ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2015Borderline-Persönlichkeitsstörung: Hohe Ansprüche an die Therapeuten

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Borderline-Persönlichkeitsstörung: Hohe Ansprüche an die Therapeuten

Sonnenmoser, Marion

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Netzwerke, die sich auf die Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung spezialisiert haben, gibt es inzwischen in vielen großen Städten. Sie verbessern die Versorgung und erleichtern die Behandlung der oft schwierigen Patienten.

Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung gelten als nicht leicht behandelbar. Sie zeigen selbst- und fremdaggressive Verhaltensweisen, neigen zu Selbstverletzung und Suizid, brechen Psychotherapien oft ab und sprechen auf viele Therapieansätze nicht an. Erschwerend kommen nicht selten komorbide Störungen, wie etwa eine narzisstische Persönlichkeitsstörung und Substanzmissbrauch, hinzu. Aufgrund dieser Besonderheiten stellt die Behandlung von Borderline-Patienten hohe Ansprüche an die Behandler.

Um diesen Ansprüchen und Herausforderungen gerecht zu werden, müssen Therapeuten bestimmte Voraussetzungen mitbringen. Dazu gehören beispielsweise die Bereitschaft, sich auf Borderline-Patienten mit Interesse und Empathie einzulassen, eine spezielle Ausbildung, Therapieerfahrung und die Zusammenarbeit mit anderen Behandlern und Institutionen, im Idealfall im Rahmen einer Praxisgemeinschaft oder eines Netzwerks. Entsprechende Netzwerke, die sich auf die Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung spezialisiert haben, gibt es mittlerweile in vielen großen Städten in Deutschland, etwa in Berlin, Darmstadt, Frankfurt am Main, Hamburg, München, Weimar und Wiesbaden. Ihnen ist gemeinsam, dass sie unter anderem die Dialektisch Behaviorale Therapie (DBT) nach Martha Linehan anwenden. Die DBT gilt zurzeit als eine der effizientesten Therapien zur Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Im Folgenden soll die Arbeitsweise solcher Netzwerke anhand des Darmstädter DBT-Netzwerks aufgezeigt werden.

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Das ambulante DBT-Netzwerk Darmstadt besteht seit 1996. Es wurde durch den Dachverband Dialektisch Behaviorale Therapie e.V. (DDBT) zertifiziert und um die Jahrtausendwende durch Mitarbeiter der TU Darmstadt wissenschaftlich begleitet. Es sind mehrere psychologische und ärztliche Praxen und Praxisgemeinschaften daran beteiligt. Die Zusammenarbeit erfolgt auf kollegialer, gleichberechtigter Basis aller Beteiligten, das heißt, es gibt keine Leitung. Jeder der beteiligten Therapeuten rechnet auf eigene Rechnung ab. Die Kostenerstattung erfolgt nach positiver Begutachtung des Einzelfalls. Momentan werden in der Regel 100 Sitzungen Einzeltherapie und 100 Sitzungen Skills-Training bewilligt.

Ständiger Austausch

Momentan sind 13 zertifizierte DBT-Therapeuten und vier Kollegen in fortgeschrittener DBT-Ausbildung im Rahmen des Netzwerks tätig (sechs Männer und elf Frauen; 14 Verhaltenstherapeuten und drei tiefenpsychologisch orientierte Therapeuten). Ausscheidende Kollegen werden innerhalb kurzer Zeit durch neue ersetzt. Nach Meinung des Darmstädter Teams bringt die Behandlung durch mehrere Therapeuten verschiedene Vorteile mit sich: Zum Beispiel verkürzten sich die Wartezeiten für die Patienten, und die Patienten können sich mit mehreren Therapeuten auseinandersetzen. Die Therapeuten wiederum stehen im ständigen Austausch mit Kollegen und kooperierenden Institutionen. Außerdem erleben sie bei der Behandlung der schwierigen Patientengruppe insgesamt weniger Stress als allein arbeitende Kollegen, weil sich die Belastungen auf mehrere Schultern verteilen und eine breitfächrige Expertise gegeben ist. Das Darmstädter DBT-Netzwerk organisiert DBT-Fortbildungen und sorgt somit dafür, dass die Zahl der qualifizierten Therapeuten steigt. Es wird außerdem zu Vorträgen und Fortbildungen eingeladen und ist in die regionale Versorgung integriert.

Geringe Abbrecherquote

Das Darmstädter DBT-Netzwerk bietet momentan vier Skills-Gruppen mit jeweils circa acht Patienten an. Bisher wurden über 300 Patienten behandelt. Die Gesamtabbrecherquote liegt bei unter 20 Prozent. Das Darmstädter DBT-Netzwerk hat die Erfahrung gemacht, dass ein ambulantes, berufsgruppenübergreifendes Netzwerk in der Praxis gut funktioniert. „Es trägt zur Vernetzung ambulanter und stationärer Strukturen bei und verbessert die Versorgung von Borderline-Patienten erheblich“, berichtet Hans Gunia, Psychotherapeut im Darmstädter DBT-Netzwerk. Darüber hinaus verringert ambulante DBT die Krankenhausverweildauer, die Behandlungskosten sowie die Anzahl der Selbstverletzungen und Therapieabbrüche und ist somit auch unter Kostengesichtspunkten durchaus ein Erfolgsmodell.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

1.
Friedrich J, Gunia H, Huppertz M: Evaluation eines ambulanten Netzwerks für Dialektisch Behaviorale Therapie. Verhaltenstherapie und Verhaltensmedizin 2003; 24: 289–306.
2.
Gunia H: Ambulante Behandlung von Borderline-Persönlichkeitsstörungen, Therapie im Team. Vortrag gehalten am 25. Juni 2015 beim Symposium der DPTV in Berlin.
3.
Gunia H: Psychotherapie von Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung in einem ambulanten Netzwerk. Das Beispiel des Darmstädter DBT-Netzwerkes. Psychotherapie im Dialog 2014; 15(3): 60–3.
1.Friedrich J, Gunia H, Huppertz M: Evaluation eines ambulanten Netzwerks für Dialektisch Behaviorale Therapie. Verhaltenstherapie und Verhaltensmedizin 2003; 24: 289–306.
2.Gunia H: Ambulante Behandlung von Borderline-Persönlichkeitsstörungen, Therapie im Team. Vortrag gehalten am 25. Juni 2015 beim Symposium der DPTV in Berlin.
3.Gunia H: Psychotherapie von Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung in einem ambulanten Netzwerk. Das Beispiel des Darmstädter DBT-Netzwerkes. Psychotherapie im Dialog 2014; 15(3): 60–3.

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