ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2015Flugsicherheit: Tauglichkeit der Piloten im Fokus

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Flugsicherheit: Tauglichkeit der Piloten im Fokus

Dtsch Arztebl 2015; 112(31-32): A-1314 / B-1102 / C-1074

Korzilius, Heike

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Seit dem Absturz von Germanwings-Flug 9525 Ende März steht die Flugsicherheit auf dem Prüfstand. Experten haben jetzt Empfehlungen vorgelegt, die in erster Linie auf Verbesserungen bei den flugmedizinischen Untersuchungen zielen.

Foto: picture alliance
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Am 24. März lenkte der psychisch kranke Co-Pilot Andreas Lubitz einen Airbus der Fluggesellschaft Germanwings offenbar gezielt gegen einen Berg in den französischen Alpen. 150 Menschen starben. Seither reißen die Diskussionen um mögliche Sicherheitslücken nicht ab.

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Jetzt hat die Europäische Kommission den Bericht einer Task Force unter Leitung der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) zum Absturz von Germanwings-Flug 9525 veröffentlicht. Die Expertengruppe, der 14 Vertreter von Fluggesellschaften, Flugpersonalvereinigungen und Behörden sowie medizinische Berater angehören, war im Mai auf Ersuchen der für Verkehr zuständigen EU-Kommissarin Violeta Bulc mit dem Ziel eingerichtet worden, mögliche Lücken in der Luftverkehrssicherheit aufzudecken. Die EU-Kommission kündigte an, die Vorschläge eingehend zu prüfen, bevor sie über weitere Schritte entscheide.

In erster Linie zielen die Empfehlungen der Arbeitsgruppe darauf ab, die Besatzung eines Flugzeuges besser auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen und effektivere Kontrollen einzuführen. Zwar sei die Zahl der Flugunfälle aufgrund gesundheitlicher Probleme von Piloten klein, erklärt die EASA in ihrem Bericht, die Folgen seien jedoch katastrophal. Zwischen 1980 und 2011 haben sich dem Bericht zufolge 31 Flugunfälle ereignet, denen eine medizinische Ursache zugrunde lag. 20 dieser Unfälle waren auf eine psychische Erkrankung zurückzuführen, bei einem Großteil davon (60 Prozent) waren Drogen oder Alkohol im Spiel.

Tests auf Alkohol und Drogen

Die Experten der Task Force empfehlen deshalb, Piloten einer psychologischen Beurteilung zu unterziehen, bevor sie den Dienst bei einer Fluggesellschaft aufnehmen sowie stichprobenmäßig Drogen- und Alkoholkontrollen durchzuführen. Zurzeit sei es so, dass bei der psychologischen Untersuchung – so sie überhaupt stattfinde – kognitive und Leistungsaspekte im Vordergrund stünden. Geprüft würden Fähigkeiten wie Multitasking, Koordination, Konzentration, Erinnerungsvermögen, Reaktionszeiten und Stresstoleranz. Deshalb, so die Task Force, müsse die persönlichkeitspsychologische Komponente der Untersuchungen gestärkt werden – und zwar nicht nur zu Beginn der Pilotenlaufbahn, sondern auch bei den regelmäßigen Untersuchungen auf Flugtauglichkeit. Die flugmedizinischen Sachverständigen (Fliegerärzte) müssten entsprechend geschult werden.

Die Task Force spricht sich generell dafür aus, die flugmedizinischen Sachverständigen – auch die in den Luftaufsichtsbehörden – besser auf ihre Eignung zu überprüfen und die Qualität ihrer Arbeit regelmäßig zu evaluieren. Nach den derzeitigen Regeln müssen schwierige oder umstrittene Entscheidungen zur Flugfähigkeit von Verkehrspiloten an die Luftaufsichtsbehörde überwiesen werden. Es sei jedoch vielfach schwierig für die dortigen medizinischen Experten, ohne den nötigen klinischen Hintergrund über die Tauglichkeit von Piloten zu befinden, die zwar unter Gesundheitsproblemen litten, aber die kritische Schwelle noch nicht überschritten hätten. Erschwerend komme hinzu, dass vielen flugmedizinischen Sachverständigen der regelmäßige Austausch mit Fachkollegen fehle.

Um zu verhindern, dass Piloten sensible medizinische Daten verschweigen, soll nach dem Willen der Task Force auf europäischer Ebene ein zentraler medizinischer Datenpool eingerichtet werden. Denn derzeit hätten weder die Behörden noch die Fliegerärzte Zugang zur vollständigen Krankengeschichte eines Piloten. Informationen darüber, ob und wenn ja, aus welchem Grund ihm in einem anderen EU-Mitgliedstaat eine Flugtauglichkeitsbescheinigung verweigert wurde, seien ebenfalls nicht zugänglich.

Um zu verhindern, dass gesundheitliche Probleme von Piloten zu einem Sicherheitsrisiko werden, schlägt die Task Force vor, niedrigschwellige Unterstützungsangebote zu schaffen, im Idealfall durch vertrauenswürdige Kollegen. Die Betroffenen müssten allerdings sicher sein können, dass Probleme vertraulich behandelt würden und dass in der Fluggesellschaft ein Klima herrsche, bei dem es in erster Linie darum gehe, den Piloten die Rückkehr ins Cockpit zu ermöglichen.

