ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2015Interview mit Prof. Dr. phil. Thomas Bock, Leiter der Ambulanz für Psychosen und Bipolare Störungen am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE): „Die Menschen ringen mit einem sinnhaften Bezug ihrer Erkrankung“

THEMEN DER ZEIT: Interview

Interview mit Prof. Dr. phil. Thomas Bock, Leiter der Ambulanz für Psychosen und Bipolare Störungen am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE): „Die Menschen ringen mit einem sinnhaften Bezug ihrer Erkrankung“

PP 14, Ausgabe August 2015, Seite 364

Britten, Uwe

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Psychosen haben eine biografische Sinndimension. Unabhängig von der therapeutischen Schule sollte die Therapie deshalb biografisch orientiert sein.

Der Psychologische Psychotherapeut Dr. phil. Thomas Bock beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Psychosenbehandlung. In einem mehrjährigen Forschungsprojekt gingen er und sein Team zuletzt der Frage nach, welche Bedeutung in der Entstehung, aber auch in der Therapie die subjektive Sinngebung des Krankheitsgeschehens durch die Erkrankten selbst hat. Drei Viertel aller Befragten gaben an, die Erkrankung sei eng mit ihrem eigenen Leben verwurzelt. Sie konstruieren ihre Psychose oft völlig anders als die Fachwelt.

Prof. Dr. phil. Thomas Bock, Leiter der Ambulanz für Psychosen und Bipolare Störungen am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) (Foto: Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf)
Prof. Dr. phil. Thomas Bock, Leiter der Ambulanz für Psychosen und Bipolare Störungen am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) (Foto: Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf)
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Herr Prof. Bock, Sie verstehen psychotische Erkrankungen als einen wichtigen menschlichen Erfahrungsraum, sogar als eine Vertiefung des Menschseins.

Thomas Bock: Ja, weil der Mensch in einer Psychose an existenzielle Themen herankommt: die Balance von Nähe und Distanz, Sein und Nichtsein, Autonomie und Bindung. Das sind Spannungsfelder, die jeden Einzelnen von uns herausfordern und die in psychischen Krisen noch existenzieller und damit noch bedrohlicher werden. 29 Prozent der Befragten beschrieben ihr Erleben während der Psychose mit „Angst“. Das müssen wir fachlich ,entängstigen‘ und sinnhaft, also biografisch, integrieren. Dabei geht es ganz und gar nicht darum, das innere Krisengeschehen zu verharmlosen . . .

In rein medizinischen Darstellungen entsteht oft eher der Eindruck, als
„befiele“ uns eine psychische Störung.

Bock: Wir müssen den Kontext sehen. Auch Gehirnprozesse vollziehen sich nicht aus sich heraus, sondern hängen beispielsweise damit zusammen, wie wir wahrnehmen. Längst ist ja vom Gehirn als sozialem Organ die Rede. Auch das Gehirn re-agiert. Das alles resultiert aus einer tiefen Wechselwirkung. Allein 20 Prozent der Befragten geben an, die Psychose sei durch einen Substanzmittelmissbrauch entstanden – auch die Einnahme von Suchtmitteln hat ja psychische Gründe. Ebenso viele hielten berufliche Stressoren für ausschlaggebend. 13 Prozent sprachen von Partnerproblemen und Trennungen.

Damit wird deutlich, dass wir auch bei Psychosen den Bezug des Menschen zu sich selbst und zu seinem Leben nicht tilgen dürfen. Die Symptome sind nichts Abgespaltenes oder Abspaltbares. Lange Zeit ist ein psychisches Krankheitsgeschehen als „extrinsisch“ zu erklären versucht worden. Das geht nicht. Wir brauchen den Rückkopplungsprozess zum Inneren, zur Psyche, zum Lebensverlauf. Selbst Psychosen müssen wir als etwas Besonderes für die jeweiligen Menschen verstehen lernen. Wir müssen den Zusammenhang zum gelebten Leben sehen. Die betroffenen Menschen sollten die Chance haben, sich das Geschehen wieder anzueignen und eben nicht abzuspalten.

Diesem konsequent konstruktiven Blick wird manchmal vorgeworfen, er sei eine Bagatellisierung psychischen Leidens.

Bock: Einer Erfahrung keine biografisch-sinnhafte Bedeutung einzuräumen, das ist doch viel eher bagatellisierend. Gerade wir in der Psychosenambulanz haben ja nun eher selten mit kurzen Krankheitsepisoden oder „leichten Fällen“ zu tun. Gerade die Menschen mit wiederkehrenden Psychosen ringen mit einem inneren, sinnhaften Bezug ihrer Erkrankung. Sie wollen zum Beispiel eben nicht als bloße Symptomträger betrachtet werden, sondern als Menschen. Sie wollen in ihrer Komplexität und nicht reduziert wahrgenommen werden. Aber auch die Forschung ist hier längst eindeutig: Die Genetik oder die Transmitter im Gehirn erklären allein keine Psychose oder irgendeine andere psychische Beeinträchtigung. Unabhängig von der therapeutischen Schule muss die Psychosenbehandlung biografisch orientiert sein.

Wie funktioniert die Suche nach der subjektiven Sinngebung therapeutisch?

