EDITORIAL

Psychische Erkrankungen: Die Diagnosen nehmen zu

PP 14, Ausgabe August 2015, Seite 337

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Während die Routinedaten der Krankenkassen seit Jahren eine deutliche Zunahme psychischer Diagnosen belegen, zeigen epidemiologische Daten, dass psychische Erkrankungen in den letzten zwanzig Jahren nicht zugenommen haben. Auf diesen Widerspruch machten Franz Knieps, Vorstand des BKK Dachverbands, und Prof. Dr. phil. Dipl.-Psych. Frank Jacobi, Psychologische Hochschule Berlin, bei der Vorstellung des BKK Gesundheitsatlas 2015 mit dem Titel „Blickpunkt Psyche“ aufmerksam.

Bei den Betriebskrankenkassen (BKKen) haben sich dem Gesundheitsatlas zufolge die Krankentage wegen psychischer Erkrankungen gegenüber 2003 mehr als verdoppelt. Auch die Falldauer bei Krankschreibungen ist in den zehn Jahren bis 2013 um 25 Prozent gestiegen. Bei Depressionen, die einen großen Teil psychischer Diagnosen ausmachen, liegt die Ausfallzeit im Schnitt sogar bei 58 Tagen je Fall. Und nicht nur die BKKen, nahezu alle Krankenkassen berichteten in den letzten Jahren von einer Zunahme psychischer Diagnosen und Fehlzeiten.

Keine Zunahme der 12-Monats-Prävalenz psychischer Störungen in den letzten zwanzig Jahren sieht dagegen Jacobi, wenn er die repräsentativen Bevölkerungsstudien des Robert Koch-Instituts miteinander vergleicht: die DEGS-Studie zur Gesundheit Erwachsener, Zusatzmodul psychische Gesundheit, mit dem Bundesgesundheitssurvey von 1998. Werden psychische Diagnosen also zu häufig oder endlich angemessen gestellt?

Gründe für die Zunahme von psychischen Diagnosen gibt es einige: Psychische Erkrankungen werden nicht mehr so häufig wie früher „übersehen“, weil sie sich hinter somatischen Symptome verbergen. Ärzte fragen inzwischen genauer nach. Gleichzeitig hat auch die Scheu der Patienten abgenommen, psychische Symptome zu schildern und Hilfe einzufordern. Auch haben die Entstigmatisierungskampagnen der letzten Jahre gewirkt und Menschen haben weniger Angst, psychiatrische und psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. BKK-Mann Knieps hob hervor, dass Hausärzte besonders häufig unspezifische Diagnosen gestellt hätten. Er führte das auf das Ansinnen der Ärzte zurück, den Patienten überhaupt Unterstützung anzubieten, wenn in absehbarer Zeit kein Therapieplatz bei einem Psychotherapeuten zu finden sei. Eine zeitnahe Abklärung bei einem Spezialisten für die Psyche könnte hier schnell Klarheit schaffen und ist mit der im GKV-Versorgungsstrukturgesetz vorgegebenen Einführung von Sprechstunden ja auf dem Weg.

Jacobi wies zudem darauf hin, dass der Trend der ständigen Zunahme von Krankschreibungen aufgrund psychischer Probleme auch dazu führen kann, dass Menschen schon bei „normalen“ und vorübergehenden psychischen Belastungen das Hilfesystem aufsuchen. Und auch die fortschreitende Digitalisierung von Krankendaten spiele eine Rolle: Wer einmal mit einer psychischen Diagnose im System von Ärzten, Kliniken, Krankenkassen oder Rentenversicherern ist, den wird diese wahrscheinlich weiter verfolgen.

Die Gründe für die Zunahme psychischer Diagnosen sind vielfältig und sollten sicherlich weiter untersucht werden, um Fehlversorgung, aber auch um eine Medikalisierung sozialer Probleme zu vermeiden.

Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige