ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2015Körperspenden: Eine emotionale Begegnung

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Körperspenden: Eine emotionale Begegnung

Dtsch Arztebl 2015; 112(31-32): A-1327 / B-1114 / C-1089

Beerheide, Rebecca

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Für Studenten ist die erste Begegnung mit einem toten Menschen im Anatomiekurs eine prägende Erfahrung. Bei Gedenkfeiern für Körperspender treffen deren Angehörige und die Studenten aufeinander.

Lehre am Organ eines Verstorbenen: Im Präparierkurs, wie hier auf dem Foto im Sektionssaal der Frankfurter Uniklinik, lernen Studenten funktionelle und strukturelle Zusammenhänge. Foto: picture alliance
Lehre am Organ eines Verstorbenen: Im Präparierkurs, wie hier auf dem Foto im Sektionssaal der Frankfurter Uniklinik, lernen Studenten funktionelle und strukturelle Zusammenhänge. Foto: picture alliance

Hannah B. , Emil K., Christa M. Für jeden Namen wird eine Kerze angezündet, es erklingt ein Glockenschlag. Irgendwo rascheln Taschentücher, der kleine Klebestreifen auf der Packung knistert. Helga K., Karl R., Peter M. Jemand schnäuzt laut, ein anderer wischt eine Träne weg. An diesem kalten Freitagmorgen werden die Namen von 26 Verstorbenen bei der Gedenkfeier im Dom St. Nikolai in Greifswald von Medizinstudierenden vorgelesen. Auch für die anonymen Spender wird eine Kerze
angezündet. Die 26 Verstorbenen haben zu Lebzeiten verfügt, dass ihr Körper für die Ausbildung am Anatomischen Institut der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald zur Verfügung gestellt werden soll. Wer seinen Körper einem Anatomie-Institut spendet, kann erst bis zu drei Jahren nach dem Tod beerdigt werden. Es dauert, bis der Körper für die Lehre und Forschung vorbereitet ist. Für die Angehörigen von Körperspendern ist das oft eine schwierige Zeit – es gibt über viele Monate hinweg keinen Ort zur Trauer und keine Beerdigung.

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Gedenken am Semesterende

Gedenkfeiern und Gottesdienste, in denen die Studenten sowie Mitarbeiter der Anatomischen Institute die Körperspender ehren und eine Trauerfeier für die Angehörigen ausrichten, gibt es in vielen Universitätsstädten am Ende eines Semesters: Tübingen, Aachen, Göttingen, Lübeck, Freiburg und Frankfurt – um nur einige zu nennen. Bei diesen Feiern treffen ganz unterschiedliche Emotionen aufeinander: Für die Studenten waren diese Körper Lernobjekte – für die Angehörigen aber geliebte Menschen. Ein Spagat, der nicht ganz einfach ist.

„Neugierde, Angst, Ekel, Freude, Faszination“ – diese konträren Gefühle beschreibt Studentin Josephine Schweder aus dem vierten Semester an der Uni Greifswald. Sie und ihre Kommilitonen begegneten den Körpern der Spender in den vergangenen Semestern sehr oft im Präparierkurs. Die 21-Jährige ist Mit-Organisatorin der Gedenkfeier in Greifswald. In ihrer Rede zeigt sie sich tief bewegt von der Zeit im Präparierkurs: „Wir hatten emotionale und sehr intensive Begegnungen, die uns Demut, Erfahrung und Wissen beigebracht haben.“

Für die diesjährige Feier, die ausdrücklich nicht nach christlicher Liturgie gestaltet wurde, haben die Studenten einen Satz des französischen Autoren Antoine de Saint-Exupéry ausgewählt: „So ist das Wesentliche einer Kerze nicht das Wachs, das seine Spuren hinterlässt, sondern das Licht.“ Studentin Schweder erklärt vor den Angehörigen: „Wir kannten nur den Körper, das Wachs, wie bei einer Kerze. Sie, liebe Angehörigen, kannten das Licht des Menschen, das, was bleibt.“

Trost für Angehörige

Ein Trost, den viele Angehörige nachvollziehen können. Einige nicken verständnisvoll, wenn Studentin Schweder und Prof. Dr. med. Karlhans Endlich, Leiter des Institutes für Anatomie und Zellbiologie und Prodekan der Universitätsmedizin Greifswald, ihren Dank für die Spende und die „unersetzliche Hilfe“ aussprechen. „Ohne die Erkenntnisse der Anatomie ist keine medizinische Heilkunst möglich“, sagt Endlich vor den Angehörigen.

