ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2015Griechenland in der Krise: Leidtragende sind die Patienten

POLITIK

Griechenland in der Krise: Leidtragende sind die Patienten

Dtsch Arztebl 2015; 112(29-30): A-1270 / B-1063 / C-1035

Sacharis, Filippos

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Schon vor der Finanz- und Wirtschaftskrise stand im griechischen Gesundheitssystem nicht alles zum Besten. Deren Folgen aber, gepaart mit den strengen Sparauflagen der internationalen Geldgeber, haben das System an den Rand des Kollaps geführt.

Großer Andrang herrscht bei einer Ambulanz der Hilfsorganisation „Ärzte der Welt“ in Athen. Für viele Nicht-Versicherte sind derartige Angebote die einzige Möglichkeit, sich medizinisch behandeln zu lassen. Foto: laif/Redux
Großer Andrang herrscht bei einer Ambulanz der Hilfsorganisation „Ärzte der Welt“ in Athen. Für viele Nicht-Versicherte sind derartige Angebote die einzige Möglichkeit, sich medizinisch behandeln zu lassen. Foto: laif/Redux

Das griechische Gesundheitssystem steckt in einer Sackgasse. Überfüllte Krankenhäuser haben zusammen mit einem enormen Mangel an Ärzten und Pflegepersonal dazu geführt, dass sich die Lage dramatisch zuspitzt. Dazu kommt die extrem hohe Arbeitslosigkeit, wodurch viele Griechen ihre Kran­ken­ver­siche­rung verloren haben. Die Verwaltungen der öffentlichen Krankenhäuser signalisieren dem Ge­sund­heits­mi­nis­terium bereits, dass sie aufgrund viel zu niedrig bemessener Budgets nicht mehr in der Lage sind, selbst die elementaren Bedürfnisse zu decken: „Wir werden weder Material einkaufen noch Bereitschaftsdienste bezahlen können“, melden sie laut der Zeitung „To Vima“.

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Verschiedene Studien gehen davon aus, dass der Fachkräftemangel im Gesundheitswesen noch zunehmen wird. Der Athener Ärzteverband hat vor kurzem an die Regierung unter Premierminister Alexis Zipras appelliert, notwendige Maßnahmen für Gesundheitsreformen einzuleiten. „Die neue Führung des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums soll ihr Versprechen und ihre Verpflichtung gegenüber Patienten und Ärzteschaft einhalten”, hieß es in einer Stellungnahme des Verbands.

Gehälter stehen aus

Eine seit Jahren gescheiterte Gesundheitspolitik hat in den griechischen Krankenhäusern viele Arbeitsplätze gekostet und die Gesundheitsversorgung erschwert. Ärzte und Pflegepersonal klagen über bürokratischen Aufwand und ein hohes Überstundenpensum. Einige öffentliche Krankenhäuser sind nicht mehr in der Lage, die Löhne und Gehälter ihrer Mitarbeiter zu bezahlen. In manchen Häusern findet man aufgrund der Budgetkürzungen kaum noch Verbandsmaterial oder Toilettenpapier. Auch Watte oder Handschuhe sind Mangelware und müssen von Angehörigen der Patienten in umliegenden Apotheken besorgt werden.

Die Situation im Bezirkskrankenhaus „Thriassion“ in Athen schildert der dort arbeitende Gynäkologe Kostis Soumakis: „Die Arbeitsbelastung und das Arbeitstempo der Ärzte im Krankenhaus hat deutlich zugenommen. Die Probleme im öffentlichen Gesundheitswesen mit den vielen Nicht-Versicherten, die sich eine teure Privatversicherung nicht leisten können – Kran­ken­ver­siche­rung ist in Griechenland inzwischen Luxus –, haben dazu geführt, dass sich Hunderte täglich unentgeltlich im Thriassion-Krankenhaus behandeln lassen, und das beim geringsten gesundheitlichen Anlass.“ Viele Menschen kämen auch für Medikamentenverordnungen. Dabei, betont Soumakis, müssten die Ärzte im Krankenhaus darauf achten, das knappe verfügbare medizinische Material vorsichtig und sparsam zu verwenden.

Protest gegen Sparauflagen: Ärzte und Pflegepersonal leiden unter Überlastung und schlechter Bezahlung. Foto: picture alliance
Protest gegen Sparauflagen: Ärzte und Pflegepersonal leiden unter Überlastung und schlechter Bezahlung. Foto: picture alliance

Auf die Frage nach den Ursachen der mangelnden medizinischen Versorgung in den griechischen Krankenhäusern antwortet Soumakis, das Problem bestehe in einem Mangel an Organisation und korrupten Verwaltungsstrukturen. „Das erlebe ich schon seit Jahren“, erklärt der Frauenarzt. „Das führt an sich schon zu dramatischen Situationen.“ Um jetzt noch die zahlreichen armen Patienten zu betreuen, fehle es einfach an Personal. Dabei arbeiteten Ärzte und Pflegekräfte Tag und Nacht. „Sie tun, was sie können, sind aber heillos überlastet“, sagt Soumakis.

Bereits vor drei Jahren hatte die Ärztekammer Athen gewarnt, dass weitere horizontale Kürzungen im Gesundheitswesen, wie sie damals die Troika aus Europäischer Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds gefordert hatten, in Griechenland eine humanitäre Krise und gesellschaftliche Unruhen auslösen könnten. Die derzeitige Situation in den Gesundheitseinrichtungen des Landes scheint die Sorge der Ärztekammer zu bestätigen.

