ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2015Medizin- und Kulturgeschichte: Erinnerungsort Krebsbaracke

THEMEN DER ZEIT

Medizin- und Kulturgeschichte: Erinnerungsort Krebsbaracke

Dtsch Arztebl 2015; 112(29-30): A-1284 / B-1075 / C-1047

Voswinckel, Peter

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Über das älteste Krebsinstitut in Deutschland und seine verdrängten Protagonisten

Blick auf die Krebsbaracken (rot eingefärbt) im Jahr 1916; hinten die neue Medizinische Klinik, links das neue Pathologische Institut Foto: Sammlung M. von Ostrowski, Berlin
Blick auf die Krebsbaracken (rot eingefärbt) im Jahr 1916; hinten die neue Medizinische Klinik, links das neue Pathologische Institut Foto: Sammlung M. von Ostrowski, Berlin

Manchem Leser schießt bei dem Wort Krebsbaracke gewiss das Bennsche Diktum „Bett stinkt bei Bett“ durch den Kopf. Es stammt aus Gottfried Benns Gedicht „Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke“ (1912), das zu den bekanntesten Gedichten des Expressionismus zählt und ungezählte Literaten, Künstler und Komponisten inspirierte (so Georg Baselitz, Ingo Regel, Jan Kopp). Nun ist erstmals die Geschichte der realen Krebsbaracke aufgearbeitet worden (Kasten). Das Ergebnis ist ebenso überraschend wie erschütternd: Es ist die stolze, vergrabene Geschichte des ältesten Krebsinstituts in Deutschland, einer Einrichtung, die erstmals Experimentalforschung, Patientenbehandlung und Palliativmedizin unter einem Dach vereinte.

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Im Unterschied zu dem (heute) pejorativen Beigeschmack des Begriffs „Baracke“ (ein Fall für die historische Semantik!), figurierten die Charité-Krebsbaracken – so die amtlich-offizielle Bezeichnung – bei ihrer Eröffnung 1903 als Inbegriff des Fortschritts und des therapeutischen Aufbruchs. Sie bestanden aus je einer Männer- und Frauenbaracke sowie einem kleinen Laboratoriumsbau (Abbildung). Initiator und erster Direktor war der 70-jährige Ordinarius an der Charité und Begründer des Wiesbadener Internistenkongresses, Ernst von Leyden (1832–1910), Das Institut arbeitete interdisziplinär und innovativ und vereinte viele namhafte Forscher – freilich zum überwiegenden Teil solche mit „jüdischem Hintergrund“, so dass das Institut vermutlich von Anfang an als jüdische Einrichtung konnotiert war. Ein Zündstoff, der sich nach 1933 als verhängnisvoll erweisen sollte.

Frühe Pionierleistungen

Gleich zum Auftakt legte der später zum Rockefeller-Institut aufgestiegene Leonor Michaelis (1875–1949) mit verpflanzbaren Mäusetumoren den Grundstock für die experimentelle Krebsforschung schlechthin, und schon 1903 behandelte Wilhelm Caspari (1872–1944) eine Patientin mit Brustkrebs erstmals mit Radium-Injektionen. Chemotherapeutische und immunologische Versuche blieben zwar erfolglos, doch konnte zumindest das Haupt-Stigma der unheilbar Krebskranken, der Gestank der jauchig zerfallenden Gebärmutter- und Brustkrebse sowie der entstellenden Gesichtsgeschwülste, gemildert werden.

Ein zweiter Zündstoff war freilich auch schon implantiert: Die Rivalität der behandelnden Ärzte. Laut einem Exposé des Charité-Direktors Ernst Pütter von Mai 1914 (!) „wacht jeder Kliniker eifersüchtig drauf, dass ihm kein Krebsfall aus seinem speziellen Gebiete verloren geht, weil er das Bestreben hat, ihn wenn auch mit unzureichenden Mitteln weiterzubehandeln“.

Ungeachtet der permanenten Geldnöte (dritter Zündstoff) gelangte das Berliner Krebsinstitut, dessen Abteilungen und Laboratorien sich allmählich über das ganze Charitégelände ausbreiteten, unter Leitung von Ferdinand Blumenthal (1870–1941) zu Weltruhm. Internationale Spitzenforscher kamen aus Washington und Paris an die Charité; umgekehrt unterstreicht die Analyse der internationalen Krebskongresse bis 1933 (und darüber hinaus bis 1938!) die führende Stellung der Berliner Krebsforscher. Von hier aus ging seit 1904 die „Zeitschrift für Krebsforschung“ in alle Welt; hier entstand 1908 die „Erste Internationale“ mit ihrem dreisprachigen Organ „Cancer“ (eingegangen 1914), fortgeführt von der „Zweiten Internationalen“, der 1934 wiederbelebten „Union Internationale contre le Cancer“ UICC – freilich ohne ihre jüdischen Pioniere.

