ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2015Facharzttermine im internationalen Vergleich: Geringe Wartezeiten in Deutschland

POLITIK

Facharzttermine im internationalen Vergleich: Geringe Wartezeiten in Deutschland

Dtsch Arztebl 2015; 112(31-32): A-1318 / B-1104 / C-1076

Kopetsch, Thomas

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Fopto: picture alliance
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Künftig sollen die KVen Facharzttermine innerhalb von vier Wochen vermitteln. Ein internationaler Vergleich zeigt: In der Schweiz und Deutschland sind die Wartezeiten auch ohne gesetzliche Regelung am kürzesten.

Die derzeit amtierende Große Koalition stellt in ihrem Koalitionsvertrag eine klare Aussage auf: „Für gesetzlich Versicherte wollen wir die Wartezeit auf einen Arzttermin deutlich reduzieren.“ Dieser Satz suggeriert aber, dass es im vertragsärztlichen Bereich Probleme mit langen Wartezeiten auf einen Behandlungstermin gäbe, die gelöst werden müssten. Mit dem inzwischen beschlossenen GKV-Versorgungsstärkungsgesetz werden die Kassenärztlichen Vereinigungen verpflichtet, Terminservicestellen einzurichten. Sie sollen innerhalb von vier Wochen einen Facharzttermin vermitteln. Damit suggeriert die Politik auch: In Deutschland sei die Problematik von Wartezeiten auf Facharzttermine besonders schwerwiegend. Ein Blick in internationale Studien widerlegt dies deutlich.

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Wartezeiten als Maßstab für Qualität

In einer Vielzahl von Studien wird die Qualität eines Gesundheitssystems anhand der Informationen zu Wartelisten und zu Wartezeiten definiert. Bei einem internationalen Vergleich von Wartezeiten muss aber beachtet werden, dass die Länder mit Wartezeiten sehr unterschiedlich umgehen. In einigen Ländern existieren transparente Wartelisten, Wartezeiten werden offiziell erfasst und Angaben darüber veröffentlicht. Andere Länder führen zwar offizielle Wartelisten, veröffentlichen aber keine Angaben darüber. Ein Teil der Länder erfasst Wartezeiten gar nicht.

Für 14 der 34 OECD-Länder können offizielle Angaben zu Wartezeiten auf den entsprechenden Internetseiten recherchiert werden, darunter Australien, Dänemark, Estland, Finnland, Großbritannien, Italien, Kanada, Neuseeland, die Niederlande, Polen, Schweden und Spanien (siehe eTabelle). Allerdings gibt es nur in Australien, Kanada, Großbritannien und Schweden transparente öffentliche Wartelisten, aus denen die Anzahl der wartenden Patienten pro Einrichtung hervorgeht.

Ein spezieller Fall ist dabei Australien: Hier können auf der Webseite des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums Patienten für jedes Territorium die Wartezeiten für öffentliche Krankenhäuser mit ambulanter sowie stationärer Versorgung einsehen. Ähnliches gibt es auch in Dänemark, Kanada und den Niederlanden für einige ausgewählte Indikationen und Diagnoseverfahren. Für die übrigen 20 OECD-Länder sind dagegen keine behördlichen Informationen zu Wartezeiten verfügbar. Das bedeutet aber nicht, dass in diesen Ländern keine Wartezeiten vorkommen.

Auch wenn Wartezeiten in bestimmten Ländern offiziell erfasst werden, sind sie nur schwer miteinander vergleichbar. So ist beispielsweise die Definition von Beginn und Ende der Wartezeit, die statistische Darstellung der Wartezeit sowie die Definition, welcher Patient wirklich auf einen Arzttermin wartet, unterschiedlich.

Daher sind zusätzliche Informationen zur Statistik wichtig, um die Ergebnisse beurteilen zu können. Entscheidend ist vor allem, wie stark die Länge der Wartezeiten unter den Wartenden variiert. Werden nur Mittelwerte bekannt gegeben, sagt dies wenig über die Wartezeit einzelner Patienten aus.

