ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2015Psychodynamische Psychotherapie: Vom therapeutischen Umgang mit älteren Menschen

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Psychodynamische Psychotherapie: Vom therapeutischen Umgang mit älteren Menschen

Moser, Tilmann

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Für eine Psychotherapie gibt es keine Altersgrenze mehr. Der Verlust des Partners, Fragen der Lebensbilanz, eine erstarrte Sexualität, aber auch unverarbeitete Kriegs- und Fluchterinnerungen können konstruktiv bearbeitet werden. Tilmann Moser

Foto: iStockphoto
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Sigmund Freud war noch der Meinung, nach dem 40. Lebensjahr lohne es sich nicht mehr, Menschen in Therapie zu nehmen: Zu vieles habe sich seelisch bereits zu sehr verfestigt, die Abwehr sei stärker, und man müsse sogar mit einer gewissen Erstarrung rechnen und wenig Bereitschaft, sich noch gründlich an der Struktur und den oft lieb gewordenen Symptomen zu verändern. Dem haben sich noch lange Jahrzehnte viele seiner Schüler und Tausende von späteren Analytikern angeschlossen. Meist aber waren Freuds dennoch ältere Patienten Kollegen zur Lehranalyse und viele amerikanische Psychiater, die nur für ein paar Monate nach Wien kamen, um so viel über sich zu erfahren, wie es in der kurzen Zeit möglich war, oft ohne langwierige tiefe Regression. Für Freud ging es gelegentlich auch nur um die Festigung einer psychoanalytischen Glaubensbereitschaft der künftigen ersehnten Verbreiter und Missionare der Lehre.

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Seit einigen Jahrzehnten haben sich die Altersgrenzen nach oben verschoben. Es gab immer wieder Fallberichte und klinische Vignetten über einige weit ältere Patienten, denen sich auch die Forschung angenommen hat, so dass es heute praktisch keine Altersgrenze mehr gibt, soweit die Leidenden noch sprachmächtig und nicht dement sind. Selbst die Krankenkassen sind großzügig geworden und zahlen, wenn die Anträge gut begründet sind.

Nach Erlebnissen vor der eigenen Lebenszeit fragen

Mein ältester Patient wird demnächst 88. Er nimmt eine Stunde Autofahrt inkauf und steigt mühsam mit Krücken die drei Altbaustockwerke zur Praxis hoch, klingelt deswegen immer zehn Minuten früher. Aber geistig ist er hellwach, und ich darf das tun, was ich schon seit langem jüngeren Kollegen mit älteren Patienten angeraten habe: nach ihren Erlebnissen sogar forschend fragen, die vor der Lebenszeit der jüngeren liegen. Oftmals nähern die Patienten sich dann zögernd ihren älteren, auch politischen Erinnerungen und Leiden an, von denen sie zweifeln, ob die Jungen ihnen genug Verständnis entgegenbringen können. Doch oft ist Dankbarkeit die Folge, wenn sie das entgegengebrachte Interesse spüren und neben dem Sprechen über ihre seelischen Beschwernisse auch historische Auskunft geben und geschichtlich Ahnungslose sogar belehren können. Die Berichte, die sie oft in ihrer Familie wegen des allgemeinen Schweigens nie loswerden konnten – es sei denn, sie waren unermüdliche und ermüdende Erzähler ihrer Kriegserlebnisse – bedeuten oft schon in sich Erleichterung und haben therapeutische Wirkung. Die Neugier ihres Begleiters ist befriedigend und erfreulich und hilft dann auch bei den „normalen“ schwierigen Bekenntnissen und der Überwindung der Schambarrieren, gerade auch gegenüber jüngeren Kollegen.