Sauerbruch übernimmt

Der Machtwechsel 1933 hatte eine Zerschlagung des Institutes zur Folge; die Mehrzahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter emigrierte ins Ausland; ihre kurzlebige Exil-Zeitschrift „Acta Cancrologica“ ist heute in Deutschland so gut wie unbekannt. Einige, wie der 65-jährige Doyen der deutschen Hämatologie, Hans Hirschfeld (1873–1944), kamen in Lagern ums Leben. Die Institutseinrichtung übernahm der chirurgische Ordinarius Ferdinand Sauerbruch, unter dessen Direktorat das Institut noch bis zum Kriegsende vegetierte, bis Bomben die Frauenbaracke zerstörten.

Die erhaltene Männerbaracke hatte nach dem Kriege ein wechselvolles, doch exemplarisches Schicksal: Sie figurierte zunächst als FDJ-Baracke und geriet nach dem Mauerbau in den unmittelbaren Grenzbereich mit dem ersten tödlichen Schusswechsel (24. August 1961), später diente sie über drei Jahrzehnte als Patienten- und Gewerkschaftsbibliothek, ohne dass irgendjemand von der Vorexistenz als Krebsbaracke gewusst hätte. Bei ihrem stillschweigenden Abbruch 1996 – um dem Neubau des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie Platz zu machen – war die Geschichte des einstmaligen Krebsinstituts verdrängt und vergessen. So konnten westdeutsche Benn-Interpreten jahrelang behaupten, die Bennsche Krebsbaracke sei im Krankenhaus Moabit anzusiedeln; dabei spricht alles dafür, dass Benn während seiner Tätigkeit als Unterarzt an der Charité-Frauenklinik 1911 die Krebsbaracke kennengelernt hat.

Die Geschichte der Krebsbaracke ist eng mit dem Schicksal der verfolgten und vertriebenen jüdischen Ärzte, die dort arbeiteten, verbunden. Vieles war bisher nicht bekannt und tritt erst jetzt zutage. Etwa, dass Ernst von Leyden selbst beziehungsweise die Generation seiner Enkel – durch seine vermeintlich „jüdische“ Ehefrau und die „nichtarischen“ Schwiegerkinder (Mendelssohn; Reichenheim) – in Bedrängnis gerieten (Aberkennung der Promotion 1938) oder ins Exil getrieben wurden. Als Einzelergebnis der biografischen Nachforschungen ragt – 91 Jahre nach seinem Tode 1923 – die Identifizierung des verdienstvollen Generalsekretärs des „Zentralkomitees für Krebsforschung“, George Meyer, als Familienvater mit jüdischer Herkunft, als Ärztlicher Direktor der Berliner Rettungsgesellschaft und bibliophiler Sammler und Bib-liotheksbesitzer hervor. Darüber hinaus wird das Schicksal von 28 jüdischen Mitarbeitern des Krebsinstituts bis zum Lebensende dokumentiert, wobei die Kontakte zu deren Nachkommen in den USA, in England und den Niederlanden als Belebung einer schal gewordenen „Erinnerungskultur“ angesehen werden können. Hier gelingt auf eindrucksvolle Weise die Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Doch auch das gehört zum erinnernden Gedenken: Die Nachkriegsgeschichtsschreibung, sei es in Lexika, Jubiläumsschriften oder Gedenkartikeln, ging über die Schattenseiten hinweg. Bis weit in die 1990er Jahre währte das Verschweigen und Schönreden.

In Kunst und Philosophie

Auf einer Metaebene konfrontiert der „Erinnerungsort Krebsbaracke“ den nüchternen Nihilismus eines Gottfried Benn mit Texten des katholischen Schriftsteller-Priesters Carl Sonnenschein, der damals als Seelsorger in Berlin tätig war und 1928 über seine Besuche in den „Ca-Baracken“ der Charité berichtete. Seine Reflexionen weisen unmittelbar in den spirituellen Kern der heutigen Psychoonkologie und schlagen den Bogen zu aktuellen Fragen der Philosophie. Wenn etwa der Ethiker Giovanni Maio jüngst eine „Kultur der Angewiesenheit“ propagierte und sie der „Kultur der Autonomie“ gegenüberstellte, so findet sich die erstere vorgeformt in der christlichen Caritas und ihrer Hinwendung besonders zu den unheilbar Kranken in den Krebsbaracken!

