ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2015Randnotiz: Keine ärztliche Aufgabe

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Randnotiz: Keine ärztliche Aufgabe

Gerst, Thomas

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Der geschulte ärztliche Blick soll es klären: Ist der Flüchtling tatsächlich, wie behauptet, minderjährig und damit vorerst vor Abschiebung geschützt. So etwa in Hamburg, wo zum medizinischen Prozedere am Institut für Rechtsmedizin der Universitätsklinik Eppendorf auch „die Inaugenscheinnahme“ der Genitalregion gehört. Bei „weiblichen Probanden“ soll nach Auskunft der Senatsverwaltung die „Inspektion des Entwicklungszustandes der Brustdrüsen“ weiterhelfen. Wer sich der Untersuchung verweigert, wird als erwachsen eingestuft. Freiwillige Teilnahme sieht anders aus.

An der Zuverlässigkeit von Knochenröntgen und Computertomographie zur Altersbestimmung gibt es seit längerem Zweifel. Medizinisch indiziert ist die damit verbundene Strahlenbelastung sicher nicht. Eigentlich ein klarer Verstoß gegen das ärztliche Berufsrecht. Der 117. Deutsche Ärztetag stellte 2014 fest, dass diese Verfahren bei minderjährigen Flüchtlingen medizinisch nicht vertretbar seien und nicht mehr angewandt werden dürften.

Viele der in Deutschland Asyl Suchenden haben traumatische Situationen durchlebt. Sie sind Opfer von Krieg und Verfolgung geworden und haben oft schwere Formen psychischer, physischer oder sexueller Gewalt erlitten. Man kann sich unschwer vorstellen, welche Folgen die quasi erzwungene Untersuchung der Genitalregionen bei traumatisierten Flüchtlingen hervorrufen kann. Eine exakte Altersbestimmung lässt sich auf diese Weise ohnehin nicht herbeiführen. Originäre Aufgabe des Arztes ist es, Patienten, die zu ihm kommen, zu helfen. Dieses ärztliche Selbstverständnis zerbröselt, wenn er sich zum Erfüllungsgehilfen ordnungspolitischer Maßnahme macht.

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