Konfliktbearbeitung oder einfühlsame Begleitung

Was sind spezielle Altersprobleme, die zum Psychotherapeuten führen: Oft ist es der Verlust des Lebenspartners, der in Trauer und Depression führt. Dann wird beides zum Thema, aber zunächst mag Hilfe beim Trauern gefragt sein. Der Verlust mag tiefe Verzweiflung mit sich bringen, Resignation und Lebensüberdruss und ängstliches Fragen, ob man das noch anstehende und einsame Leben wird bewältigen können. Auch frühere Depressionen können wieder auftauchen und wollen bearbeitet werden. Die große Frage ist, kann es auch noch um die Bearbeitung früherer und wieder aktivierter Konflikte gehen, oder geht es vorwiegend um schützende und ermutigende Begleitung. Aber da frühere Personen wie die Eltern bei älteren Patienten oft nie konfrontiert oder angeklagt werden durften, weil der Familienfrieden oberstes Gebot war, kommt es durchaus vor, dass alter Groll, „getriggert“ durch die Therapie, noch einmal hochkochen oder explodieren kann. Es erleichtert, wenn der Therapeut solche Klagen, Vorwürfe und eingemauerte Wut verständnisvoll annimmt und sich begleitend einfühlt.

Wichtig sind auch im Alter auftauchende Fragen der Lebensbilanz – natürlich neben den eher konflikthaften seelischen Leiden nach der oft sich schockartig meldenden oder sich hinziehenden Auswirkungen der Pensionierung. Viele Wünsche und Sehnsüchte, die zäh gehalten werden, müssen aufgegeben werden, längst vorgenommene Reisen können nicht mehr unternommen werden, Freunde und geliebte Verwandte sterben. Manch einer bedrückt sich seit Jahren melancholisch bis verängstigt mit der Lektüre von Todesnachrichten in der Morgenzeitung mit der Sorge: Wann trifft es mich?

Die Hilfe bei der Lebensbilanz ist eine wichtige Arbeit: Erfolge und Misserfolge, verwelkte Hoffnungen, aber auch die Triumphe wollen noch einmal besichtigt werden, aber selbst bei gelungenen Taten und Leistungen hängt die Trauer um mangelnde Anerkennung oft bis ins hohe Alter nach. Und spät kann, vor allem von ganz Tüchtigen und erbarmungslos Ehrgeizigen, der Preis erkannt werden, den sie in Familie und kultureller Lebenserfüllung bezahlt haben. Dann ist Reue ein Problem, und es geht um langsames Verständnis, für welche Leiden und manchmal frühe Traumatisierungen die Gier nach Auszeichnung und Erfolg eine tröstliche Kompensation war. So mancher Lebensrückblick lässt sich noch aufhellen. Diejenigen, die dankbar auf ein erfülltes Leben zurückschauen, suchen statistisch natürlich seltener therapeutische Hilfe.

Eines der schwierigsten Themen mit älteren Patienten ist die Sexualität. Ganz allgemein sind viele langjährige Partnerschaften erstarrt in hilflosem, latent vorwurfsvollen oder auch bitterem Schweigen, und beide Partner leiden. Aber oft kommt nur einer und sucht Rat und Unterstützung. Gefühle sind nicht mehr ansprechbar, Gespräche seit langem versandet. Wenn es angebracht erscheint, lade ich die Partner zu einigen Stunden mit ein, oder es kommt zu einer Paartherapie. Noch schwieriger kann es werden, wenn die Sexualität ruht. Wenn Kränkungen schwelen, wenn es um Versagen und andere Formen der Beschämung geht. Scham herrscht oft schon bei der Benennung von Körperteilen, nie geäußerten Wünschen, Fantasien, Zeitpunkten, Initiativen und Aktivitäten. Manchmal ist, für beide Bereiche, eine Art Sprachkurs angezeigt, ein vorsichtiges Redenlernen, bei dem man die Einfühlung in nie verwendete Wörter kleiden muss oder in erfühlte Sätze, vor denen sich zu viel Scham aufgehäuft hat. Aber wenn der Dialog oder gar stillgelegte erotische Begegnungen wieder in Gang kommen, wird man belohnt durch scheue Freude auf den Gesichtern.

