ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2015Pflegebedürftige: Ohne praktische Lösungen
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Zunächst Dank dafür, dass das wichtige Thema der Versorgung von Pflegebedürftigen in einem Editorial besprochen wird. Es finden sich aber leider einige verschleiernde und beschönigende Begriffe und logische Denkfehler, die dem Thema nicht ganz gerecht werden. Es geht hier gerade eben nicht um eine fantastische „Quadratur des Kreises“, sondern um die möglichst realistische Wahrnehmung eines sehr ernsten Themas. Viele ältere Menschen haben berechtigte Sorgen, wenn eine Pflegeheimversorgung ansteht. Die Zustände in den Heimen sind teilweise unwürdig, und zwar genauso die Pflege der Bewohner, wie die Ausbeutung der Altenpflegerinnen.

Statt eine verbesserte Ausstattung und Bezahlung des Pflegebereichs zu fordern, hat die Autorin schon vorher die Schere im Kopf. Sie fordert, „den Mangel an pflegenden Menschen durch Innovation und Qualität der Versorgung auszugleichen“. Es ist in Wirklichkeit genau umgekehrt, Qualität und Innovation gehen zunehmend verloren in einer personell immer weiter ausgezehrten Branche, in der den Hausärzten und den Pflegenden keine ausreichende Zeit für den Einzelnen mehr bleibt. Gute Pflege hängt zuallererst von ausreichendem Personal und dessen Zeit ab . . . Zitiert wird der Vorstand der KBV, Frau Dipl.-Med. Feldmann . . . Diese betone: „Die Problematik . . . ist nicht . . . mit mehr Pflegeheimen zu lösen. Wir müssen an einem Strang ziehen.“ Dieser Aufruf zur Einigkeit als Lösungsvorschlag in einem Mangelsystem enthält jedoch implizit eine wohlfeile Aufforderung zu noch intensiverer Selbstausbeutung der Ärzte und der Pflegenden. Eine wahrhaftige Lösung läge entweder in verbesserten Arbeitsbedingungen der Pflegenden oder in einer Priorisierung. Letztere sollte allerdings in einem reichen Land wie Deutschland nicht notwendig sein, ist aber unausgesprochen bereits alltäglich.

Eine weitere märchenhafte Lösung wird in der Telemedizin und Telecare gesehen, eine Pseudo-Lösung, denn bereits heute gibt es das Mittel des Telefons oder weiterer überall verfügbarer Bild-, Film- und Tonübertragungen. Fernberatungen und Konferenzen könnten bereits heute durchgeführt werden, wenn sie denn nur gewollt und übrigens auch finanziert würden. Niemand würde die KBV ernsthaft daran hindern, eine telefonische Beratung endlich ins Vergütungssystem zu integrieren. Ich berate interessierte Hausärzte in meinem Spezialgebiet gratis, die mir immerhin per Fax und Telefon ausreichende Informationen zukommen lassen.

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Ein weiterer Gedankenflug statt realistisches Konzept ist, „dem Eintritt von Gesundheits- und Funktionseinbußen sowie von Pflegebedürftigkeit vorzubeugen“, eine schon fast witzige Formel angesichts einer gerade wegen der immer besseren Gesundheit zunehmenden Zahl von Demenzpflegebedürftigen.

Wird Unmögliches vielleicht durch eine noch bessere Ausbildung möglich? Die Ausbildung von Menschen in Arzt- und Pflegeberufen ist natürlich immer noch weiter zu verbessern, aber auch sie ist kein Allheilmittel für alles, auch „Ausbildung“ ist limitiert, und sie kostet Zeit, ein Faktor, der implizit in Ihrer Argumentationskette gerade eingespart werden soll.

Brisante Aspekte, etwa eine notwendige Umverteilung von Ressourcen im Gesundheitssystem, zum Beispiel bessere Entgelte für Beratung und Pflege, gerne auch für Aus- und Weiterbildung statt für Spritzen, MRTs und Laboruntersuchungen, werden nicht einmal erwähnt. Diese Tagung über die Versorgung von Pflegebedürftigen fand offenbar ganz ohne die Pflegeberufe statt, ein seltsames Versäumnis. Das Thema ist aus meiner Sicht für die Zukunft der allermeisten Menschen in unserem Land immens wichtig, doch die Tagung scheint mir ohne praktische Lösungen zu Ende gegangen zu sein.

Dr. med. Christian Schulz-Du Bois, Abteilung für Gerontopsychiatrie, Psychogeriatrie und Psychotherapie,
HELIOS Klinikum Schleswig, 24837 Schleswig

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