ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2015Hirnforschung: Problematisch
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Unter dem Stichwort „Hirnforschung“ berichtet das DÄ „Pädophile werden nicht zwangsläufig Täter“. Neue Ergebnisse des NeMUP-Forschungsverbunds würden darauf hinweisen, dass pädophile Männer, die zum Täter werden, „charakteristische neurobiologische Veränderungen aufweisen“. Soll das heißen, dass bestimmte Veranlagungen verantwortlich für etwaigen Kindesmissbrauch sind? Was bedeutet das für dessen gesellschaftliche und auch strafrechtliche Be- und Verurteilung? Werden dann nicht die Täter auch zu Opfern? Stellen sich diese Fragen nicht zwangsläufig, wenn sich die „Erkenntnisse“ des Forschungsverbunds bewahrheiten sollten.

Wie sicher sind aber diese „Erkenntnisse“? Sucht man eine Bestätigung in Wissenschaftlern zugänglichen Quellen, findet man hierfür keine hinreichenden Belege. Insbesondere fehlen überprüfbare Details und eine unabhängige Beurteilung, zum Beispiel durch eine Publikation in einer hochrangigen Zeitschrift mit interdisziplinärem Peer-review-Verfahren. Oder genügt es dem DÄ, dass der Studien-Initiator Prof. Beier seine vorherige „Forschungsarbeit bestätigen“ konnte? Sollte gerade das nicht zur Vorsicht mahnen? Und kann man sich wirklich vorstellen, dass Prof. Beier die möglicherweise resultierende Verschiebung der Täter-Opfer-Relation und ihre Auswirkungen auf die wirklichen Opfer – die missbrauchten Kinder – nicht mitbedacht hat? Ausgerechnet in der Charité, von wo man doch einen direkten Blick auf die Problematik haben müsste – nach den Vorfällen im Canisius-Kolleg oder im Umfeld der Berliner Grünen. Erst kürzlich wurde bekannt, dass dort systematischer Kindesmissbrauch bis in die 90er Jahre betrieben wurde: Die FAZ berichtete von bis zu 1 000 missbrauchten Jungen.

Insofern bleibt die Berichterstattung des DÄ nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht problematisch, sondern auch aus der Perspektive des Kinderschutzes. Gefordert werden müsste zunächst eine umfassende interdisziplinäre Diskussion dieser „Erkenntnisse“ – nicht nur mit Sexual- und Neurowissenschaftlern, sondern auch mit Rechtswissenschaftlern, Vertretern der Kinder- und Jugendmedizin sowie mit Betroffenen. Damit die wirklichen Opfer, die missbrauchten Kinder, nicht wieder vergessen werden.

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Prof Dr. rer. nat. Dr. med. Clemens F. Hess,
Universitätsmedizin Göttingen, 37075 Göttingen

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