ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2015Berufliche Reintegration: Mehr Platz für kranke Menschen

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Berufliche Reintegration: Mehr Platz für kranke Menschen

Kuhn, Joseph

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In den 1990er Jahren war es fast schon eine ausgemachte Sache: Das Ende der Arbeitsgesellschaft. Angesichts der Massenarbeitslosigkeit waren sich viele Sozialwissenschaftler einig, dass der technische Fortschritt das Arbeitsvolumen unaufhaltsam reduzieren wird und man sich daher Gedanken über eine Zukunft ohne Arbeit machen müsse. Im März 2015 waren 42,5 Millionen Menschen in Deutschland erwerbstätig, so viele wie nie zuvor. Inzwischen werden andere Menetekel an die Wand geschrieben: Der alternden Arbeitsgesellschaft gehen die Beschäftigten aus, und die, die es noch gibt, müssen immer mehr Rentner finanzieren. Daher sei es nötig, mehr für die Gesundheit der Beschäftigten zu tun, damit sie möglichst lange arbeitsfähig sind.

Ob der demografische Wandel wirklich eine Krise der Arbeitsgesellschaft nach sich ziehen wird, wird die Zukunft zeigen. Unstrittig ist jedenfalls, dass man gut daran tut, sorgsamer als bisher mit der Gesundheit der Beschäftigten umzugehen und dabei auch mehr darauf zu achten, denjenigen, die krank geworden sind, den Weg zurück in die Arbeit möglichst leicht zu machen. Ältere Beschäftigte sind statistisch gesehen auch kränkere Beschäftigte. Schon heute leidet etwa ein Viertel der Beschäftigten an chronischen Erkrankungen. Sollen sie dem Arbeitsmarkt nicht verloren gehen, gilt es, das System der beruflichen Reintegration in Deutschland umzubauen und effizienter zu machen.

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Darum geht es in dem Buch „Return to Work“, das auf gut 800 Seiten Beiträge von mehr als 80 Autoren versammelt. Man erfährt, wie das institutionelle System der beruflichen Rehabilitation und das betriebliche Eingliederungsmanagement funktioniert, dass insbesondere das Zusammenspiel zwischen allgemeiner Gesundheitsversorgung und beruflichen Erfordernissen dabei nicht gut funktioniert, welche rechtlichen Regelungen gelten, welche medizinischen Aspekte eine Rolle spielen und was man aus Beispielen guter Praxis lernen kann. Sehr informativ ist auch das Kapitel mit der Darstellung rehabilitativer Fragen bei einzelnen Krankheitsbildern, etwa Krebs, Diabetes, Herzkrankheiten, Suchterkrankungen, psychischen Störungen oder COPD.

Ein Thema vermisst man allerdings trotz der Fülle der Informationen, die das Buch bereithält: Eigenartigerweise kommt der zweite große demografische Trend neben der Alterung der Belegschaften, nämlich die steigende Zahl von Beschäftigten mit Migrationshintergrund, kaum zur Sprache, obwohl Konzepte des „occupational care“, der Hilfe zur Rückkehr an den Arbeitsplatz nach Krankheit, vermutlich hier oft mit besonderen Schwierigkeiten konfrontiert sein dürften.

Das Buch ist, wie die Herausgeber schreiben, ein Reader zum Querlesen, für betriebliche Praktiker, die wissen wollen, „wie es geht“, ebenso wie für Wissenschaftler und Studierende. Wir brauchen eine Arbeitswelt, in der auch für kranke Menschen Platz ist. Dieses Buch zeigt, wie man dahinkommt; ein lesenswertes Buch. Joseph Kuhn

Andreas Weber, Ludger Peschkes, Wout de Boer (Hrsg.): Return to Work – Arbeit für alle. Gentner, Stuttgart 2015, 872 Seiten, gebunden, 89 Euro

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