ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2015Weltgesundheits­organisation: Schlechtes Zeugnis

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Weltgesundheits­organisation: Schlechtes Zeugnis

Dtsch Arztebl 2015; 112(31-32): A-1307 / B-1095 / C-1067

Korzilius, Heike

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Heike Korzilius, Politische Redaktion
Heike Korzilius, Politische Redaktion

Das vergangene Jahr war kein gutes für die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO). Für ihr Krisenmanagement während der verheerenden Ebolaepidemie in Westafrika hat die Sonderorganisation der Vereinten Nationen heftige Kritik einstecken müssen. Und das zu Recht. Frühe Warnungen der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen wurden als Alarmismus abgetan. Es dauerte fast ein halbes Jahr, bis man auch bei der WHO den Ernst der Lage erkannte und den globalen Gesundheitsnotstand ausrief. Erst danach lief die internationale Hilfe richtig an.

Jetzt hat eine unabhängige Expertenkommission einen Bericht vorgelegt, der die Versäumnisse im Umgang mit dem bislang schwersten Ebolaausbruch mit 11 268 Toten (Stand: 21. Juli) auflistet und Empfehlungen für grundlegende Reformen ausspricht. Denn diese sind nach Ansicht der Experten unverzichtbar, wenn die WHO ihrer Führungsrolle in Sachen globaler öffentlicher Gesundheit künftig gerecht werden will. Zurzeit, so das strenge Urteil, sei die Organisation jedenfalls nicht in der Lage, mit internationalen Gesundheitskatastrophen angemessen umzugehen.

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Das liegt aber nur zum Teil an schwerfälligen und unübersichtlichen Organisationsstrukturen. Die WHO ist chronisch unterfinanziert und kann nur über einen Teil ihres Budgets frei verfügen. Dafür sind die 194 Mitgliedstaaten der Organisation verantwortlich. Sie lehnen seit Jahren in schöner Regelmäßigkeit jede Erhöhung ihrer ordentlichen Mitgliedsbeiträge ab, die inzwischen ohnehin weniger als 25 Prozent des Budgets von gut zwei Milliarden US-Dollar jährlich ausmachen. Der Rest der Mittel setzt sich aus freiwilligen Beiträgen zusammen, von denen der Großteil zweckgebunden eingesetzt werden muss. Zwar stammt das meiste Geld dem WHO-Finanzbericht zufolge von den Mitgliedstaaten. Unter den zehn Topgeldgebern steht die Bill und Melinda Gates Stiftung jedoch an zweiter Stelle, gleich hinter den USA. Kritiker werfen der WHO deshalb eine zunehmende Abhängigkeit von den Interessen privater Geldgeber vor.

Auch die Expertenkommission bemängelt, dass die Politik der Nullrunden bei den ordentlichen Beiträgen die Finanzbasis der WHO gefährlich ausgehöhlt hat. Sie empfiehlt deshalb den Mitgliedstaaten eine Beitragssteigerung von fünf Prozent sowie die Schaffung eines eigenen Fonds für Kriseninterventionen. Flankierend solle die Staatengemeinschaft umgehend damit beginnen, eine Sicherheitsreserve für solche Fälle anzulegen. Ziel müsse ein Kapitalstock von 100 Millionen US-Dollar sein, gespeist aus freiwilligen Beiträgen. Außerdem solle die WHO ein eigenes Zentrum für Katastrophenhilfe etablieren und sich besser mit anderen Akteuren der humanitären Hilfe koordinieren.

Die WHO hat sich bereits im Jahr 2011 ein umfassendes Reformprogramm verordnet, das allerdings nur langsam vorankommt. Doch wer soll die Verantwortung für die globale Gesundheit übernehmen, wenn nicht eine Organisation, die die internationale Staatengemeinschaft genau zu diesem Zweck geschaffen hat? Es genügt nicht, ständig über die Ineffizienz der WHO zu klagen, wenn man ihr zugleich die finanziellen Mittel vorenthält, die sie benötigt, um effizient zu arbeiten. Um die UN-Organisation wieder handlungsfähig zu machen, braucht es neben Geld den politischen Willen der Mitgliedstaaten. Hier ist auch die Bundesregierung als immerhin fünftgrößter Geldgeber gefragt.

Heike Korzilius
Politische Redaktion

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