ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2015Krankengeldbezug: Kasse gnadenlos

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Krankengeldbezug: Kasse gnadenlos

Mengersen, Rudolf

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Dr. med. Rudolf Mengersen, Hausarzt
Dr. med. Rudolf Mengersen, Hausarzt

Der Fall: Ein 27-jähriger Patient, Familienvater, arbeitsunfähig nach zweimaliger Hüftgelenksoperation, auf dem Wege der Besserung, bezieht Krankengeld. Der letzte Auszahlungsschein weist eine Arbeitsunfähigkeit bis zum 25. Juni aus. Der Patient kommt am 26. Juni in die Praxis. Die Untersuchung ergibt eine weiter bestehende Arbeitsunfähigkeit, die entsprechend bescheinigt wird. Der Patient legt den Auszahlungsschein der Krankenkasse vor. Die teilt ihm mit, dass er ab dem 26. Juni kein Krankengeld mehr bekomme, da die Arbeitsunfähigkeit mit dem 25. Juni geendet habe. Die vorgelegte Bescheinigung sei irrelevant; er hätte sich, damit das Krankengeld hätte weiterlaufen können, bereits am 25. Juni beim Arzt vorstellen müssen.

Telefonat mit der AOK-Niedersachsen. Nach dreieinhalb Minuten in der Warteschleife mit verbalem Gesülze („Ihr Anruf ist uns wichtig.“ „Wir sind immer für Sie da.“) erfahre ich, dass der Patient ab dem 26. Juni „gar nicht mehr in der AOK Niedersachsen versichert“ sei. Wie das? Antwort: Mit Auslaufen der Krankengeldzahlung ende die Mitgliedschaft, der Patient müsse sich jetzt bei der ARGE als arbeitssuchend melden, von dort aus werde er dann wieder krankenversichert. Eine gesetzliche Krankenkasse schmeißt ein Mitglied einfach raus? Meinem Einwand, dass die Kontinuität der Krankenbescheinigung doch zu 100 Prozent gewahrt sei, da zwischen dem Ende der letzten Krankengeldauszahlungsphase am 25. Juni (24 Uhr) und dem 26. Juni (0 Uhr) nicht eine 10 000stel Sekunde liege, wird entgegnet, dass das nun einmal die Rechtslage sei.

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Fassungslos bitte ich um ein Gespräch mit der Geschäftsführerin Frau S. Diese ruft auch prompt zurück. Sie könne meine Entrüstung verstehen, sei „emotional voll auf meiner Seite“ – aber: Die höchstinstanzliche Sozialgerichtsrechtsprechung fordere einen Tag „Überlappung“ bei der Krankengeldbescheinigung, um deren Fortbestand zu erhalten. Auf meinen Einwurf, dass für meinen Patienten nun eine durchaus dramatische Zwangslage entstehe, indem er und die Familie ohne Vorwarnung keinen Versicherungsschutz mehr haben, kommt wieder der Hinweis auf die ARGE. Die hat aber bereits abgewinkt, ein arbeitsunfähiger Patient werde gar nicht aufgenommen.

Nun stand bereits in der Zeitung, dass diese abstruse Regelung zum 1. Juli gesetzlich geändert werde. Frau S. bekräftigt das sogar: Insbesondere auf Initiative der AOK Niedersachsen sei die Revision des Gesetzes auf den Weg gebracht worden. „Leider“ werde das mit dem 1. Juli nicht klappen; die Neuregelung werde mit dem Versorgungsstärkungsgesetz vermutlich erst zum 1. August in Kraft treten.

Ich erwidere, dass eine schon praktisch beschlossene Neuregelung doch auch heute schon faktisch greifen müsse, um solche unverhältnismäßigen Härten zu vermeiden. Das kann Frau S. nicht akzeptieren, da dann eine Ungleichbehandlung zu anderen, ähnlich gelagerten Fällen vorläge. Mich erinnert das an einen DDR-Richter im Oktober 1989, der – bereits wissend, dass die Mauer in Berlin gefallen ist – noch Menschen wegen „Republikflucht“ verurteilte.

Die AOK Niedersachsen kann dem Patienten also nicht weiterhelfen. Gnadenlos? Ist das nun kafkaeske Hilflosigkeit „vor dem Gesetz“? Ist das „politisch korrektes“ Verhalten? Ist das GKV-Kostenminimierung oder ein immanenter Systemzynismus der GKV?

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