Bei vielen Paaren herrscht ein fast unsinnig früher Abschied von der Sexualität vor, nur weil man glaubt, „das“ gehöre sich nicht mehr. Noch schwieriger, wenn meist die Frau viel früher „Schluss machen” will und sich abwendet oder er resigniert sein eigenes Schlafzimmer bezieht. Manchmal hilft auch nur das späte Goethewort der „Entsagung“, aber auch die will mühsam erarbeitet werden. Doch real sind sexuellen Aktivitäten bis ins hohe Alter kaum Grenzen gesetzt, und am besten ist es, wenn man den einen oder beide Partner zu fröhlichem Anfängergeist oder spätem humorvoll pubertierenden Experimentieren ermutigen kann.

Vertriebene erinnern Wunden langer Heimatlosigkeit

Kriegs-, Flucht- und Trümmererinnerungen tauchen auf, mit nie erzählten und verarbeiteten Schmerzen, weil Überleben und tapferes Durchstehen angesagt waren, und gelegentlich hat man es auch mit Schuld- und Schamgefühlen von Tätern zu tun, obwohl es nur allzu bekannt ist, wie diese fast universell kollektiv verdrängt werden konnten oder gar nie bestanden. Aber selbst im hohen Alter tauchen bei Vertriebenen und Flüchtlingen noch die Wunden langer Heimatlosigkeit wieder auf, auch wenn viele sich im Wirtschaftswunder neue, sogar besser Existenzen aufgebaut haben. Die Jahre in Lagern oder Randsiedlungen, ja Ghettos, die Geringschätzung und die Schmähungen werden wieder erinnert, der Neid und die jahrelange Fremdheit in der neuen Heimat, die nicht wirklich eine geworden ist, erscheinen als dunkle, scheinbar vergangene Nebelschwaden der Depression. Sich Abfinden mit Unabänderlichem ist die neue und letzte Lebensaufgabe, und hier hilft geduldige therapeutische Würdigung des trotzdem Erreichten viel, sogar Beistand bei nachträglicher Freude, Stolz und Selbstanerkennung, die aus den verschiedensten Gründen behindert waren. Unverstanden gewesen sein kann noch einmal hochkochen, und Verständnis kann durchaus vom Therapeuten in begrenztem Umfang nachgeliefert werden. Beim Abschied aus solchen Stunden spürt man oft an einem verlängerten Händedruck die Dankbarkeit, und man darf eine gerührte scheue Umarmung ruhig entgegennehmen, man darf wissen, dass sie sogar riskiert wird am Ende eines körperlich kargen Lebens ohne viel Berührung. Bei wirklich großer Trauer und Verzweiflung sollte sich der Therapeut auch nicht an das noch immer geltende klassische Berührungsverbot für Analytiker klammern und gelegentlich eine haltende Hand anbieten, wie einen erweiterten Container für sonst kaum aushaltbare Gefühle.

Ausblick auf oder Vergleich mit dem eigenen Altererleben

Psychotherapien und Analysen mit älteren Menschen, gar wenn man selbst noch jünger ist, bringen Erfahrungen ganz eigener Art: nämlich einen potenziellen Ausblick auf das eigene kommende Alter, Vergleiche mit den Lebensschicksalen der eigenen Eltern; oder wenn man selbst einer ähnlichen Generation angehört, den Vergleich mit dem eigenen Alterserleben, den eigenen Lösungen oder Lösungsversuchen. Vielleicht braucht es auch nicht die gleiche strikte Abstinenz, was eigene Mitteilungen angeht: Ratschläge sind nicht mehr im gleichen Maß Schläge, wie bei Jüngeren, die noch um ihre wachsende oder bedrohte Autonomie kämpfen, sondern sie werden eher als solidarisch fürsorglich erlebt: aus einer altersähnlichen Lebenserfahrung heraus gegeben und also weniger kränkend, nicht besserwisserisch, sondern hilfreich und zum Nachdenken und Überdenken des eigenen Standpunktes anregend, und zu noch ausstehenden, noch unsicheren und auch ängstigenden neuen Lebensversuchen ermutigend.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    PP 2015; 13(8): 361–3

Anschrift des Verfassers:
Dr. phil. Tilmann Moser, Aumattenweg 3,
79117 Freiburg, tilmann.moser@gmx.de,
www.tilmannmoser.de

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