Der Bericht der Task Force leiste einen wertvollen Beitrag dazu, die Sicherheit für die europäischen Bürger zu erhöhen, erklärte EU-Verkehrskommissarin Bulc bei dessen Vorstellung. „Wenn Verbesserungen an den europäischen Vorschriften für Sicherheit und Gefahrenabwehr oder bei ihrer Durchführung vorgenommen werden müssen, um in Zukunft Unfälle oder sonstige Vorfälle zu vermeiden, werden wir auf EU-Ebene die erforderlichen Maßnahmen ergreifen.“

Anlaufstellen für Crews

Auch in Deutschland analysierte eine Task Force mögliche Sicherheitslücken. Die Gruppe unter Leitung des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft, die bereits Ende Juni einen Zwischenbericht veröffentlichte, kam dabei zu ähnlichen Ergebnissen wie die EASA. Sie empfiehlt beispielsweise sämtlichen Fluggesellschaften, Anlaufstellen für Crew-Mitglieder einzurichten, an die diese sich bei psychischen Problemen wenden oder über psychische Probleme von Kollegen berichten können. Außerdem sollten bei Piloten zusätzliche Laborwerte erhoben sowie regelmäßig stichprobenartig Tests auf Medikamente, Drogen und Alkohol vorgenommen werden. Auch der Zugriff von Fliegerärzten auf die Krankengeschichte von Piloten soll erleichtert werden.

Zufrieden mit den Empfehlungen zeigte sich Dr. med. Hans-Werner Teichmüller. „Unser System ist gut, aber es gibt einzelne Verbesserungsmöglichkeiten“, erklärte der Präsident des Deutschen Fliegerarztverbandes im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. Diese seien allerdings nicht dem Germanwings-Unglück geschuldet. „Es war aber sicher Anlass, das eigene System noch einmal zu hinterfragen.“ Das hat offenbar auch die Task Force so gesehen, der Teichmüller als Verbandsvertreter angehörte.

Der Fliegerarzt macht sich insbesondere für die Erhebung zusätzlicher Laborwerte stark – eine langjährige Forderung seines Verbandes. Bei der fliegerärztlichen Untersuchung sollte nach Ansicht von Teichmüller zu jedem Organsystem mindestens ein Laborwert ermittelt werden. Zurzeit werde lediglich der Hämoglobinwert bestimmt und der Urin untersucht. Das sei entschieden zu wenig. „Die meisten Fliegerärzte machen von sich aus mehr. Aber das ist kein offizieller Standard.“ Auch Alkoholmissbrauch könne man mit den derzeitigen Mitteln praktisch nicht erkennen, es sei denn, es gebe klinische Anhaltspunkte wie Zittern oder Leberhautzeichen. Deshalb müsse standardmäßig ein Langzeitwert wie zum Beispiel CDT erhoben werden, forderte Teichmüller.

Angesichts der Rufe nach mehr Kontrolle, die das Germanwings-Unglück befeuert hat, ist es dem Präsidenten des Fliegerarztverbandes wichtig, auf den Schutz medizinischer Daten und die Wahrung der ärztlichen Schweigepflicht hinzuweisen. Ansonsten drohe das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient zerstört zu werden.

Medizinische Daten schützen

„Ein Pilot muss sicher sein, dass das, was er seinem Arzt gegenüber äußert, privat bleibt.“ Ansonsten würde er gesundheitliche Probleme womöglich verschweigen und dadurch erst recht zum Sicherheitsrisiko werden. Der Einrichtung eines medizinischen Datenpools auf EU-Ebene kann Teichmüller deshalb nur dann zustimmen, wenn sichergestellt ist, dass ausschließlich flugmedizinisch qualifizierte Ärzte auf diese Daten zugreifen können. „Für mich sind Datenschutz und Schweigepflicht mit die höchsten Rechtsgüter, die es zu wahren gilt“, sagt der Fliegerarzt. Einen Fall wie den von Andreas Lubitz kann man allerdings nach Ansicht von Teichmüller auch mit noch so perfekten Untersuchungs- und Meldemethoden kaum verhindern. Eine fliegerärztliche Untersuchung stelle immer eine Momentaufnahme dar. Enorm wichtig sei deshalb die Beobachtungsgabe von Kollegen. „Allerdings scheint im Fall des Germanwings-Piloten auch von denen niemand bemerkt zu haben, in welchem Zustand er sich befand.“

Heike Korzilius

Mehr Sicherheit

Die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) richtete im Mai eine Task Force zum Absturz von Germanwings-Flug 9525 ein. Am 17. Juli veröffentlichte die Europäische Kommission deren Bericht. Er enthält sechs Empfehlungen, die dazu beitragen sollen, die Flugsicherheit zu erhöhen:

  • Der Grundsatz, dass sich jederzeit zwei Personen im Cockpit aufhalten, sollte beibehalten werden.
  • Piloten sollten vor Aufnahme des Flugdienstes bei einer Fluggesellschaft einer psychologischen Beurteilung unterzogen werden.
  • Die Fluggesellschaften sollten stichprobenartig Drogen- und Alkoholkontrollen durchführen.
  • Flugmedizinische Sachverständige (Fliegerärzte) sollten besser überprüft und evaluiert werden.
  • Es sollte ein europäischer Pool für flugmedizinische Daten eingerichtet werden.
  • Die Fluggesellschaften sollten niedrigschwellige Unterstützungsangebote für Piloten schaffen, die somatische oder psychische Probleme haben.

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