ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2015Qualität im Krankenhaus: Klinik-Check auch im TV

THEMEN DER ZEIT

Qualität im Krankenhaus: Klinik-Check auch im TV

Tuffs, Annette

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Zwei Fernsehsender nehmen die Versorgungsqualität von Krankenhäusern unter die Lupe. Bei Zuschauern kommen die Angebote an; Kliniken und Landespolitik kritisieren Aufwand und Aussagekraft.

Dreharbeiten im Klinikum Kassel: Moderatorin Anne Brüning vom HR lässt sich im OP den Beatmungsapparat erklären. Foto: hr fernsehen
Dreharbeiten im Klinikum Kassel: Moderatorin Anne Brüning vom HR lässt sich im OP den Beatmungsapparat erklären. Foto: hr fernsehen

Mehr Qualität und Transparenz fordert Ge­sund­heits­mi­nis­ter Hermann Gröhe von den Krankenhäusern. Nun hat er unverhofft Unterstützung von zwei öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern bekommen. Im Herbst 2014 nahm der Hessische Rundfunk (HR) beim „Klinik-Check Hessen“ die Qualität der fünf größten Kliniken im Lande unter die Lupe. Jetzt legte der Südwestrundfunks (SWR) mit einem „Klinik-Check Südwesten“ nach und sendete am 21. Mai 2015 auf seinen Radio- und TV-Kanälen, was Redakteure zur Versorgungsqualität der Krankenhäuser in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Saarland recherchiert hatten. Bundesweit habe man 1,26 Millionen Zuschauer und 6,4 Millionen Hörer erreicht, verkündete der SWR stolz.

Anzeige

Was bringt die journalistische Überprüfung der Versorgungsqualität dem Patienten? „Eine verständliche Einordnung und eine unabhängige Betrachtung“, sagt der Arzt und SWR-Journalist Patrick Hünerfeld, der das Projekt „Klinik-Check SWR“ leitet. Den etablierten Krankenhaus-Internetportalen der Krankenkasse und der Weißen Liste der Bertelsmann-Stiftung wolle man keine Konkurrenz machen, hält sie aber für unübersichtlich und nur bedingt nutzbar.

Keine Benotung und kein Klinik-Ranking

Schon gar nicht sei man an Benotungen und einem Klinik-Ranking interessiert, wie sie vom Magazin FOCUS publiziert werden. Der SWR beurteilt – im Gegensatz zu FOCUS und HR – nicht ganze Kliniken, sondern Versorgungsbereiche wie die Notfallmedizin, unter anderem bei Herzinfarkt und Schlaganfall, die mehr als 40 Prozent des Krankenhausbetriebs ausmacht.

Auf ein eigenes Internetportal mit seiner Datenanalyse wollte der SWR indes nicht verzichten, hatte er doch in erheblichem Maße Rundfunkgebühren dafür investiert, die Schwachpunkte der Krankenversorgung im Südwesten aufzudecken: In einem beispiellosen Mammutprojekt des Datenjournalismus waren sieben Vollzeitkräfte und weitere SWR-Mitarbeiter in Teilzeit ein Jahr lang – unterstützt von Heidelberger Uniklinik-Statistikern – damit beschäftigt, Klinikdaten zu sammeln, auszuwerten und aufzubereiten. Grundlage waren die Qualitätsberichte und Abrechnungsdaten der Kliniken, Landeskrankenhauspläne, Gesundheits- und Bevölkerungsdaten sowie Todesursachenstatistiken. Dazu kamen Befragungen von Ministerien und Ämtern und – vor allem – Daten aus einem umfangreichen SWR-eigenen Fragebogen, den rund 88 Prozent der Kliniken beantworteten.

www.swr.de/klinikcheck: Die Website des SWR gibt unter anderem einen Überblick über die Sendungen mit den Schwerpunktthemen. Foto: SWR
www.swr.de/klinikcheck: Die Website des SWR gibt unter anderem einen Überblick über die Sendungen mit den Schwerpunktthemen. Foto: SWR

Welchen Mehrwert hat der journalistische Ansatz? Das Portal ist visuell ansprechend und nicht mit Zahlen überfrachtet. Den Einstieg erleichtern Piktogramme; Erkrankungen und Statistiken werden anschaulich erläutert. Jede der gecheckten 230 Kliniken hat einen Steckbrief, der auch auf ihrer Selbstdarstellung beruht. Der Nutzer soll sich anhand ausgewählter Parameter ein Urteil über die Qualität bilden: Welche Geräte stehen für die Notfalldiagnostik zur Verfügung? Gibt es eine Stroke und eine Chest Pain Unit? Wie viele Patienten werden im Jahr versorgt? Wo wird überdurchschnittlich häufig operiert? Dazu wird jeweils indikationsbezogen die Sterblichkeit im Landkreis angezeigt, mit Hinweis auf die Abhängigkeit der Ergebnisse von der Reaktion der Patienten und der Transportzeit ins Krankenhaus. Und man erfährt, ob eine Klinik rote oder schwarze Zahlen schreibt.

Zu finden sind unter www.swr.de/klinikcheck auch die zahlreichen Geschichten zum Hören und Anschauen, die der SWR am 21. Mai gesendet hat: Warum sterben so viele Patienten im Hunsrück und im Westerwald an Herzinfarkt und am Schlaganfall im hohen Schwarzwald? Wie sieht es mit den Finanzen, den Personalressourcen und der Hygiene in den Kliniken aus? Wo es laut Datenanalyse besonders schlecht oder besonders gut lief, hatten die Reporter nachgefasst und berichtet.