„Auch bei uns fehlt medizinisches Material. Unser größtes Problem ist jedoch der Personalmangel“, sagt Dr. Margarita Charalampopoulou. Die Hals-Nasen-OhrenÄrztin arbeitet im Allgemeinen Krankenhaus des griechischen Roten Kreuzes „Korgialenio Benakio“. Die Hälfte der Ärzte und des Pflegepersonals hätten das Krankenhaus bereits verlassen. „Wenn das so weitergeht, werden wir bald kaum noch Rufbereitschaftsdienste leisten können“, erklärt Charalampopoulou. „Es gibt in Griechenland junge, fähige Ärzte. Die wandern aber in großer Zahl ins Ausland aus. Wir werden unser Krankenhaus schließen müssen, wenn sich dieser Trend nicht innerhalb der nächsten zwei Jahre umkehrt.“ Das treffe im Übrigen auf viele Kliniken in Griechenland zu.

30 Prozent Nicht-Versicherte

Wegen der andauernden Wirtschaftskrise sind viele Menschen nicht mehr krankenversichert und werden nicht ärztlich behandelt. Obwohl die griechische Regierung den nicht krankenversicherten Griechen eine kostenfreie Versorgung in den öffentlichen Krankenhäusern zusagt, bleibt das Problem bestehen, dass die öffentlichen Kliniken aufgrund ihrer dramatisch gekürzten Budgets völlig überlastet sind. Offiziell sind rund 30 Prozent der griechischen Bevölkerung nicht mehr krankenversichert. Mithin stehen Nicht-Versicherte Schlange vor und in den Krankenhäusern und warten meist vergeblich auf eine schnelle Behandlung. Denn die Kliniken haben nicht nur mit den Abwanderungstendenzen ihres Personals zu kämpfen, viele Ärzte und Pflegekräfte mussten angesichts der Kürzungen im Gesundheitsbudget entlassen werden. Auch die Infrastruktur hat unter der Sparpolitik gelitten, so dass Patienten oft nicht effektiv betreut werden können. Die Fälle häufen sich, in denen selbst versicherte griechische Patienten von Krankenhaus zu Krankenhaus geschickt werden, weil es zu Engpässen in der Versorgung kommt. Die hausärztliche Versorgung der Nicht-Versicherten wird im Wesentlichen von Nichtregierungsorganisationen (NGO) übernommen.

„Wir haben zwei Prioritäten: Zum einen kümmern wir uns um die Probleme der Nicht-Versicherten und zum anderen müssen die katastrophalen Reformen auf dem Gesundheitssektor beendet werden, die einseitig zulasten der Versicherten gehen und die öffentliche Gesundheitsversorgung völlig zum Erliegen gebracht haben“, erklärte Ge­sund­heits­mi­nis­ter Panagiotis Kouroumplis (Syriza). Das dringendste Problem sei die große Zahl der Menschen, die keinen Zugang zum Gesundheitssystem hätten. Schätzungsweise bis zu 70 Prozent der Bevölkerung seien zurzeit auf die kostenfreie Versorgung an den öffentlichen Krankenhäusern angewiesen, weil sie nicht in der Lage seien, für eine private Kran­ken­ver­siche­rung zu zahlen. Ein Viertel der Griechen lebt inzwischen von rund 500 Euro im Monat an der Armutsgrenze.

Schmiergeld ist normal

Ohne das Geld im sprichwörtlichen „Fakelaki“, dem Briefumschlag, gibt es in den öffentlichen Krankenhäusern keine gute Behandlung mehr. Um möglichst schnell eines der günstigen Betten in den staatlichen Kliniken zu bekommen, sind viele Patienten bereit, Schmiergeld zu zahlen. Das ist verständlich, wenn jemand zum Beispiel monatelang auf eine dringend notwendige Operation warten muss und dabei seine Gesundheit aufs Spiel setzt. Denn eine Behandlung an einer der teuren Privatkliniken kann sich kaum jemand leisten.

Die Verantwortung für diese dramatische Situation trägt der Staat. Er treibt arme Patienten zur Verzweiflung und die Ärzteverbände zu Protestaktionen. So ist beispielsweise die Bettenanzahl in den staatlichen Krankenhäusern stark reduziert worden. Ein großer Anteil der verbliebenen Betten wurde an private Versicherungen abgegeben. Nicht-Versicherte und Patienten mit einer staatlichen Kran­ken­ver­siche­rung sind die Leidtragenden.

„Die Gesundheitsversorgung ist mangelhaft und schlecht organisiert. Das betrifft sowohl die staatlichen Krankenhäuser als auch die Ärzte und Apotheken“, meint Kostas Lourantos, der Vorsitzender des panhellenischen Apothekenverbandes. Aufgrund der Finanz- und Wirtschaftskrise stehe das Gesundheitssystem unter zusätzlichem Druck. „Wenn es an Geld mangelt, verschlechtert sich das Problem mit der fehlenden Gesundheitsversorgung. Aber dieses Land hat trotzdem die besten Ärzte in ganz Europa.”

Filippos Sacharis, Athen

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