ArchivDeutsches Ärzteblatt22/1996Fachärzte: psychisch angeschlagen?

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Fachärzte: psychisch angeschlagen?

bt

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LNSLNS Es ist fast so wie im Fernsehen: Unter den Ärzten sind die Chirurgen die Strahlemänner . . . Eine britische Forschergruppe hat den psychischen Zustand von Mitgliedern vierer Facharztgruppen mit einem umfangreichen Fragebogen ermittelt: Gastroenterologen, Chirurgen, Radiologen und Onkologen (dabei ist zu berücksichtigen, daß im Vereinigten Königreich Fachärzte fast durchweg, im Krankenhaus angestellt, stationär und ambulant tätig sind). Von 882 befragten "Consultants" zeigten 27 Prozent Symptome, wegen derer sie nach einer im angelsächsischen Sprachraum anerkannten Skala als psychisch krank angesehen werden müssen. Bei den Radiologen und den Onkologen waren es jeweils 29 Prozent, bei den Chirurgen nur 22 Prozent; die Gastroenterologen lagen mit 26 Prozent dazwischen. Emotionale Erschöpfung, menschliche Gleichgültigkeit und das Gefühl, in der beruflichen Tätigkeit wenig erreicht zu haben, waren bei zwischen 27 und 49 Prozent der Befragten zu erkennen – auch hier waren die Chirurgen am wenigsten, die Radiologen am meisten betroffen. Die Chirurgen verzeichneten allerdings mit 63 Prozent den höchsten Streß durch Überlastung, die Radiologen lagen hier mit 51 Prozent am niedrigsten. Sie klagen hingegen am meisten über schlechtes Management und unzureichende Ausstattung. Auch in der beruflichen Zufriedenheit liegen die Chirurgen an der Spitze, die Radiologen am Ende.
Die Autoren versuchen vorsichtig, Erklärungen für diese Unterschiede zu finden: Der Chirurg sieht am deutlichsten den Erfolg seiner Arbeit, der Radiologe hingegen kann nur auf Anordnung von Kollegen tätig werden, und die sind häufig auch noch unzufrieden mit ihm, weil er seine Aufnahmen nicht immer in der gewünschten Schnelligkeit abliefern kann. Wenn man die verschiedenen Ergebnisse miteinander in Beziehung setzt, dann zeigt sich, daß berufliche Befriedigung der beste Schutz gegen psychische Streßfolgen ist. Diese Befriedigung aber hängt stark davon ab, wie weit man über seine Tätigkeit selbst bestimmen kann – und dies trifft für die Chirurgie besonders zu. Die Autoren hatten allerdings auch einen politischen Hintergedanken: Sie warnen davor, den Fachärzten im britischen Gesundheitsdienst durch Reformen im System (wegen besserer Wirtschaftlichkeit zum Beispiel) noch mehr Streß aufzuladen – schon in der Einleitung wird ein zwei Jahre zurückliegendes Editorial derselben Zeitschrift zitiert, in dem es hieß, daß "Reformen im Gesundheitsdienst . . . den Streß für die Ärzte erhöhen und ihre Berufszufriedenheit mindern" könnten. bt


Ramirez AJ, Graham J, Richards MA, Cull A, Gregory WM: Mental health of hospital consultants: the effects of stress and satisfaction at work. Lancet 1996; 347: 724–728
Dr AJ Ramirez, Clinical Oncology Unit, Guy’s Hospital, St Thomas Street, London SE1 9RT, Großbritannien

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