Bock: So banal das klingen mag: Für Therapeuten heißt das erst einmal, zuhören zu lernen, sich dem anderen zuzuwenden und wahrzunehmen, was er wahrnimmt. Diese Wahrnehmung spiegeln wir und helfen zu sortieren, um herauszufinden, was davon verständlich ist beziehungsweise werden kann und welche Anteile zusätzlich eine Rolle spielen, um innere Erlebnisse zu erklären und diese vielleicht auch zu relativieren. Auf diesem Weg kann eine Eigendynamik vermieden werden. Es geht um eine Zuordnung von Lebenserfahrungen. Ein möglichst kohärenter Zusammenhang kommt bei diesem Suchen in einem vorsichtigen Prozess und ganz allmählich zustande. Unsere Erfahrung ist, dass dieses gemeinsame Suchen als verbindende Haltung manchmal viel wichtiger ist als das Finden.

Es geht um die Fragen: Was hat das krisenhafte Geschehen mit dem Individuum zu tun? Welche Anteile gilt es davon zu respektieren und zu akzeptieren im weiteren Leben? Auf welche Empfindlichkeiten muss ich mich zukünftig einstellen? Muss ich eigene Ansprüche und Erwartungen an mein Leben relativieren? Muss ich mich von fremden, insbesondere familiären Erwartungen distanzieren? Wo liegen meine eigenen Maßstäbe? Und natürlich: Wo liegt vielleicht auch ein Gewinn, eine Stärke, eine anzuerkennende Besonderheit?

Sinngebung meint dann die Bewältigung der Krise und die Einbettung der Erfahrung in den zukünftigen Lebensalltag?

Bock: Es geht um eine Unterscheidung: Was sind störende Anteile und was sind bedeutsame Inhalte, die zu einem kohärenten Ganzen verbunden werden können. Wie ein Puzzle, das aber wohl nie ganz vollständig sein wird. Es geht um die Rekonstruktion des eigenen Lebens. Dabei bleibt es immer auch bei Schmerzlichem und bei Spannungsfeldern. Und natürlich auch bei Lücken.

Wenn sich die Sinngebung auf religiöse und andere „jenseitige“ Erfahrungen richtet, ist das nicht immer leicht nachvollziehbar.

Bock: Mir erscheint es wichtig, auch metaphysische Komponenten in unserem Leben mitzuberücksichtigen, um ethische und moralische Werte zu würdigen. Einen Zugang zu dieser Dimension des menschlichen Daseins halte ich für notwendig. Im Übrigen bringen besonders Menschen mit psychotischen Erlebnissen diesen Zugang von sich aus ein. Als Therapeuten müssen wir uns dem stellen. Ich habe religiöse Bezüge eher als hilfreich denn als schädlich erlebt in meiner therapeutischen Arbeit.

Aber natürlich können allzu enge moralische Vorstellungen, wie sie aus der Religion erwachsen können, auch hinderlich sein, etwa bei der Sexualität.

Letztlich plädieren Sie für einen noch stärkeren Einbezug von Psychotherapie auch auf Gebieten, auf denen sie bisher als kontraindiziert galt.

Bock: Wir haben in unserer Forschungsarbeit festgestellt, dass psychotische Klienten, die einen Bezug zwischen Erkrankung und Lebenserfahrung herstellen, viel schneller ent-ängstigt sind und hoffnungsfroher in die Zukunft blicken. Daraus erwächst ein Argument für biografisch orientierte Psychotherapie, die das Leben rekonstruiert und das innere Erleben des anderen ernst nimmt – und sei es noch so „schräg“.

Muss sich die therapeutisch-fachliche Sprache dazu verändern?

Bock: Das ist unerlässlich. Im Vordergrund muss stehen, die Sprache des Erkrankten ernst zu nehmen, sich auf diese Sprache einzulassen und unsere Fachsprache hinten anzustellen. Wir brauchen eine gemeinsame Sprache und nicht eine medizinische Fremdsprache.

Bei psychotischen Erkrankungen hat man in der ärztlichen und psychotherapeutischen Praxis meistens auch mit den Angehörigen zu tun, die ebenfalls stark belastet sind von den psychotischen Geschehnissen – sind die offen für Ihren Ansatz?

Bock: Wir müssen hier sehen, warum auch die Belastung der Angehörigen so groß ist. Angehörige erleben das Geschehen als sehr bedrohlich, weil sie zu oft fachlich alleingelassen und nicht angemessen in den therapeutischen Prozess einbezogen werden. Dem Ansatz, psychische Beeinträchtigungen und Erkrankungen in den Kontext eines subjektiven Sinns zu stellen, sind sie sehr aufgeschlossen. Auch bei ihnen tritt sofort eine Entängstigung ein. Sie spüren schnell, dass hinter diesem Ansatz eine ungeheure Kraft steckt, übrigens auch was die Entstigmatisierung betrifft. Es gibt sogar den Prozess, dass Familien durch psychotische Krisen enger zusammenrücken und neue Nähe finden. Plötzlich ist eine Kommunikation möglich, die viel tiefer geht, als sie vorher war.

Seit dreißig Jahren beschäftigen Sie sich nun mit der Psychosenbehandlung. Auf welche Resonanz stoßen Sie mit Ihrem Ansatz?

Bock: Auf große Resonanz. Viele Therapeutinnen und Therapeuten arbeiten ja auch schon so. Und sie werden nun noch einmal bestätigt durch unsere Forschungsergebnisse im SuSi-Projekt, die wir soeben unter dem Titel „Sinnsuche und Genesung“ veröffentlicht haben. Diese Forschungen werden noch weitergehen; wir wollen sie auf zusätzliche psychische Erkrankungen ausweiten.

Das Gespräch führte Uwe Britten

zur Person

Prof. Dr. phil. Thomas Bock ist Psychologischer Psychotherapeut und Leiter der Ambulanz für Psychosen und Bipolare Störungen sowie der Krisentagesklinik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Er ist Autor zahlreicher Fachartikel und Bücher. Seit Jahren setzt er sich für die Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen ein.

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