Um diesen Vergleichsproblemen zu begegnen und einen Überblick der Wartezeiten im Ländervergleich zu erhalten, ist ein Blick in eine Umfrage des Commonwealth Fund aus dem Jahr 2010 interessant: Im Rahmen einer Telefonumfrage wurden mehr als 19 000 Personen ab 18 Jahre in Australien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Kanada, Neuseeland, den Niederlanden, Norwegen, Schweden, der Schweiz und den USA unter anderem zu ihren Erfahrungen mit Wartezeiten im Gesundheitssystem befragt. Bei der Befragung lag der Schwerpunkt auf geplanten Operationen und der fachärztlichen Versorgung. Der vom Forscherteam verwendete einheitliche Fragenkatalog bietet die Möglichkeit einer Erhebung von Wartezeiten in den unterschiedlichen Ländern nach grundsätzlich gleichen Kriterien. Problematisch ist bei den Ergebnissen dennoch eine gewisse Subjektivität, da sich die Ergebnisse auf die von Teilnehmern selbstgeschätzte Wartezeit beziehen.

Die Ergebnisse dieser Studie verdeutlichen, dass sich Wartezeiten im Ländervergleich stark unterscheiden. Während in Deutschland von den befragten Patienten nur sieben Prozent der Patienten zwei Monate oder länger auf einen Facharzttermin warteten, sind es in Schweden und Norwegen rund ein Drittel und in Kanada über 40 Prozent (Grafik 1).

Anteil der Befragten, die 2 Monate oder länger auf einen Termin beim Facharzt warten müssen
Anteil der Befragten, die 2 Monate oder länger auf einen Termin beim Facharzt warten müssen
Grafik 1
Anteil der Befragten, die 2 Monate oder länger auf einen Termin beim Facharzt warten müssen

Die Wartezeiten auf einen geplanten Eingriff waren in Kanada am längsten. Hier wartete ein Viertel der befragten Patienten nach eigenen Angaben länger als vier Monate auf einen Termin. In Schweden, Norwegen und Großbritannien waren es über 20 Prozent. In Deutschland musste dagegen niemand der Befragten länger als vier Monate warten.

Facharzttermin schon jetzt innerhalb von vier Wochen

Weniger als einen Monat auf einen Termin beim Facharzt warteten der Umfrage zufolge in Deutschland 83 Prozent aller Patienten, während dies in Australien, Frankreich und Norwegen nur für rund die Hälfte der Befragten zutraf. Kanada rangiert mit einem Anteil von 41 Prozent auf dem letzten Platz (Grafik 2).

Anteil der Befragten, die weniger als einen Monat auf einen Termin beim Facharzt warten mussten
Anteil der Befragten, die weniger als einen Monat auf einen Termin beim Facharzt warten mussten
Grafik 2
Anteil der Befragten, die weniger als einen Monat auf einen Termin beim Facharzt warten mussten

Fazit: Im internationalen Vergleich sind die Wartezeiten in Deutschland und der Schweiz am geringsten. Das heißt, die Länge der Wartezeiten in Deutschland ist bei Heranziehung anderer Länder als Vergleichsmaßstab als gering anzusehen und stellen daher kein Problem dar, das einer politischen Lösung bedarf.

Dr. rer. pol. Thomas Kopetsch

@eTabelle im Internet:
www.aerzteblatt.de/151318
oder über QR-Code.

Anteil der Befragten, die 2 Monate oder länger auf einen Termin beim Facharzt warten müssen
Anteil der Befragten, die 2 Monate oder länger auf einen Termin beim Facharzt warten müssen
Grafik 1
Anteil der Befragten, die 2 Monate oder länger auf einen Termin beim Facharzt warten müssen
Anteil der Befragten, die weniger als einen Monat auf einen Termin beim Facharzt warten mussten
Anteil der Befragten, die weniger als einen Monat auf einen Termin beim Facharzt warten mussten
Grafik 2
Anteil der Befragten, die weniger als einen Monat auf einen Termin beim Facharzt warten mussten
OECD-Länder mit offizieller Erfassung von Wartezeiten im Jahr 2012
OECD-Länder mit offizieller Erfassung von Wartezeiten im Jahr 2012
eTabelle
OECD-Länder mit offizieller Erfassung von Wartezeiten im Jahr 2012

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