Die christlich-jüdische Ideenwelt ist ferner repräsentiert in dem Exil-Theaterstück „Goliath erschlägt David“ (1935), in dem am Beispiel eines jüdischen Krebsforschers, verheiratet mit der arischen Ehefrau Anne-Marie, das Scheitern der deutsch-jüdischen Assimilation thematisiert wurde. Das in „Erinnerungsort Krebsbaracke“ erstmals veröffentlichte Manuskript stammt aus der Feder des Theaterschauspielers Hugo Döblin, des zweitältesten Bruders von Alfred Döblin. Gemeinsam wirkten sie 1930 an der Hörspielfassung des Romans „Berlin Alexanderplatz“. Im Haus Berolina (Alexanderplatz 1) residiert heute das Hauptstadtbüro der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO).

Prof. Dr. med. Peter Voswinckel
voswinckel@dgho.de

Projekt und Buch

Der Autor des Beitrages, der Medizinhistoriker Peter Voswinckel, leitet die Historische Forschungsstelle der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO), Berlin. Auf deren Initiative hin wurde die Geschichte der Krebsbaracke(n) der Charité aufgearbeitet. Das Ergebnis des Forschungsprojektes liegt als Buch vor:

Erinnerungsort Krebsbaracke. Klarstellungen um das erste interdisziplinäre Krebsforschungsinstitut in Deutschland (Berlin, Charité), hrsg. vom Vorstand der DGHO, Mathias Freund, Diana Lüftner und Martin Wilhelm, Berlin 2014, VIII, 190 Seiten. ISBN 978–3–9816354–2–3. Das Buch ist kostenfrei bei der DGHO zu beziehen; Bestellformular auf www.dgho.de.

Die DGHO richtete aus Anlass ihres 75. Jubiläums 2012 eine Historische Forschungsstelle ein und ermöglicht somit auch umfangreiche Recherchen und Kontakte. Die Ergebnisse – der „Krebsbaracke“ ging ein Projekt zu Hans Hirschfeld sowie den Ehrenmitgliedern der DGHO voraus – können sich sehen lassen.

Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke

Der Mann:
Hier diese Reihe sind zerfallene Schöße
und diese Reihe ist zerfallene Brust.
Bett stinkt bei Bett. Die Schwestern wechseln stündlich.

Komm, hebe ruhig diese Decke auf.
Sieh, dieser Klumpen Fett und faule Säfte,
das war einst irgendeinem Mann groß
und hieß auch Rausch und Heimat.

Komm, sieh auf diese Narbe an der Brust.
Fühlst du den Rosenkranz von weichen Knoten?
Fühl ruhig hin. Das Fleisch ist weich und schmerzt nicht.

Hier diese blutet wie aus dreißig Leibern.
Kein Mensch hat soviel Blut.
Hier dieser schnitt man
erst noch ein Kind aus dem verkrebsten Schoß.

Man läßt sie schlafen. Tag und Nacht. – Den Neuen
sagt man: hier schläft man sich gesund. – Nur sonntags
für den Besuch läßt man sie etwas wacher.

Nahrung wird wenig noch verzehrt. Die Rücken
sind wund. Du siehst die Fliegen. Manchmal
wäscht sie die Schwester. Wie man Bänke wäscht.

Hier schwillt der Acker schon um jedes Bett.
Fleisch ebnet sich zu Land. Glut gibt sich fort,
Saft schickt sich an zu rinnen. Erde ruft.

                Gottfried Benn

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klausenwächter
am Samstag, 25. Juli 2015, 21:06

Auf das Gedicht hat einen Standort

Gottfried Benn: Ausgewählte Gedichte. Diogenes Taschenbuch 20099. VerlagsAG Die Arche Zürich 1984: 12.
"Gottfried Benn ist als moderner Klassiker kanonisiert; ... Gottfried Benn hat jeden sozialen Auftrag für sein Werk abgelehnt. ... Es gehört heute zum Feuilleton, den einzelnen als deformiertes Produkt seiner Gesellschaft hinzustellen." [Nachwort von Gerd Haffmans]

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