ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2015Trendforschung: Patient oder Kunde

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Trendforschung: Patient oder Kunde

Dtsch Arztebl 2015; 112(29-30): A-1257

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Ob wir es wollen oder nicht: Die Zeit läuft. Und die Zukunft kann man nicht aufhalten.

Das scheint banal, muss aber die Aufmerksamkeit der Heilberufe wecken, sobald man es mit einer Trendstudie über „Personalisierte Medizin der Zukunft“ verknüpft (siehe Seite 1280). Die Deutsche Apotheker- und Ärztebank hat in Kooperation mit der Trendforschungs-Schmiede „2b Ahead“ im Rahmen einer Delphi-Studie Expertisen aus dem Fach, aber auch aus assoziierten Branchen abgefragt und diese zum spezifischen Zukunftsbild für die Heilberufe verdichtet.

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Das Ergebnis macht nachdenklich. Nicht die einzelnen Erkenntnisse, wie der Nutzen von „Big Data“, die wachsende Verliebtheit eines Teils der Menschen in idealiter vollkommene Gesundheit oder auch der Wunsch nach dem Gesundheits-Coach als ständigem Begleiter (wenn auch nur in technischer Form als „wearable“), all das sind keine großen Unbekannten mehr. Nachdenklich stimmt eher die Kombination der daraus resultierenden Möglichkeiten und mutmaßlichen Veränderungen dessen, was wir heute als Gesundheitswesen kennen.

Was dabei stutzig macht: Es gilt immer mehr als gesetzt, dass für die Gesundheit der Menschen nicht nur der Arzt und sein Patient im Vertrauensverhältnis zueinander zuständig sind. Mehr denn je diffundieren rein ökonomisch motivierte Dienstleister und Serviceanbieter das „System Gesundheitswesen“.

Andererseits tut es den meisten Ärzten in der Seele weh, wenn man ihre Patienten zu Kunden macht. Berufsethisch ist das ein Unding, weil Krankheit und nicht freier Wille Auslöser für das Verhältnis zwischen Arzt und Patient ist. Kaufmännisch gesehen wird der Mensch erst im Falle potenzieller Kaufabsicht zum Kunden. Aber ist das die Position, die man dem Patienten zuschreibt, wenn etwa eine Operation ansteht?

Aus dieser Warte muss es aus Patientensicht schon bei dem bleiben ,was der verstorbene ehemalige Bundes­ärzte­kammerpräsident Prof. Dr. med. Jörg Dietrich Hoppe überdeutlich gesagt hat: „Ärzte sind keine Kaufleute und Patienten keine Kunden.“

Dumm nur, dass die wachsenden medizinischen und technischen Kenntnisse und Möglichkeiten heute Chancen vorhalten, die einen die Grenzen zwischen Heilung von Krankheit, gesundheitsbewusster Lebensweise sowie angebotenen Dienstleistungen zur Prävention nur noch sehr schwer voneinander trennen lässt.

Wer wissenschaftlich verschiedene Stufen der Prävention akzeptiert, wer schon aus gesellschaftlichen Gründen keine klaren Grenzen zwischen „gesund“ und „krank“ ziehen kann oder will, muss wohl akzeptieren, dass ein Teil des Patienten ganz bewusst zum Kunden wird. Wo die Grenzen des ärztlichen Tuns liegen, wird immer wieder neu diskutiert, mit unterschiedlichen Konsequenzen, jeweils abhängig vom Zeitgeist und gesellschaftlicher Grundhaltung.

Insofern ist das, was die Trendforscher der Ärzteschaft ausmalen, sicher kein Grund zum Jubeln. Aber es ist Grund, sich mit der Entwicklung auseinanderzusetzen. Es gilt die Dinge möglichst mit zu lenken, mit ihnen umzugehen, solange erhalten bleiben soll, was das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient ausmacht.

„Primum nihil nocere“ bedeutet auch, sich gegenüber Dritten schützend für die Patientengesundheit einzusetzen. Das darf der Arzt – ganz im Sinne Prof. Hoppes – nicht Kaufleuten überlassen.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Sonntag, 16. August 2015, 20:07

Ein sehr guter Seite 1 eins Kommentar vom DÄ-Chefredakteur

Um die Frage auf die Spitze zu treiben: Sind Ärzte nun Experten für Krankheit oder Gesundheit? Müssen Sie wirklich jedem Trend hinterher rennen, ihre Patientinnen oder Patienten fortan "Kunden" nennen?

Ersticken wir nicht gelegentlich an unserem eigenen Omnipotenz Anspruch, für alles und nichts verantwortlich zu sein? Versorgungsamts- und Versicherungsgutachten, Psychotherapeutie-Erfordernisse, Preiskalkulation der Pharma Industrie, off-label, on-label, zugelassene Heil- und Hilfsmittelverordnungen, unverzügliche Leichenschau, "sick building syndrome", wirtschaftliche Verordnungen etc. pp?

Ich habe manchmal den Eindruck, vielen Kolleginnen und Kollegen sind die etwa 30.000 Krankheits-Entitäten, die beim DIMDI gelistet werden, einfach zu viel und eher lästige Begleiterscheinungen. Sie wollen sich lukrativeren Aufgaben als den Regelleistungen und ihren minimalen Umsatz-Vergütungen zuwenden.

Die Mühsal der rationalen Stufen- und Differenzialdiagnostik, die Verantwortung für das eigene Handeln, Unterlassen und auch in die Irre geleitet werden, die therapeutischen Entscheidungen tragen und Konsequenzen auszuhalten, wollen viele gar nicht mehr akzeptieren.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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