusion versus routine prophylactic transfusion in patients with haematological malignancies: an open-label, multicentre, randomised study. Lancet 2012; 380: 1309–16 CrossRef
2.Stanworth SJ, Estcourt LJ, Powter G, et al.: A no-prophylaxis platelet-transfusion strategy for hematologic cancers. N Engl J Med 2013; 368: 1771–80 CrossRef MEDLINE
3.Wandt H, Schäfer-Eckart K, Greinacher A: Platelet transfusion in hematology, oncology and surgery. Dtsch Arztebl Int 2014; 111: 809–15 VOLLTEXT
4.Slichter SJ: Eliminate prophylactic platelet transfusions? N Engl J Med 2013; 368: 1837–8 CrossRef MEDLINE

Kommentare

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Avatar #84550
gennadij
am Donnerstag, 23. Juli 2015, 00:55

Herr

Guten Abend,
Jeder Krankenhaus ist verpflichtet, auch die Ärzte ständig fortzubilden. Deswegen gibt es erweiterte Indikationstellungen zur Behandlung kranker Menschen angewendeter Methoden. Auch wichtig: Wenn man schon einen Lehrer - wissenschaftlichen Vater -, hat, braucht man nur keine Widerspenstigen dem entgegen, sondern Gehorsamkeit und völlige Vertrauen dem Lehrer auch als Mensch.
Gena, kollegial

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