Nach seinen Angaben benötigt das Institut für die Ausbildung der Studenten jedes Semester 28 Leichen, ohne die kein Unterricht möglich sei. Für weitere Kurse werden ebenso Spenden benötigt, so dass in jedem Semester rund 40 Körper zum Einsatz in Lehre und Forschung in Greifswald kommen. Einige Menschen geben auch ihr Einverständnis, dass Körperteile eine Dauerspende werden dürfen: Sofern es funktioniert, werden aufwendigere Präparate erstellt, die dann fünf bis sechs Jahre verwendet werden.

Rund ein Jahr dauert es, bis eine Leiche für den Präparierkurs aufbereitet ist und die Studenten an ihr lernen können. Das Interesse an einer Spende ist groß. „Wir haben überhaupt keinen Mangel an Menschen, die ihren Köper zur Verfügung stellen“, sagt Endlich im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. Nach dem Tod kümmert sich das Institut um alle bürokratischen Angelegenheiten und übernimmt später die Bestattungskosten – mögliche Gründe für Menschen, ihren Körper für die Wissenschaft zu spenden. „Sicherlich gibt es auch immer wieder Angehörige, die den letzten Willen nicht so einfach akzeptieren können“, sagt Endlich. Doch die Vereinbarung mit dem Anatomischen Institut, die der Körperspender zu Lebzeiten unterschrieben hat, ist wie ein Testament oder eine Patientenverfügung.

Gedenkfeier für Körperspender im Dom St. Nikolai in Greifswald: Für Studenten und Angehörige eine emotionale Begegnung. Foto: Tim Brüssau
Gedenkfeier für Körperspender im Dom St. Nikolai in Greifswald: Für Studenten und Angehörige eine emotionale Begegnung. Foto: Tim Brüssau

Günther S., Dietmar T., Elsa Z.

„Diese Erfahrung mit dem toten Körper bleibt – ein ganzes Berufsleben lang“, sagt Probst Frank Hoffmann von der katholischen Probst-gemeinde St. Joseph in Greifswald. „Vielleicht wolltet Ihr die Geschichte des Menschen kennenlernen, vielleicht hattet Ihr Angst, den Körper zu verletzen“, sagt Pfarrer Matthias Gürtler von der evangelischen Domgemeinde St. Nikolai bei seiner Ansprache während der Gedenkfeier.

Beim feierlichen Auszug aus dem Dom halten die Studenten jeweils Kerzen in die Höhe – ein Lichtermeer aus 200 Kerzen entsteht und begleitet die Angehörigen auf den Domvorplatz. Ein sehr würdiger Moment.

Draußen, auf dem Weg zum Friedhof, tauschen sich Angehörige über ihre geliebten Verstorbenen aus, darüber, wie sie mit dem Warten auf die Beerdigung umgegangen sind. „Endlich ein Grab“, sagt eine ältere Frau.

„An die Perspektive der Studenten auf die toten Körper habe ich noch nie gedacht“, sagt einer der Angehörigen auf dem Weg zum Friedhof. Die rund 100 Trauergäste laufen die 15 Minuten zu Fuß durch Greifswalder Parks und Straßen, Studenten tragen einen Blumenkranz an der Spitze des Zuges. Die Polizei sperrt kurzfristig die Kreuzung am Hansering und der Wolgaster Straße.

Am Alten Friedhof, auf der Urnenstelle des Anatomischen Institutes, werden Blumen und Kränze niedergelegt. Die Studenten legen weiße Lilien an den Gedenkstein, viele Angehörigen stellen Gestecke ab, haben Sträuße mitgebracht. Dass es nun einen Ort gibt, an dem sie trauern können, ist für viele erlösend. „Wir haben großen Respekt davor, dass sie den Willen ihres Angehörigen respektiert haben“, sagt Studentin Schweder. Aber die Distanz zwischen Studenten und Angehörigen bleibt: Am Ende des Vormittags suchen nur sehr wenige das Gespräch, zu groß sind offenbar die Unterschiede, die Interessen und die Emotionen.

Rebecca Beerheide

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gennadij
am Donnerstag, 6. August 2015, 19:57

Herr

Vor mehreren Jahren hat mir eine alte Frau gesagt, dass das Körper des Menschen seit tausenden Jahren gleich gebaut ist. Und alle alten Menschen sind im Recht.

,,Freuen dürfen sich alle, die danach hungern und dürsten, dass sich auf der Erde Gottes gerechter Wille durchsetzt - Gott wird ihren Hunger stillen."
Die neue Gute Nachricht. Bibel für dich, Matthäus 5,6
MfG
G. Eistrach

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