Fast überall der Fokus aufs Geld gerichtet

Den drei Bundesländern Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und das Saarland wurde im Bundesvergleich eine gute Versorgungsqualität bescheinigt, allerdings mit Abstrichen in einigen Regionen. Was war der gravierendste Notstand, auf den die SWR-Reporter gestoßen sind? Projektleiter Patrick Hünerfeld: „Das Schlimmste war, dass zwar alle viel vom Wohl des Patienten reden, sich aber letztlich fast alles nur noch ums Geld dreht.“ Der Fokus auf die Ökonomie hat seinen Grund: Fast überall fehlt Geld für dringend notwendige Investitionen und qualifiziertes Personal, das ohnehin immer rarer wird. Rund 40 Prozent der Kliniken kämpfen mit ihrem Defizit; mehr als die Hälfte beklagt einen Personalnotstand.

Neben dem Lob für die umfassende Darstellung ihrer Misere gab es auch Kritik von den Kliniken: Die Beantwortung des SWR-Fragebogens wurde wegen des hohen Arbeitsaufwands als fast unzumutbar empfunden. Hauptkritikpunkt waren jedoch bei allen Beteiligten die mangelnde Zuverlässigkeit, Genauigkeit und Aussagekraft der Daten. Die
baden-württembergische Krankenhausgesellschaft sah hier grundsätzliche Probleme und wies darauf hin, dass bislang nach allgemeinen Konsens aussagefähige „harte“ Indikatoren für valide Aussagen zur Qualität von Gesundheitsleistungen fehlten. 

Die Kliniken beschwerten sich über Fehler und Missverständnisse bei der Erfassung, Übertragung und Interpretation der Daten durch den SWR. Die SWR-Recherche wiederum förderte mit seiner Datenanalyse zutage, dass die Qualität der Qualitätsberichte zu wünschen übrig lässt: „Die Krankenhäuser haben mitunter sehr unterschiedliche Kodiergewohnheiten oder kodieren auch mal schlicht falsch“, so Patrick Hünerfeld. Man habe den Eindruck gewonnen, dass am Ende niemand mehr kontrolliere, ob die Daten in den Internetportalen auch tatsächlich stimmen.

Welche politische Brisanz darin steckt, zeigte der Fall einer Klinik im Ortenau-Kreis, die nach SWR-Analyse den bundesweiten Rekord für Bandscheiben-Operationen mit rund fast 1 500 Eingriffen pro Jahr hält. Der Orthopäde sah sich jedoch zu Unrecht als „Bandscheiben-Wüterich“ verunglimpft. Was sagt der Qualitätsbericht der Klinik? Bei einem Besuch des Fernsehteams in der Klinik stellte sich heraus, dass darin zehnmal so viele Operationen aufgeführt sind, wie tatsächlich stattgefunden haben, nämlich rund 150 Bandscheiben OPs pro Jahr. Denn: Es wurde zu genau kodiert, jedoch ohne zusätzlichen Profit. Der Fehler einer zehnfachen OP-Frequenz landete im Qualitätsbericht, setzte sich in den Klinikbewertungsportalen fort und war von der Klinik erst nach dem Hinweis des SWR bemerkt worden.

Wenn sich Kodierfehler fortpflanzen

Die SWR-Redaktion rechnete daraufhin nach und stellte fest, dass aufgrund derartiger Kodierfehler die Gesamtzahl von bundesweit 15,8 Millionen Operationen 2013, die das Statistische Bundesamt, die Krankenkassen und die Politik verbreiten, nicht stimme und es tatsächlich höchstens 13,8 Millionen Eingriffe seien. Dieser Diskrepanz wolle man weiter journalistisch nachgehen.

Die Kliniken – ein weiteres Ergebnis der SWR-Recherche – fühlen sich von den Ländern alleine-gelassen. Die Reaktion aus den Ländergesundheitsministerien auf den Klinik-Check war entsprechend verhalten. Man wies auf die Qualitätsanstrengungen und die Finanzmittel hin, die zur Verfügung gestellt würden.

Ge­sund­heits­mi­nis­ter Gröhe sekundierte indes die öffentlich-rechtliche Qualitätsoffensive und lieferte nicht nur ein langes Radiointerview ab, sondern meldete sich auch per Twitter zu Wort: „Patienten müssen sich auf gute Versorgung im Krankenhaus verlassen können. Wenn es Anhaltspunkte für schlechte Qualität gibt, bin ich für unangemeldete Kontrollen.“

Und was sagt das neue Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen, das den gesetzlichen Auftrag hat, die Qualitätsprüfung von Kliniken vorzubereiten? Nichts – verständlicherweise. Man stecke noch mitten im Aufbau. „Zur publizierbaren Wertung der Aktivitäten des SWR und HR würde eine gründliche Recherche der methodischen und praktischen Vorgehensweise gehören“, so Dr. Christof Veit, Leiter des IQTIG. Gerne werde man sich zu einem späteren Zeitpunkt damit befassen.

Das Versprechen wird er wohl einlösen müssen, denn SWR und HR wollen nicht lockerlassen und setzen weiterhin auf das Thema Klinikqualität. Erst ein kleiner Teil der erhobenen Daten sei journalistisch ausgewertet, so der SWR. Man wolle sich nun so heiklen Themen wie der umstrittenen Zielvereinbarung zu OP-Zahlen in Chefarztverträgen widmen.

Auch der HR fühlt sich durch den Erfolg seiner ersten Staffel bestätigt. Rund 167 000 Zuschauer hätten einen Beitrag im Durchschnitt verfolgt. Nachdem man die fünf größten Kliniken mit Hilfe von Experten aus dem Gesundheitsbereich auf ihre Infrastruktur, Pflege, Essen, Hygiene und Medizinische Kompetenz geprüft hat, sind nun einzelne große Volkserkrankungen wie die Hüftarthrose und die Koronare Herzerkrankung im Visier der hessischen Fernsehmacher.

Dr. med. Annette Tuffs

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote