ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2015Gesundheit und Arbeit: Den Weg zurückfinden

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Gesundheit und Arbeit: Den Weg zurückfinden

Gerst, Thomas

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Gesund­heits­förder­ung in Betrieben bedeutet auch, Kranken eine Teilhabe am Erwerbsleben zu ermöglichen.

Foto. dpa
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Die Zahlen sind alarmierend: Im Jahr 2020 werden die 50- bis 60-Jährigen bereits die Mehrheit der Erwerbstätigen in Deutschland stellen. Befragt man heute die Menschen danach, wie gesund sie sich fühlen, so ist bei den 55- bis 64-Jährigen der Anteil derjenigen, die darauf mit „mäßig“ oder „schlecht“ antworten, mit 30 Prozent sehr hoch, verglichen mit den zehn Prozent bei den 18- bis 34-Jährigen.

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Teilhabe am Erwerbsleben

Der Durchschnitt der Krankheitstage pro Arbeitnehmer hat seit 2002 um 60 Prozent auf 9,5 zugenommen. Vorgelegt wurden die Zahlen bei der Veranstaltung des Berufsförderungswerks (BFW) Dortmund „Return to Work – Innovative, interdisziplinäre und praxisorientierte Wege zurück in die Arbeit“ am 23. Juni. Die Zahlen zeigen: Künftig wird jeder im Erwerbsleben gebraucht; auch die Zuwanderung deckt bei weitem nicht den zukünftigen Bedarf. Gesundheit bei der Arbeit wird so ein ganz wichtiges Thema, und genauso wichtig wird es sein, Kranken im Rahmen ihrer Möglichkeiten eine Teilhabe am Erwerbsleben zu ermöglichen. „Das Thema Gesundheit wird zu einem strategischen Erfolgsfaktor, nicht nur für den Betrieb, sondern auch für die Volkswirtschaft“, glaubt Prof. Dr. Jutta Rump, Leiterin des Instituts für Beschäftigung und Employability in Ludwigshafen. Es komme darauf an, alle Möglichkeiten zum Erhalt der Arbeitsfähigkeit zu nutzen, und das gelte auch für Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen. Jeder Einzelne müsse dort abgeholt werden, wo er stehe. Dazu bedürfe es eines Personal- und Gesundheitsmanagements, das als Führungsaufgabe wahrgenommen werde. Gesund­heits­förder­ung bedeute in diesem Kontext mehr als die Durchführung einiger Maßnahmen, sie müsse fester Bestandteil der Unternehmenskultur sein. „Wertschöpfung durch Wertschätzung“ ist für Rump künftig das Leitmotiv für eine Arbeitsorganisation unter Berücksichtigung der jeweiligen gesundheitlichen Potenziale, neudeutsch als Employability-Management bezeichnet.

Dabei geht es um die Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt. Prof. Dr. med. Andreas Weber, Leiter des medizinischen Dienstes des BFW Dortmund, sieht darin einen Unterschied zum klassischen Ansatz der medizinischen Rehabilitation. Das Arbeitsleben bleibe stets im Fokus. Für Weber ist „Arbeit mit Krankheit“ heute ohnehin längst Realität. Gesundheit und Krankheit seien die wesentlichen Faktoren für die Erwerbsteilhabe im höheren Alter. Wenn es um die Rückführung kranker Arbeitnehmer ins Arbeitsleben gehe, komme es natürlich auch ganz entscheidend auf die Motivation des/der einzelnen Betroffenen an; aber darüber hinaus ist das gute Zusammenwirken vieler Player – Gesundheitsmanagement, Betriebsärzte, Krankenkassen, Unfall-, Rentenversicherung – an den Schnittstellen nötig.

Vorbild Niederlande

Hier könnte ein Vergleich mit den Niederlanden noch Verbesserungsmöglichkeiten aufzeigen. Darauf wies Prof. Dr. rer. nat. Oskar Mittag vom Institut für Qualitätsmanagement und Sozialmedizin des Universitätsklinikums Freiburg hin. Ist im Nachbarland ein Arbeitnehmer länger krank, beginnt schon recht bald, das heißt spätestens nach fünf Wochen, eine Art „fürsorgliche Belagerung“. Es gibt einen aktiven Wiedereingliederungsprozess nach einem gesetzlich festgelegten Fahrplan. Starke Anreize, insbesondere die bis zu zwei Jahren dauernde Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, sorgen dafür, dass auch die Arbeitgeber mit großem Engagement bei der Sache sind. Für Mittag ist klar: Wer erst einmal, wie es in Deutschland häufig der Fall ist, infolge einer Erkrankung sechs Monate aus dem Arbeitsleben heraus ist, der ist nur schwer wieder zurückzuführen.

Thomas Gerst

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