ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2015Praxissitzverkauf: Mehr Probleme

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Praxissitzverkauf: Mehr Probleme

Rieser, Sabine

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Die Weitergabe einer Praxis wird schwieriger – aber bestimmte Konstellationen sind privilegiert. Fachleute erwarten, dass Ärzte sich darauf einstellen.

Gefährdete Liegenschaften – diesem Thema hatten sich Autoren in „Berliner Ärzte“, der Zeitschrift der Ärztekammer Berlin, in der Aprilausgabe gewidmet. Es ging um das GKV-Versorgungsstärkungsgesetz (VSG) und die Folgen, besonders um drohende Einschnitte bei Vertragsärzten – vor allem darum, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) dazu verpflichtet werden, Praxen in formal überversorgten Gebieten nicht mehr nachzubesetzen, sondern sie gegebenenfalls aufzukaufen.

Die KV Berlin glaubt, dass die entsprechenden Regelungen im VSG „unmittelbare Auswirkungen auf die Gestaltung der Praxisabgaben haben“ werden, war dort zu lesen. Im Klartext: Niedergelassene Ärzte werden nach Mitteln und Wegen suchen, ihre Praxis entweder einem Wunschnachfolger zu übergeben. Oder sie werden ihren Sitz anderweitig sichern: „Es ist zu erwarten, dass dann die Zahl der Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) sprunghaft ansteigt“, heißt es aktuell bei der KV, „demnächst auch die der arztgruppengleichen MVZ.“

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Umgehungsstrategien

Dr. med. Wolf von Römer wundert das nicht. Wenn die Krankenkassenvertreter im Zulassungsausschuss, anders als die KV-Vertreter, eine Praxis nicht nachbesetzen wollten, müssten sie gegen deren Votum vor den Sozialgerichten klagen. Bis eine letztinstanzliche Entscheidung vorliege, könnten ein bis drei Jahre vergehen, sagt der Vorsitzende des Zulassungsausschusses der KV Bayerns. Das sei ein viel zu langer Zeitraum für einen niedergelassenen Arzt, der in den Ruhestand gehen wolle und einen Interessenten für seine Praxis habe.

Wolfgang Pütz, Hauptabteilungsleiter Bedarfsplanung und Zulassung bei der KV Berlin, geht ebenfalls davon aus, dass viele Vertragsärzte Umgehungsstrategien erwägen. „Viele werden versuchen, ihren Arztsitz in ein MVZ einzubringen und sich dort anstellen zu lassen“, erläutert er. Dann könne der Sitz nicht mehr aufgekauft werden, denn die Regelung greife für angestellte Ärzte nicht. „Die Politik nimmt es hin, dass die Freiberuflichkeit massiv zurückgedrängt wird“, kritisiert der KV-Mitarbeiter. Und dass das Angebot an ambulanter ärztlicher Versorgung möglicherweise deshalb zurückgeht.

Sichere Strategie schwierig

Davon, dass niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten prüfen, wie sie die neuen Begrenzungen umgehen können, geht auch Prof. Dr. Martin Stellpflug aus. Der Fachmann für Kassenarztrecht würde sicher der Behauptung nicht widersprechen, dass sich seine Kollegen über zusätzliche Aufträge freuen können. Allerdings findet er es zum derzeitigen Zeitpunkt nicht einfach, eine sichere Strategie für Mandanten zu entwickeln.

„Vieles spricht dafür, dass man eine geplante Praxisabgabe schnell angeht, weil sich die Spruchlage in den Zulassungsausschüssen nicht so schnell ändern wird“, sagt er. Schließlich müssten deren Mitglieder erst einmal die neue Gesetzeslage umsetzen. Wer schnell ist, könnte also möglicherweise noch nach den bisherigen Regeln seine Praxis übergeben – sofern die Krankenkassen nicht sofort dagegen angehen. Stellpflug geht aber wie andere Fachleute auch davon aus, dass viele ältere Ärzte ihren Sitz in ein MVZ einbringen und so vor dem Aufkauf schützen werden.

Sabine Rieser

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